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Captain Fantastic

Meinungen
7

2.8 Sterne aus 93 Bewertungen

Kinostart: 18.08.2016
FSK: 12
Genre: Drama
Tags: Wald, Familie, Alleinerziehender Vater, Zivilisation, Cannes 2016, Cannes 2016 Un certain regard, Filmfest München 2016

Eine Familie gegen die Welt

Ben Cash (Viggo Mortensen) zieht in einem Waldstück irgendwo in der Wildnis bei Washington seine sechs Kinder groß. Die Großfamilie hat es sich gut eingerichtet. Zusammen erlegen sie Wild, pflegen ihren Pflanzengarten und sammeln Wasser. So natürlich wie möglich soll das Leben sein. Aber nicht ohne Regeln und Prinzipien.

Im Gegenteil, der Alltag ist relativ streng reglementiert. Jeden Morgen wird Sport gemacht (Yoga, Ausdauer, Klettern, Selbstverteidigung), jeder hat seine Aufgaben und abends liest man gemeinsam am Feuer Bücher, die vom Vater in Tests abgefragt werden. Doch es geht nicht um das Auswendiglernen, sondern um das Argumentieren und Diskutieren. Die Kinder sollen kritisch sein, sich eine eigene Meinung bilden. Nur ist der begrenzte Lesestoff – und damit auch der Blick in die restliche Welt – eindeutig von den politischen Ansichten des Vaters geprägt. Ideologisch eher auf der kommunistischen Seite, zelebriert Ben mit seinen Kindern Noam-Chomsky-Day statt Weihnachten. Die Welt schein idyllisch. Die Kinder sind nackt oder tragen, was sie wollen, die Gespräche sind offen und ehrlich, die Familie ist liebevoll.

Doch die Mutter fehlt. Sie wurde vor drei Monaten ins Krankenhaus gebracht, weil sie psychisch krank geworden ist. Erst nach einer Weile legt der Film diese Tatsache frei, die der paradiesischen Idylle einen bitteren Beigeschmack gibt. Aber es kommt noch schlimmer. Bens Frau bringt sich um, der Schwiegervater gibt ihm die Schuld, behauptet, er habe sie verrückt gemacht, und verbietet ihm, zur Beerdigung zu kommen. Doch Ben packt die Kinder ein und fährt trotzdem. Denn seine Frau, eine gläubige Buddhistin, soll katholisch beerdigt anstatt verbrannt werden. Also begibt sich die Großfamilie in einem alten Bus auf eine mehrtägige Reise, um die Mutter zu retten. Die Konfrontation mit der Außenwelt führt natürlich zu noch mehr Problemen für Vater und Kinder. Seine Erziehungsmethoden kommen von außen stark unter Beschuss und auch im Inneren beginnt es zu brodeln, als einige Familienmitglieder bemerken, dass sie zwar viel wissen, aber vom richtigen Leben wirklich gar keine Ahnung haben.

Matt Ross’ zweiter Langfilm Captain Fantastic erinnert an Little Miss Sunshine. Bunt und vibrierend zeigt sich hier ein anarchistischer Gegenentwurf zum politisch Korrekten und zum "Normal-Sein". Die Familie ist eine intellektuelle Hippiebande, die schon allein damit, dass sie immer alles offen und ehrlich bespricht, seien es Sex, Selbstmord oder die eigenen Gefühle, eine wahre Revolution im restlichen Amerika auslöst. Die Inszenierung unterstützt die bunten Vögel dabei. Mal nackt ("Es ist nur ein Penis, wissen Sie?"), mal in Hippieklamotten kommen sie daher und sprengen einfach alles. Dabei sind sie nur sie selbst, ohne Hemmungen oder gelerntes Verdrängen der eigenen Gefühle. Wahrlich, es ist ein kathartisches Fest, der Familie zuzusehen. Hier merkt man erst, wie gefangen man selbst manchmal ist. Und doch, ein kleiner nagender Zweifel ist stets dabei. Denn die scheinbare Freiheit von allen Konventionen hat einen Preis: Isolation. Ben hat sie selbst gewählt, doch seine Kinder hatten diese Möglichkeit nicht.

Viggo Mortensen brilliert in seiner Rolle als prinzipientreuer und strenger Vater, der unter all den Regeln und der Abneigung gegenüber "Corporate America" vor allem große Liebe für seine Kinder empfindet. Er glaubt, er beschützt sie. Es ist herzzerreißend, seiner perfekt temperierten und wohl nuancierten Fahrt zurück in ein anderes Leben zu folgen, wohlwissend, dass sie das Ende des Paradieses einläuten könnte und dieser Mann noch mehr als seine Frau verlieren wird.

Doch trotz der schwierigen Themen ist Captain Fantastic auch immer wieder leicht und beschwingt. Im Grundton positiv und liebevoll, lässt er einem diese Familie unglaublich schnell ans Herz wachsen, und man beobachtet fast besorgt das weitere Geschehen und die tiefen Gefühle und Wunden, die die Familie bearbeiten muss. Dabei bricht der Film einem ganz langsam und behutsam das Herz, nur um es dann wieder ein wenig zu kitten.

(Beatrice Behn)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2016
Länge: 118 (Min.)
Verleih: Universum/24 Bilder
Kinostart: 18.08.2016

Cast & Crew

Regie: Matt Ross
Drehbuch: Matt Ross
Kamera: Stéphane Fontaine
Hauptdarsteller: Viggo Mortensen, Frank Langella, Steve Zahn, Kathryn Hahn, Missi Pyle, Erin Moriarty

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 7)
Von: Thomas Müller am: 05.09.16
Ich fande den Film einfach überragend! Bin am überlegen, ihn mir ein zweites mal im Kino anzuschauen und sowas kommt bei mir echt selten vor! Herr Reck gibt eine sehr detaillierte Zusammenfassung des Films (deshalb Vorsicht: Spoiler!), jedoch kann ich seiner Bewertung kaum zu stimmen. Natürlich scheinen die vielen Begabungen der Kinder etwas utopisch zu sein, allerdings kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass wir "Normalos" unser Potential in keinster Weise komplett ausschöpfen. Auch wenn es fragwürdig erscheint, ob eine kaputte Welt und Gesellschaft den Eltern die Legitimation gibt, die Kinder von allem abzuschotten, finde ich, dass dieser Film hervorragend Kritik an unserem Konsum- und Wegwerfgesellschaft übt. Für mich ist dies einer der besten Filme, den ich seit Langem gesehen habe. Auf jeden Fall ansehen! Viggo Mortensen ist einfach brilliant!
Von: germe am: 01.09.16
Kann dem Votum meines Vorredners "Deadlord" nicht zustimmen. Gefallen hat mir die Vielfältigkeit, Lebhaftigkeit und Disziplin der sechs Kinder. Befremdlich die Freude des 8 jährigen Mädchens über ihr Geburtstagsgeschenk, ein Messer mit einer 18cm langen Klinge, die sie liebevoll streichelt. Ein Film vielleicht passend für die Staaten. Mein Vergnügen damit, war gering.
Von: Deadlord am: 22.08.16
Der Film strahlt eine gute Aura aus. Ich mag den Humor, der so zahlreich präsentiert wird. So einen guten Vater und Trainer hätt ich auch gern. Ich hoffe Sie stimmen mir zu, wenn ich sage, dass der Film sich den höchsten Preis redlich verdient hätte! Ihr Deadlord!!
Von: Hartmut T. am: 22.08.16
In einer anderen Kritik las ich den Vorwurf, der Film arbeite ein Klischee nach dem andren ab. Kann man so sehen, Dann ist aber "Alles was kommt" (mit I. Huppert) ein einziges Klischee. "Captain Fantastic" zeigt - auf eben die Hollywoodsche Art - die Widersprüchlichkeit und vor allem die Verlogenheit der Konsumgesellschaft. Letztendlich steht für mich aber die Frage im Vordergrund, ob man das als Grund hernehmen kann, Heranwachsende vor dieser Gesellschaft und deren Mitgliedern abzuschotten.
Von: Doris Frick am: 21.08.16
Nachdem ich Ralf Reckt Kommentar las, muss ich meine Meinung äußern. Zum einen, weil seine so ausführliche Beschreibung zwar stimmt doch wenn man den Film noch nicht gesehen hat dann geht man vielleicht nicht mehr hin. Entscheidend sind schließlich auch das wie die Handlung umgesetzt wurde. Ich finde das, wenn man Herrn Recks Maßstab anlegt, eigentlich nie zufrieden sein kann. Wie soll in ca. zwei Stunden sonst etwas so komplexes gezeigt werden? Ich fühlte mit der Familie fand ihn spannend, angenehm unamerikanisch, das Ende in der Tat etwas angepasst damit die Amis überhaupt hinein gehen. Insgesamt ein sehr anregendes Filmerlebnis und zu empfehlen.

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