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A Touch of Sin

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4 Sterne aus 19 Bewertungen

Originaltitel: Tian zhu ding
Kinostart: 16.01.2014
FSK: 16
Genre: Drama
Tags: China, Gewalt, Cannes 2013, Cannes 2013 - Wettbewerb, Filmfest München 2013, Toronto 2013

Düsterer Western im Osten

1 - Ein Minenarbeiter im Norden Chinas rebelliert gegen den korrupten Minenbesitzer und seine Handlanger.

2 - Ein Wanderarbeiter kommt am chinesischen Neujahr zurück nach Hause und merkt, dass ihm seine Waffe und die Möglichkeiten, die sie ihm bietet, mehr wert sind, als seine Familie.

3 - Eine Rezeptionistin mit gebrochenem Herzen wird von einem Kunden in der Sauna, in der sie arbeitet, angegriffen und verliert die Kontrolle.

4 - Ein junger Fabrikarbeiter driftet von einem Job zum nächsten, um über die Runden zu kommen. Dabei kann er keine Rücksicht nehmen, weder auf Freunde, noch auf Familie.

In diesen vier Fragmenten erzählt A Touch of Sin die Geschichte des modernen Chinas, einem Land zerrissen zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Die vier Geschichten basieren auf tatsächlichen Ereignissen, über die der Regisseur Jia Zhang-ke bei seiner Filmrecherche gestolpert ist. Zusammen ergeben sie ein konsistentes und sehr gewaltsames Bild.

Schon in den ersten Minuten des Films lassen mehrere Menschen ihr Leben. Doch die Gewalt, die sich durch alle Episoden zieht, ist nichts weiter als ein Ausdrucksmittel der Verzweiflung der Protagonisten. Ihre Lebensumstände werden vor allem vom Geld bestimmt. Wer welches hat in China, ist ein König. Der Minenbesitzer lässt sich mit seinem Privatflugzeug einfliegen, während ihn seine Arbeiter an der Gangway stehend begrüßen müssen. Die ungleiche Verteilung treibt viele in die Enge, jederzeit kann man ihnen ihr letztes Hab und Gut nehmen. Nein, es geht nicht um Geld oder Gegenstände, es geht um etwas viel wertvolleres: Würde. Und die ist in China nicht allzu viel wert.

Das Ergebnis ist ein wenig Wilder Westen im Osten. Wenn die Würde auf dem Spiel steht, wird gekämpft. Zwei haben Schusswaffen, die sie ohne Rücksicht auf Verluste einsetzen. Einer hat keine und, so scheint es der Film sagen zu wollen, hat damit nichts, was ihn retten könnte. Er ist der einzige, der umkommt und verliert. Die einzige Frau, ihre Waffe ist ein Messer, setzt sich gekonnt zur Wehr, nachdem ihr alle Hoffnung genommen wurde.

A Touch of Sin nimmt sich viel Zeit und umschifft die Falle, in die manch andere Episodenfilme tappen: er versucht nicht auf Teufel komm raus die einzelnen Protagonisten miteinander zu verknüpfen. Zwar kreuzen sich hier und da einige Wege, doch das ist den Figuren völlig egal - sie haben zueinander genauso wenig Zugang, wie zu anderen Menschen. In dieser Welt ist sich eben jeder selbst der Nächste. So wird dann auch im Internet bei einer Story, in der ein Dutzend Menschen starben, der gleiche Kommentar verfasst, wie unter der Geschichte, dass bei einer Bürgermeisterin 200 Louis Vuitton Taschen gefunden wurden: "WTF!" (What the Fuck!).

Einen kleinen Lacher erntete der sonst sehr bedrückende Film, doch auch dieser bleibt einem eigentlich im Halse stecken. So wird eine der Figuren einmal gefragt, wieso sie nicht ins Ausland gehe. "Spinnst du?", antwortet diese, "Die anderen Länder sind doch alle pleite oder hast du nicht gemerkt, dass die ganzen Ausländer jetzt alle nach China kommen?".

Fast parallel zu A Touch of Sin wurde übrigens beim Filmfestival Cannes Sophia Coppolas The Bling Ring gezeigt. Und wie es nur auf Festivals passieren kann, bilden beide Filme eine interessante Diskussion über Reichtum und Besitz und vor allem über das Streben danach. Bei Coppola klaut sich eine Bande Jugendlicher einfach die Sachen, die sie haben wollen. Sie sind naiv, die Einbrüche fast ein Spiel. Diese Naivität kann man sich in China nicht leisten - hier ist der Kampf um Louis Vuitton ein Kampf um das nackte Überleben.

(Festivalkritik Cannes 2013 von Beatrice Behn)

Daten & Fakten

Produktionsland: Japan, China
Produktionsjahr: 2013
Länge: 133 (Min.)
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 16.01.2014

Cast & Crew

Regie: Jia Zhang-Ke
Drehbuch: Jia Zhang-Ke
Kamera: Yu Likwai
Schnitt: Matthieu Laclau, Xudong Lin
Musik: Giong Lim
Hauptdarsteller: Tao Zhao, Wu Jiang, Vivien Li, Lanshan Luo, Baoqiang Wang, Jia-yi Zhang

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