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Madame

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1.9 Sterne aus 10 Bewertungen

Kinostart: 30.11.2017
FSK: o.Al.
Genre: Tragikomödie
Tags: Familie, Fest

Liebe und die kleinen Dinge des Alltags

Das Filmplakat von Madame verrät schon einiges: Im Zentrum des Films steht nicht etwa die Herrin des Hauses aus dem Filmtitel, sondern das Hausmädchen Maria (großartig gespielt von Rossy de Palma). Sie ist es, um die sich die Romanze des Films dreht, die die Welt eines wohlhabenden amerikanischen Paares in Paris durcheinanderbringt und die in ihrer Strahlkraft alle anderen Figuren übertrumpft. Die Rolle des Dienstmädchens im Leben der Großen ist ein beliebtes Thema im Kino: Oft haben sie die eigentliche Macht im Haus, halten die Stricke der Liebe in der Hand oder den Überblick über den Nachwuchs. In Madame aber ist das Hausmädchen zunächst nur ein Hausmädchen, wenn auch ein gutes, ein strukturiertes, eines, das den Haushalt der Familie perfekt im Griff hat. Mehr aber erst einmal nicht. Das ändert sich, als eine wichtige Dinner Party ansteht.

Anne (ebenso brillant: Toni Collette) und Paul (Harvey Keitel) verbringen ihren Sommer in Paris und bereiten ein wichtiges Abendessen für eine Auswahl handverlesener Gäste vor. Als sich Stiefsohn Steven (Tom Hughes) kurzfristig selbst dazu einlädt, kommt Anne in Schwierigkeiten. Sie liebt perfekte Partys, das ist ihr Job, wie sie sagt. 13 Gäste an einem Tisch, das geht nicht für Anne. Eine Notlösung muss her, und so entscheidet Anne spontan, eines der Dienstmädchen mit an den Tisch zu setzen. Maria will das eigentlich nicht, ist aber die beste Wahl, wie Anne findet. Maria wird zurechtgemacht, darf sich ein Kleid der Hausherrin anziehen und holt dann doch – und weil ihr keine andere Wahl bleibt – die sorgsam gehüteten High Heels aus dem Schuhkarton im hinteren Eck ihres Kleiderschranks.

Es kommt, wie es kommen muss: Maria gelingt es nicht, ein unauffälliger Gast zu sein, der wenig spricht und nur ein paar Mal lächelt. Der Wein schmeckt gut, ihr Tischnachbar ist überaus freundlich zu ihr, und so gerät sie in Plauderlaune, erzählt einen Witz und steht plötzlich mehr im Rampenlicht, als den Gastgebern lieb ist. Das alles wäre letztendlich kein Problem, sondern nur eine verpatzte Party gewesen. Allerdings verliebt sich Kunsthändler David (Michael Smiley) prompt in sie und beginnt schon am nächsten Tag mit seinen Avancen. Wieder ziert sich Maria und will eigentlich nicht, aber als sie merkt, dass David es ernst meint mit ihr, verfällt auch sie dem Knistern, das zwischen den beiden von Anfang an zu spüren war.

Madame erzählt also ein modernes Mädchen. Die Grundkonstellation ist nicht allzu originell, aber die Fortführung der Geschichte ist es ebenso wie die Struktur des Films: Die Liebe und das Lieben werden nicht nur anhand der Hauptfiguren verhandelt, sondern auf mehrere Ebenen verteilt. Was ist Liebe, was ist Ehe? Das wird im Film besprochen, es wird darüber philosophiert – unter den Dienstmädchen ebenso wie beim glanzvollen High-Society-Abendessen oder beim vordergründig freundschaftlichen Plausch am Pool. Die einfachen Figuren haben ihre Ansichten ebenso wie die erfolgreichen Geschäftsmänner und weitgereisten Damen der Society – und alle sind gleich viel wert.

Die Frage danach, wie Liebe funktioniert, spielt tatsächlich nicht nur für Maria, sondern für alle Figuren eine Rolle: Anne geht mit ihren Ängsten und Gefühlen deutlich anders um als Paul oder Maria; Anne will eine Affäre, Paul will keine, und dann entwickeln sich die Geschehnisse eben doch anders. Und dann schreibt Steven noch an seinem neuen Roman, was die Grundfragen des Films auf die Metaebene verlegt. Antworten gibt der Film von Amanda Sthers keine, und das ist wieder einer der Schachzüge der französischen Regisseurin und Bestseller-Autorin: die Geschichte nicht zum Klischee machen, sondern erzählen, andeuten, in eine Richtung lenken. Mehr nicht.

Gespielt wird Haushälterin Maria von Rossy de Palma, die wieder einmal beeindruckt und begeistert. Die Darstellerin wurde entdeckt von Pedro Almodóvar, der sie in seinen frühen Filmen einsetzte und bekannt machte, und von Jean-Paul Gaultier zu seiner Muse erklärt. Die Maria in Madame ist eine Paraderolle für die 53-jährige Schauspielerin aus Mallorca. Sie spielt die spanischstämmige Maria mit großer Überzeugung und viel Authentizität, zeigt ihre Unsicherheiten ebenso wie ihren Stolz, ist das Hausmädchen, das gar nicht anders kann, als sie selbst zu sein, und dem es eben nicht gelingt, für einen Abend lang die grande dame einer Dinner Party zu mimen. Gleichzeitig ist sie eine Frau voller Gefühle und Liebe, die entfacht werden, als der Gast des Hauses ihr den Hof macht und ihr zeigt, dass er es ernst meint mit ihr. Und Rossy de Palma sprüht voller Ehrgeiz und Leidenschaft, wenn sie darüber spricht, was sie stört und was sie ändern will: zum Beispiel die halbe Packung Backpulver, die immer übrigbleibt. Dass das nicht große politische oder gesellschaftliche Themen sind, sondern die kleinen Dinge des Alltags betrifft, ist offensichtlich – und genau darin liegt auch die Stärke des Films: dass er zeigt, wie bedeutend gerade auch diese kleinen Dinge sind, und damit wird Marias Schicksal gesellschaftlich relevant, ein Akt der Befreiung.

(Verena Schmöller)

Daten & Fakten

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2017
Länge: 91 (Min.)
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 30.11.2017

Cast & Crew

Regie: Amanda Sthers
Drehbuch: Amanda Sthers
Kamera: Régis Blondeau
Schnitt: Nicholas Chaudeurge
Musik: Matthieu Gonet
Hauptdarsteller: Harvey Keitel, Toni Collette, Rossy de Palma, Tom Hughes

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