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Satte Farben vor Schwarz

Meinungen
10

3 Sterne aus 101 Bewertungen

Kinostart: 13.01.2011
FSK: o.Al.
Genre: Drama
Tags: Liebe, Beziehung, Tod, Krebs, Selbstmord, Alter
 

Eines langen Tages Reise in die Nacht

Erwachen. Gemeinsam öffnen Anita (Senta Berger) und Fred (Bruno Ganz) die Augen, wie unzählige Male in den vergangenen fünfzig Jahre. An jenem Morgen spürt Anita eine Veränderung in ihrem Ehemann. Als sie Fred später in der Stadt trifft, bemerkt er Anita nicht. Statt ins Büro geht er in eine andere Wohnung, die er heimlich gekauft hat. Unmöbliert, abweisend, kalt – der erste Ort in den letzten fünfzig Jahren, den Fred nicht mit seiner Frau teilen will. Entsetzt läuft Anita davon, nachdem Fred ihr dies sagt. Nicht vor ihm, sondern einer unausgesprochenen Wahrheit.

Doch Sophie Heldmanns eindringliches Drama Satte Farben vor Schwarz handelt nicht von Flucht vor der Realität, sondern dem kompromisslosen Umgang mit ihr. Seit Jahrzehnten sind Anita und Fred glücklich zusammen. Ihr Sohn Patrick (Barnaby Metschurat) wird in wenigen Tagen zur Hochzeit seiner Schwester Karoline (Carina Wiese) anreisen. Enkelin Yvonne wird bald ihr Abitur machen. Ein luxuriöses Heim, Geld, ein anregendes Leben; alles besitzen Anita und Fred, außer was sie sich am sehnlichsten wünschen: Zeit. Ohne dies wird der Wohlstand, die Freude an ihrer Familie und die Lust am gemeinsamen Leben zum grausamen Hohn. Die Leere der Eigentumswohnung Freds bezeichnet die Leere, welche das Paar erwartet: Fred in Behandlungsräumen, Siechtum und physischer Verfall, Anita in einem Leben ohne Zweisamkeit, alt und verhärmt, weil es die Liebe war, die sie jung gehalten hat.

"Wir haben immer nie über das Ende gesprochen. Immer nur über das, was davor kommt", sagt Fred zu Anita. Regisseurin und Drehbuchautorin Heldmann hingegen spricht in ihrem herben und dennoch zärtlichen Kinodebüt offen über die Tabuthemen Tod und Freitod. Der gemeinsame Schritt in die Finsternis ist in ihrem zurückgenommenen Figurenspiel nicht Folge eines unglücklichen, sondern eines erfüllten Lebens. Satte Farben vor Schwarz ließen es erstrahlen. Nun, da nichts mehr kommt, ist es Zeit zu gehen. Anita und Fred graut es vor dem Warten auf einen kriechenden Tod, sie weigern sich, dieses Warten zu akzeptieren. Mit großer Beherrschung zeichnen Bruno Ganz und Senta Berger das intime Doppelporträt eines reifen Paares. Aus ihrem schauspielerischen Duell gehen beide als Sieger hervor. Die intensivsten Emotionen Trauer, Liebe und Schmerz klingen nur subtil an, doch räsonieren dadurch umso nachhaltiger.

Fred unterdrückt seine emotionale Aufruhr, will schließlich sein Leiden und mit ihm sich selbst in das Exil der Zweitwohnung verbannen. Etwas Kantiges, beinah Linkisches schleicht sich mit dem Wissen um die Endlichkeit des eigenen Seins in den Habitus des souveränen Geschäftsmanns. Ausgerechnet die geliebten Menschen, vor denen er seine Verunsicherung am meisten verbergen will, fühlen es unbewusst. Als Fred keinen Schlaf findet, setzt er sich nachts zu seinen Kindern und Anita. Einen Augenblick später sitzt er im Zimmer allein. Nur die Enkelin Yvonne, die von seiner Erkrankung nichts weiß, bleibt mit ungutem Gefühl zurück. Anita hingegen externalisiert ihren Konflikt. Sie spricht als erste das Thema an. Prostatakrebs sei heute keine so schlimme Diagnose mehr, sagt sie und weiß, dass sie sich belügt.

Als sie eines Abends allein im Haus ist und ihren Aufruhr niemandem mitteilen kann, tobt ein Unwetter über dem Anwesen. Der innere Sturm scheint nach außen gedrungen zu sein und manifestiert sich durch ein heftiges Unwetter. Aus verzweifeltem Trotz zieht sie nach der Gewitternacht in einen Seniorenstift. Die Bevormundung und zwischenmenschliche Kälte, welche sie hier gegenüber einer Mitbewohnerin - bravurös: Traute Hoess - mitansieht, besiegelt ihren Entschluss zum Freitod. Die Haltung des sozialen und familiären Umfeldes lässt Heldmann bewusst im Dunkeln. Satte Farben vor Schwarz urteilt nicht, zeigt weder Betroffenheitsklischees, noch diktiert er Verständnis. Das Kammerspiel zweier Seelen endet nicht in Stille im Moment des letzten Einschlafens, sondern beginnt mit ihr. Immer eindringlicher wird die schwerelose Musik, bis sie in einer friedlichen Nacht mündet, die so erfüllt von Liebe scheint, wie das Leben davor.

(Lida Bach)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2010
Länge: 85 (Min.)
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 13.01.2011

Cast & Crew

Regie: Sophie Heldmann
Drehbuch: Felix zu Knyphausen, Sophie Heldmann
Kamera: Christine A. Maier
Schnitt: Isabel Meier
Musik: Balz Bachmann
Hauptdarsteller: Bruno Ganz, Barnaby Metschurat, Carina Wiese, Senta Berger, Leonie Benesch

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 10)
Von: Hildegard Luttenberger am: 22.02.11
Gestern der Film heute im Netz nachschauen und jetzt sich äußern. Ich mag es, so wenig aufdringlich und doch so sehr deutlich angeregt zu werden über das Leben an sich und auch über die Maßstab wann es für mich noch lebenswert ist nachzudenken. Die Beiden wählten der Weg in den Freitod aus meiner Sicht zu früh - zumal sie eine Methode hatten die nicht (oder nicht so ohne weiteres) zur Verfügung steht. Mögen die Möglichkeiten nicht am Leben bleiben zu müssen besser werden - auch damit wir lange ja zum Leben sagen können.
Von: Ingrid am: 03.02.11
Super Film mit zwei exzellenten Darstellern. Der Film hat mich noch lange beschäftigt.
Von: Reinhard Schoppmann am: 02.02.11
Der Film ist total geistlos! Ich bin fast 60 Jahre mit derselben Frau verheiratet gewesen,jetzt Witwer.Kann nur sagen: Das reale Leben ist anders !
Von: Inge am: 27.01.11
Ich kann mich den Meinungen der Vorgänger nur anschließen. Ich habe die Botschaft des Filmes auch nicht verstanden. Total emotionslos nimmt sich ein paar das Leben, das immer gut gelebt hat, ohne vorher darüber zu sprechen. Was soll das denn, wo leben wir eigentlich?
Von: Bretscher Christof am: 26.01.11
eine hohle Nuss bezeichnet diesen Film ohne echte Aussage nach meinem Empfinden am besten. Und dennoch hinterließ er bei mir einen nachhaltigen Eindruck von Leere, Inkompetenz und Trübsinn. Die Ganz und Berger will ich zwar nicht kritisieren, sie können allerdings nicht überzeugen, vermutlich infolge eigener fehlender Überzeugung.

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