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Die Geister, die mich riefen (2016)

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Kinostart: 09.11.2017
FSK: o.Al.
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Heimat, Max Ophüls Preis 2017, Deutschtürke

Bequeme Fragen, unentschlossene Nähe

In ihrem Dokumentarfilm Die Geister, die mich riefen begleitet Diana Näcke den Deutschtürken Engin an den Ort seiner Kindheit, den er zuletzt vor 24 Jahren gesehen hat. Welche Geister den Protagonisten letztlich riefen, bleibt bis zum Ende vage.

Der Deutschtürke Engin steht an einem Berliner Straßenrand. Regisseurin Diana Näcke sagt, dass heute sein Glückstag sei, ihre Hand greift ins Bild und pickt sich eine Wimper von seiner Wange, die er von ihr dazu aufgefordert wegpustet. Wenig später bei Engin zu Hause fragt Näcke, wo er sich den ganzen Nippes gekauft habe, der in seiner Schrankwand im Wohnzimmer steht. Auf der gemeinsamen Fahrt in die Türkei wird es schließlich persönlicher. Ob er denn schon einmal verliebt gewesen sei, will Näcke aus dem sicheren Off von ihrem Protagonisten wissen. In den wirklich spannenden Momenten aber, wenn Engins Aberglauben und Ticks die Kontrolle übernehmen, wenn die Wut in ihm durchbricht, er Minderheiten übel beschimpft und Nachbarn seiner Mutter Gewalt androht, oder wenn er die Geschichten seiner Cousins über ihre Gräueltaten im Militär einfach regungslos zur Kenntnis nimmt, bleibt die Filmemacherin stumm. Dann überlässt sie es ihrem Publikum, die richtigen Fragen an das Gesehene zu stellen. Eine davon lautet unweigerlich, warum Diana Näcke nicht die gesamte Zeit über nur stille Beobachterin bleibt, anstatt so viel Belangloses zu fragen.

Die Antwort darauf liegt in Näckes Herangehensweise an den Dokumentarfilm im Allgemeinen. "Ich baue eine große Nähe zu den Charakteren auf und erzähle ein Gesellschaftsbild subtil über sie, ohne moralische Ansprüche, aber mit einer klaren Haltung", hat die Regisseurin in einem Interview erklärt. All die Belanglosigkeiten vom Wohnzimmernippes bis zum Verliebtsein sind notwendig, um den Zuschauern eine gewisse Nähe vorzugaukeln. In den kritischen Momenten zieht sich Näcke auf einen neutralen Standpunkt zurück. Subtil ist das nicht. Man könnte es demokratisch nennen, vor allem aber ist es bequem und unentschlossen. Wirklich näher ist das Publikum Engin auch am Ende nicht, weil er das Erzählte nicht hinterfragt, über seine bewegte Vergangenheit nicht nachdenkt. Das raubt dem Film Spannung.

Dabei böte Engins Lebenslauf ausreichend Stoff. Nur wenige Wochen nach der Geburt gaben ihn seine Eltern zu ihren eigenen in die Türkei, wo er bis zu seinem zehnten Lebensjahr ein Außenseiter blieb. Zurück in Deutschland bekam er vom Vater Prügel. Dessen früher Tod nahm Engin dann auch weniger mit als der seiner Großeltern, die er bis heute als seine eigentlichen Eltern betrachtet. Dennoch habe sein Leben erst in Berlin angefangen, sagt Engin ziemlich am Anfang. Es sind diese Widersprüche, die Die Geister, die mich riefen zumindest eine Weile am Laufen halten. Engin, der einmal einen Spätkauf betrieb und mittlerweile Obst auf dem Markt verkauft, hat Diabetes, will aber keine Medikamente nehmen; er verehrt einen gefallenen Verwandten als Märtyrer, drückt sich aber selbst ums Militär; er ist tief gläubig, glaubt aber auch an Vampire und Werwölfe; im Umgang mit Tieren und Kindern ist er sanft, bei Erwachsenen handelt er schnell aggressiv. Wo all diese Widersprüche herstammen, ob aus den ersten zehn Jahren in der Türkei oder von seiner Erziehung, seinem Umfeld, seinen Erfahrungen in Deutschland, lässt Näckes Film offen.

Ein anderer Widerspruch bleibt wiederum bloß behauptet. Im Presseheft des Films ist von einer Verlorenheit und Heimatlosigkeit des Protagonisten die Rede. Doch so verloren Engin auch sein mag, die Türkei ist ihm bereits vor seiner Reise dorthin fremd. Ob er sich in Deutschland ebenfalls fremd oder heimisch fühlt, kommt nicht zur Sprache. Welches Gesellschaftsbild Näcke über Engin erzählen wollte, bleibt ein Rätsel. Für das eines Deutschtürken in der Identitätskrise taugt es jedenfalls nicht. Durch seine neutrale Haltung fährt sich der Film schnell fest. Für 100 Minuten ist sein Protagonist schlicht zu uninteressant. Die wirklich spannenden Geschichten – wie Engin in seinem Spätkauf den kleinen Kindern Geistergeschichten erzählte, wie Näcke ihn dort kennenlernte, als sie auf verschneiter Straße mit Sommerreifen beinahe in einen anderen Wagen krachte, wie Engin zur Politik Erdoğans steht oder dass der Film beinahe nicht zustande gekommen wäre, weil gegen Engin aufgrund seines nicht geleisteten Wehrdienstes ein Haftbefehl vorlag –, diese Geschichten müssen die Zuschauer im Presseheft nachlesen.

(Falk Straub)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2016
Länge: 100 (Min.)
Verleih: Indi Film / barnsteiner-film
Kinostart: 09.11.2017

Cast & Crew

Regie: Diana Näcke
Drehbuch: Diana Näcke
Kamera: Kathrin Krottenthaler, Diana Näcke
Schnitt: André Nier
Musik: Masha Qrella

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