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Der Wein und der Wind

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2.9 Sterne aus 130 Bewertungen

Originaltitel: Ce qui nous lie
Kinostart: 10.08.2017
FSK: o.Al.
Genre: Drama
Tags: Tod, Familie, Frankreich, Wein, Weingut, Fünf Seen Filmfestival 2017

Frühling, Sommer, Herbst und Winter … und Frühling

Im letzten Jahr war in den deutschen Kinos ein Dokumentarfilm mit dem Titel Von Trauben und Menschen zu sehen, nun folgt mit Cédric Klapischs neuem Werk Der Wein und der Wind ein Spielfilm, der sich ausnimmt, als sei er eine fiktionalisierte Ausarbeitung und Weiterführung der Grundthesen jenes vorausgegangenen Films. Dabei geht es aber keineswegs nur um die Vorzüge gewisser Terroirs und um die Wichtigkeit von Sorgfalt und Liebe bei der Herstellung eines guten Tropfens, sondern auch um die Widrigkeiten und Grundbedürfnisse jener Menschen, die sich dem Weinbau verschrieben haben. Und es wundert kaum, dass sich deren Sorgen und Nöte kaum groß von denen aller anderen unterscheiden.

Es beginnt mit einer Montage des immer gleichen, an ein Gemälde erinnernden Blicks auf einen Weinberg, den wir im Wandel der Jahreszeiten sehen: Zunächst im Sommer, dann im Herbst, wenn die Blätter sich verfärben, dann in Schnee gehüllt und schließlich im Frühling, wenn neues Leben erwacht - ein Kreislauf des Werdens und Vergehens, des Erblühens und des Sterbens, gesehen durch die Augen eines Kindes.

Zehn Jahre lang war der mittlerweile 30-jährige Jean (Pio Marmaï) nicht mehr zuhause, nun im Spätsommer, kurz vor der Weinlese, kehrt er auf das elterliche Weingut zurück. Nach einem Streit mit seinem strengen Vater ist Jean damals aus der Enge des Burgund aufgebrochen in die weite welt, mittlerweile lebt er mit Frau und Kind in Australien - buchstäblich am anderen Ende der Welt - gerade so, als habe er nicht genug Kilometer und Ozeane zwischen sich und seinen Vater bringen können. Und doch ist er auch er in der Ferne seiner Herkunft irgendwie verbunden geblieben, denn immer noch beschäftigt er sich beruflich mit Wein und arbeitet im land down under auf einem „kleinen“ Gut (das immer noch um ein Vielfaches größer ist als das elterliche Anwesen). Nun liegt der Patron im Sterben und so ist die letzte Gelegenheit gekommen, um die Dinge vielleicht noch einmal in Ordnung bringen zu können, nachdem so lange Schweigen und ohnmächtige Wut herrschte. Doch wie versöhnt man sich, wenn einem alles fremd vorkommt und doch zugleich über die Maßen vertraut ist? Wie nähert sich Jean wieder seinen Geschwistern Juliette (Ana Girardot) und Jérémie (François Civil) an, die anders als Jean im Burgund geblieben sind und die sich der Pflege des Weins wie der Familientraditionen verschrieben haben? Bei den Vorbereitungen zur Ernte, die sie nun gemeinsam leisten und die vielleicht die letzte sein wird, da die zu erwartenden horrenden Erbschaftssteuern das Kleinunternehmen in den Ruin treiben können, geht es nun ans Eingemachte - ob der Wein und die Versöhnung der zerrütteten Familie gelingt, ist allerdings völlig offen.

Wer die Filme von Cédric Klapisch kennt (So ist Paris, Beziehungsweise New York, Mein Stück vom Kuchen), der dürfte schnell ahnen, was ihn in dessen neuem Werk Der Wein und der Wind erwartet: Gediegenes Erzählkino für die Generation von Arthouse-Kinogängern, die im Jahre 2002 schon in Klapischs Auslandssemester-Film L’auberge espagnol - Barcelona für ein Jahr geströmt sind und die seitdem ebenso um 15 Jahre gealtert sind wie die damaligen Protagonisten. Von dem fast noch jugendlichen Übermut und den Abenteuern eines ERASMUS-Studienjahres sind die Probleme der drei Hauptfiguren in Der Wein und der Wind in Wirklichkeit typisch für Menschen (und damit Zuschauer) in ihren Vierzigern: Der Abschied von den Eltern und damit häufig genug die ausstehende Aufarbeitung der familiären Vergangenheit, die Frage nach den Traditionen und ob man diese bewahren oder nicht viel lieber loswerden will - all dies sind Fragen, die Klapisch behutsam in sein ebenso entschleunigtes wie geerdetes Familiendrama einfließen lässt und das vermutlich bei der anvisierten Zielgruppe auf reichlich Resonanz stoßen dürfte. Verstärkt wird dies noch durch die Verknüpfung mit dem Thema Wein, das in den letzten Jahren ein erheblich gesteigertes Interesse verzeichnen kann - steht es doch zumindest in unserer (oftmals idealisierten) Vorstellung für einen pfleglichen und harmonischen Umgang mit der Natur und ihren Gaben, für Erdverbundenheit, handwerkliches Können, uralte Traditionen und all die anderen Charakteristika, die plötzlich wieder eine Renaissance erleben.

In gewisser Weise ähnelt der Filmemacher Cédric Klapisch den Menschen, von denen er erzählt: Er ist ein solider Handwerk mit einem guten Riecher für den Geschmack (s)eines Publikums, das vom Kino keine Innovationen will, sondern vor allem Variationen des Altbekannten. Und genau das liefert Der Wein und der Wind ebenso zuverlässig wie vorhersehbar: Wäre sein Film ein Wein, dann mit Sicherheit kein Grand Cru, aber ein bodenständiges Gewächs, bei dem man die Mühe ebenso spürt wie Kennerschaft - und der neben allem Erwartbaren dennoch eine gewisse Tiefe nicht vernachlässigt.

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2017
Länge: 114 (Min.)
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 10.08.2017

Cast & Crew

Regie: Cédric Klapisch
Drehbuch: Cédric Klapisch, Santiago Amigorena
Kamera: Alexis Kavyrchine
Hauptdarsteller: María Valverde, Pio Marmaï, François Civil, Ana Girardot

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