Happiness is a warm gun?
Es könnte der Traum einiger Einzelgänger oder so genannter Außenseiter sein, eine Gefolgschaft getreuer Gesellen zu einer geheimen Gang zu gruppieren, deren selbst erwählte Gesetze höchste ästhetische und moralische Ansprüche erheben. Dieser Vorstellung geben auch Thomas Vinterberg (Regie) und Lars von Trier (Drehbuch), die seit ihrer gemeinsamen Formulierung filmästhetischer Gebote im Dogma’95-Manifest immer wieder bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet haben, in ihrem Film Dear Wendy ein Szenario, ebenso aufregend wie cool inszenierend, dass auch oder gerade selbst aufgestellte Gesetze nicht bruch- oder besser: kugelsicher sind.
In der Trostlosigkeit der ärmlichen Bergarbeiterstadt Estherslope im Südosten der USA führt der junge Dick (Jamie Bell) ein weit gehend vereinzeltes Leben als passionierter Leser und friedfertiger, unauffälliger Mann mit geringer Fähigkeit und Bereitschaft, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Eines Tages begegnet ihm sein Schicksal in Gestalt einer kleinen Handfeuerwaffe, die ihn nach anfänglichem Befremden derart gewaltig fasziniert, dass er sich zunächst allein perfektionistisch im Umgang mit seiner Wendy übt, um dann sogar gemeinsam mit dem schweigsamen Stevie (Mark Webber) eine geheime, eigene Gesellschaft aus vier weiteren Sonderlingen zu rekrutieren, die er den Club der Dandies nennt. Das Dandytum besteht für Dick darin, bei unantastbar pazifistischer Grundhaltung das Tragen und die Meisterschaft im Umgang mit Waffen zu kultivieren, stets den Ehrenkodex der wichtigsten Dandy-Regel respektierend: „Ziehe niemals deine Waffe“.
Für die sechs jungen Protagonisten, unter denen die harmlos wirkende Susan (Allison Pill) die einzige Frau ist, entsteht ein eigenes, machtvolles Universum aus Waffenlehre und –verehrung, in welchem jeder von ihnen als Spezialist für eine ganz bestimmte Art zu feuern- wie Dicks Schießen aus der Hüfte bei verbundenen Augen oder Susans Ricochet genannte Abprall-Technik- einen festen, ehrenhaften Platz einnimmt, in inniger Verbundenheit mit seinem „Partner“, wie sie mit professionellem Habitus ihre Waffen bezeichnen.
Ebenso wie jede andere Verbindung früher oder später werden auch die Dandies schließlich mit einer kaum zu steuernden Realität konfrontiert, die sich als grobes, ungnädiges Pflaster für die hehren Prinzipien ihres Clubs herausstellt. Ihr in guter, alter Westernmanier regelrecht klassischer Gegenspieler wird Sheriff Krugsby (Bill Pullman), der das Gesetz in Estherslope verkörpert und nicht ahnt, mit welch talentierter Gang von Gunmen er es zu tun hat ...
Thomas Vinterberg verwandelte für die Dreharbeiten die Gebäude einer alten Militär-Basis nahe Kopenhagen in eine US-amerikanische Kleinstadt, und einige Szenen wurden auch in einer stillgelegten Zeche in Nordrhein-Westfalen gedreht; für die Kameraarbeit war erneut Anthony Dod Mantle in der Crew, der bereits einige Projekte sowohl mit Vinterberg (Das Fest) als auch mit von Trier (Dogville) realisiert hat. Musikalisch wurde der Film überwiegend von der britischen Band The Zombies ausgestattet, die bereits bei Eingeweihten einen gewissen Kultstatus genießt.
Die internationale Besetzung aus überwiegend sehr jungen Schauspielern, angeführt von Jamie Bell (Billy Elliot) und dem älteren Bill Pullman (Lost Highway, The Grudge), aber auch beispielsweise Chris Owen (American Pie, Hidalgo), der den Krüppel Huey spielt, den Waffenexperten für schwere Kaliber, liegt in der Entscheidung Vinterbergs begründet, den Hauptprotagonisten Dick und seine Dandies, anders als im Drehbuch vorgesehen, um Jahre zu verjüngen. Das hat sich, darin sind sich Regisseur und Autor mittlerweile einig, als unschätzbarer Segen für die Geschichte herausgestellt, und es hat sie einige Mühen und Mittel gekostet, die passenden Akteure zu gewinnen.
Die Fruchtbarkeit ihrer Zusammenarbeit erklären sich Vinterberg und von Trier aus der Kombination ihrer gegensätzlichen Arbeitsmethoden: Während von Trier präzise und systematisch, ja geradezu mathematisch vorgeht, ist Vinterberg Vertreter einer intuitiven, forschenden Praxis, welche die menschlichen Aspekte einer Geschichte fördert, und diese wechselseitige Inspiration eines Kontraparts mündet in Filme wie Dear Wendy, die durch ihre unaufdringliche Extravaganz bestechen.
Das Thema privater Schusswaffenbesitz ebenso wie die Verehrung derselben ist vor allem in den USA immer wieder ein heftig diskutiertes. Den scheinbaren Widerspruch einer pazifistischen Vereinigung, die das Tragen von Guns glorifiziert, kommentiert Vinterberg mit der Feststellung, dass sich tatsächlich ein Großteil der westlichen Welt als Pazifisten mit Waffen verstehe. Zuvor kaum mit diesem Phänomen in Berührung gekommen, räumte der Regisseur im Zuge der Dreharbeiten ein: „Seit ich an Dear Wendy arbeite, ertappe ich mich immer öfter bei verstörenden Gefühlen und Gedanken, die sich alle um die liebevolle Beziehung zu Waffen drehen.“
Bleibt zu hoffen, dass der Film trotz der englischen Fassung viele Zuschauer findet - er ist es wert.
(Marie Anderson)
In der Trostlosigkeit der ärmlichen Bergarbeiterstadt Estherslope im Südosten der USA führt der junge Dick (Jamie Bell) ein weit gehend vereinzeltes Leben als passionierter Leser und friedfertiger, unauffälliger Mann mit geringer Fähigkeit und Bereitschaft, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Eines Tages begegnet ihm sein Schicksal in Gestalt einer kleinen Handfeuerwaffe, die ihn nach anfänglichem Befremden derart gewaltig fasziniert, dass er sich zunächst allein perfektionistisch im Umgang mit seiner Wendy übt, um dann sogar gemeinsam mit dem schweigsamen Stevie (Mark Webber) eine geheime, eigene Gesellschaft aus vier weiteren Sonderlingen zu rekrutieren, die er den Club der Dandies nennt. Das Dandytum besteht für Dick darin, bei unantastbar pazifistischer Grundhaltung das Tragen und die Meisterschaft im Umgang mit Waffen zu kultivieren, stets den Ehrenkodex der wichtigsten Dandy-Regel respektierend: „Ziehe niemals deine Waffe“.
Für die sechs jungen Protagonisten, unter denen die harmlos wirkende Susan (Allison Pill) die einzige Frau ist, entsteht ein eigenes, machtvolles Universum aus Waffenlehre und –verehrung, in welchem jeder von ihnen als Spezialist für eine ganz bestimmte Art zu feuern- wie Dicks Schießen aus der Hüfte bei verbundenen Augen oder Susans Ricochet genannte Abprall-Technik- einen festen, ehrenhaften Platz einnimmt, in inniger Verbundenheit mit seinem „Partner“, wie sie mit professionellem Habitus ihre Waffen bezeichnen.
Ebenso wie jede andere Verbindung früher oder später werden auch die Dandies schließlich mit einer kaum zu steuernden Realität konfrontiert, die sich als grobes, ungnädiges Pflaster für die hehren Prinzipien ihres Clubs herausstellt. Ihr in guter, alter Westernmanier regelrecht klassischer Gegenspieler wird Sheriff Krugsby (Bill Pullman), der das Gesetz in Estherslope verkörpert und nicht ahnt, mit welch talentierter Gang von Gunmen er es zu tun hat ...
Thomas Vinterberg verwandelte für die Dreharbeiten die Gebäude einer alten Militär-Basis nahe Kopenhagen in eine US-amerikanische Kleinstadt, und einige Szenen wurden auch in einer stillgelegten Zeche in Nordrhein-Westfalen gedreht; für die Kameraarbeit war erneut Anthony Dod Mantle in der Crew, der bereits einige Projekte sowohl mit Vinterberg (Das Fest) als auch mit von Trier (Dogville) realisiert hat. Musikalisch wurde der Film überwiegend von der britischen Band The Zombies ausgestattet, die bereits bei Eingeweihten einen gewissen Kultstatus genießt.
Die internationale Besetzung aus überwiegend sehr jungen Schauspielern, angeführt von Jamie Bell (Billy Elliot) und dem älteren Bill Pullman (Lost Highway, The Grudge), aber auch beispielsweise Chris Owen (American Pie, Hidalgo), der den Krüppel Huey spielt, den Waffenexperten für schwere Kaliber, liegt in der Entscheidung Vinterbergs begründet, den Hauptprotagonisten Dick und seine Dandies, anders als im Drehbuch vorgesehen, um Jahre zu verjüngen. Das hat sich, darin sind sich Regisseur und Autor mittlerweile einig, als unschätzbarer Segen für die Geschichte herausgestellt, und es hat sie einige Mühen und Mittel gekostet, die passenden Akteure zu gewinnen.
Die Fruchtbarkeit ihrer Zusammenarbeit erklären sich Vinterberg und von Trier aus der Kombination ihrer gegensätzlichen Arbeitsmethoden: Während von Trier präzise und systematisch, ja geradezu mathematisch vorgeht, ist Vinterberg Vertreter einer intuitiven, forschenden Praxis, welche die menschlichen Aspekte einer Geschichte fördert, und diese wechselseitige Inspiration eines Kontraparts mündet in Filme wie Dear Wendy, die durch ihre unaufdringliche Extravaganz bestechen.
Das Thema privater Schusswaffenbesitz ebenso wie die Verehrung derselben ist vor allem in den USA immer wieder ein heftig diskutiertes. Den scheinbaren Widerspruch einer pazifistischen Vereinigung, die das Tragen von Guns glorifiziert, kommentiert Vinterberg mit der Feststellung, dass sich tatsächlich ein Großteil der westlichen Welt als Pazifisten mit Waffen verstehe. Zuvor kaum mit diesem Phänomen in Berührung gekommen, räumte der Regisseur im Zuge der Dreharbeiten ein: „Seit ich an Dear Wendy arbeite, ertappe ich mich immer öfter bei verstörenden Gefühlen und Gedanken, die sich alle um die liebevolle Beziehung zu Waffen drehen.“
Bleibt zu hoffen, dass der Film trotz der englischen Fassung viele Zuschauer findet - er ist es wert.
(Marie Anderson)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Dear Wendy
Produktionsland:
Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien
Produktionsjahr:
2005
Länge:
101 (Min.)
Verleih:
Legend Filmverleih
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart:
06.10.2005
CAST & CREW
Regie:
Thomas Vinterberg
Hauptdarsteller:
Jamie Bell, Bill Pullman, Mark Webber, Allison Pill, Chris Owen
FILMBEWERTUNG
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Bisherige Kommentare
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Von: stefan am: 13.10.05
spannend und tiefsinnig inszeniertes werk.
Von: mightyEkk am: 08.10.05
Sehr schöner Film jenseits de Mainstreams. Die Dramatik wirkt fast schon ein bißchen surrealistisch und das Ende ist dann doch etwas unerwartet. Ich mag diese Filme mit hinterher-in-der-Kneipe-interpretier-Potential.
Für leute, die mal wieder einen Film jenseits der klassischen "mußte-im-Kino-gesehen-haben" effekte schauen wollen auf jeden Fall sehenswert.
Volle punktzahl von mir!
Von: laura am: 07.10.05
toller film, ziemlich heftig...
bedrückendes gefühl nach dem kino besuch
Von: Chris am: 04.10.05
Ihr seit doch alle gekauft und recherieren könnt ihr auch nicht...ja die Band The Zombies hat wirklich einen gewissen Kultstatus, ist sie doch bereits 1963 gegründet worden und laut Tom Petty einer der Besten...






