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Passengers (2016)

Meinungen
3

3 Sterne aus 6 Bewertungen

Originaltitel: Passengers
Kinostart: 05.01.2017
FSK: 12
Genre: Science Fiction, Liebesfilm
Tags: Jennifer Lawrence, Science Fiction

Stockholm-Syndrom im All

Ein bisschen gleicht die Genese von Morten Tyldums (The Imitation Game) neuem Film Passengers der des hier porträtierten Raumschiffes: Die Avalon ist ein perfekt konstruiertes Raumschiff mit allen Annehmlichkeiten, auf dem neusten Stand der Technik und dazu noch so sicher wie möglich konzipiert. Da kann eigentlich nichts schiefgehen, oder? Doch dann bringt eine Kleinigkeit, die nicht bedacht wurde, das ganze Schiff zum Trudeln.

Man stelle sich vor, man könnte die Erde mit ihrer Klimakatastrophe, ihrer Überbevölkerung und all ihren anderen Problemen verlassen und ganz neu anfangen. In Passengers ist dieser Eskapismus möglich, indem man sich 120 Jahre im Kälteschlaf zu einer neuen Kolonie schicken lässt. Diese Chance lässt sich der Mechaniker Jim Preston (Chris Pratt) nicht entgehen. Er will neu anfangen. Doch etwas geht schief: Gleich in den ersten zwanzig Minuten führt ein massiver Meteoritenschauer dazu, dass seine Kapsel beschädigt wird und er 88 Jahre zu früh aufwacht. Zwar kann er jetzt ein Raumschiff von der Größe einer Stadt allein bevölkern, doch drei Dinge machen ihm zu schaffen: er hat keine Kontrolle über seine Situation und kann die Brücke nicht betreten; er ist an die unausgesprochenen Klassenregeln gebunden, da er kein Gold-Star-Passagier, sondern nur Arbeiterklasse ist, so dass ihm viele Funktionen des Schiffes nicht zur Verfügung stehen; und er ist mutterseelenallein, er ist der einzig Wache unter 4999 Schlafenden. Nur ein androider Barkeeper (Michael Sheen) steht ihm als Gesprächspartner zur Verfügung.

Hier entfalten sich eine schreckliche Lage und eine hochinteressante Zwickmühle, die sowohl psychologisch als auch philosophisch so viel zu bieten haben. Denn was tut der Mensch nicht alles, um zu überleben? Zudem sind wir nun einmal soziale Wesen, die Anschluss, körperliche Nähe und Liebe brauchen. Daher kommt Jim nach einem Jahr an den Punkt, an dem er überlegt, etwas Schreckliches zu tun: eine weitere Person zu wecken, damit er nicht allein ist und sich rettet – und auf diese Weise gleichzeitig das Leben dieses Menschen zu zerstören. Doch der Film kann und will das Geschenk, das ihm diese Idee gegeben hat, nicht annehmen. Nur kurz sieht man Jim zögern, dann trifft er seine Auswahl: Sie fällt auf die blonde Aurora (Jennifer Lawrence), Autorin, seinem Geschmack entsprechend und sehr schnell Projektionsfläche seiner Fantasien. Nicht umsonst trägt sie den Namen einer schlafenden Disney-Prinzessin. Er wühlt sich durch ihre Bewerbungsvideos, verschlingt ihre Texte – allesamt in der Datenbank gespeichert – und schlussendlich nutzt er seine mechanischen Kenntnisse, um sie ebenfalls zu wecken. Dies ist nichts anderes als Stalking und – wie später im Film selbst gesagt wird – Mord. Und doch, man könnte verstehen, wie Verzweiflung und Einsamkeit einen Menschen an diesen Punkt bringen können, aber dafür lässt der Film keinen weiteren Raum.

Hinfort also mit moralischen Bedenken, mit der Versuchsanordnung, in der so gut die conditio humana in all ihrer Schönheit und Schrecklichkeit hätte beobachtet und ausgelotet werden können, denn Passengers ist kein Tarkowski-Film, es ist ein Liebesfilm im Weltraum. Und so erzählt Jim Aurora nicht, dass er es war, und die beiden werden ein Paar. Lawrence und Pratt machen das Beste daraus, ja, es stellt sich Romantik ein, und doch, als ZuschauerIn ist alles dahin, denn man kennt die Wahrheit. Und eine zweite Chance zerschlägt der Film ebenfalls, als Aurora eines Tages herausfindet, was Jim ihr angetan hat, aber selbst dann niemand diesen Faden aufnehmen will. Vielmehr wird Passengers zu einer unangenehmen Erzählung und einer ungewollten Fallstudie zum Stockholm-Syndrom, das vom Drehbuchautoren, Regisseur und von allen Beteiligten eindeutig mit Liebe verwechselt wird.

Das wahrlich Schmerzhafte an Passengers ist, dass dieser Film ansonsten ganz wunderbar ist. Von der Ausstattung bis zu den Special Effects merkt man die Liebe zum Detail und den Wunsch, hier etwas ganz Besonderes mit Herzblut zu erzeugen. Es ist nicht Jims fatale Entscheidung per se, die Passengers das Genick bricht, sondern die absolute Weigerung des Films, über die Grenzen des üblichen Liebesfilmes hinauszugehen und sich aus dieser Matrix zu befreien, die in diesem besonderen Falle so herzzerreißend schrecklich anzusehen ist, weil sie Figuren und ZuschauerInnen zwingt, einen Akt der Gewalt gegen eine Frau in Romantik und heterosexuelle Zweisamkeit umzumünzen, alldieweil jede/r Beteiligte sieht und weiß, dass die Frau gar keine andere Wahl hat. Hätte man hier loslassen können und dieser Geschichte und damit der Frau mehr Freiheit, Selbstbestimmung und Mut gegeben, was für ein genialer, kontemplativer und kontemporärer Film wäre Passengers geworden. Aber so bleiben nur zwei Möglichkeiten: ebenfalls dem Stockholm-Syndrom zu erliegen und Romantik in dieser gewalttätigen Tragik zu finden, oder das Elend dieser misslichen Lage zu sehen und keinen Liebesfilm, sondern ein wahrhaft schreckliches Drama zu erblicken.

(Beatrice Behn)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2016
Länge: 117 (Min.)
Verleih: Sony Pictures Releasing GmbH
Kinostart: 05.01.2017

Cast & Crew

Regie: Morten Tyldum
Drehbuch: Jon Spaihts
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: Maryann Brandon
Musik: Thomas Newman
Hauptdarsteller: Michael Sheen, Laurence Fishburne, Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Aurora Perrineau

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Istvan am: 11.01.17
Gut angemerkt, reader.
Von: Ullli am: 04.01.17
"Aber so bleiben nur zwei Möglichkeiten:...." (B.B.) Äääähm, ich denke es gibt sogar noch eine dritte Möglichkeit: Diesen Film einfach auslassen! :-)
Von: reader am: 01.01.17
Entwaffnend, wie die Rezensentin ihre künstliche Erregung bis zum Schluss lodern lässt. In Wahrheit wird jeder Mensch sterblich, wenn er aus seinem/ihrem süßen Dornröschenschlaf ("alles ist noch offen, alles ist noch möglich") erwacht und sich unwiderruflich und ein für alle Mal einer bestimmten Person zuwendet - egal, wie das passiert ist. Auch dafür könnte der Film eine Metapher sein. Haltloses und bescheidwisserisches Gepsyche ("Stockholm-Syndrom") ist keine adäquate Haltung - nicht gegenüber Kunstwerken, nicht gegenüber der Wirklichkeit.

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