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Walk with Me – Eine Reise zur Achtsamkeit (OmU)

Meinungen
1

2.7 Sterne aus 38 Bewertungen

Originaltitel: Walk with Me
DVD-Start: 24.11.2017
FSK: o.Al.
Genre: Dokumentarfilm
Tags: Zen, Mönch, Buddhismus

Eine Einladung ins Hier und Jetzt

Ein kleines Mädchen berichtet bei einer Zusammenkunft in der Gemeinschaft des vietnamesischen Buddhisten und spirituellen Lehrers Thích Nhất Hạnh vom Tod ihres Hundes, ihrer Traurigkeit darüber und fragt, wie es nun nicht mehr so traurig sein könne. Eine schwierige Frage sei das, antwortet der gelehrte Mönch jenseits der Neunzig ernsthaft und erntet hörbares Schmunzeln der Anwesenden. Dann erzählt Thích Nhất Hạnh dem Kind eine kleine Geschichte von einer wunderschönen Wolke, die verschwunden, nicht aber gestorben, sondern zu Regen geworden ist. Diese kleine Episode in dem Dokumentarfilm Walk with Me repräsentiert auf schlichte, beinahe banale Weise nicht nur die Atmosphäre dieser geruhsamen filmischen Betrachtungen über Achtsamkeit, sondern gleichzeitig die Haltung und Praxis eines buddhistischen Meisters, der keineswegs Weltflucht betreibt. Vielmehr verwirklicht Thích Nhất Hạnh seine Lehren seit Jahrzehnten in einer Gemeinschaft und zeichnet sich zudem durch soziopolitisches Engagement hinsichtlich schwelender Schwierigkeiten der gegenwärtigen Gesellschaften aus.

Bereits seit 1966 befindet sich Thích Nhất Hạnh im französischen Exil, hat dort und anderswo neben seinen internationalen Reisen und Vorträgen buddhistische Gemeinschaften und Zentren im Sinne seiner Achtsamkeitslehre gegründet und ist weltweit längst zu einer populären spirituellen Figur avanciert. Seine Aktivitäten für den Frieden auf Erden, insbesondere gegen den Vietnamkrieg, haben ihn damals sowohl bei Martin Luther King als auch bei Papst Paul VI. vorsprechen und respaktables Gehör finden lassen. In Deutschland hat Thích Nhất Hạnh 2008 das Europäische Institut für angewandten Buddhismus in Waldbröl eröffnet, während er selbst seit 1982 im von ihm gegründeten Plum Village im Südwesten Frankreichs gemeinschaftlich mit rund 200 Nonnen und Mönchen lebt. Dass diese sich mitunter in ihrem Alltag bei der Verrichtung monotoner Tätigkeiten durchaus auch einmal langweilen, erfährt ebenso wie die spirituellen Aktivitäten Darstellung in diesem großartigen kleinen Film, der tiefgründige Erkenntnisse mit scheinbar vordergründigen Banalitäten zu verknüpfen vermag.

Es ist die Poesie Thích Nhất Hạnhs, die mitunter sanft zu stillen, kraftvollen Bildern von filigranen Bewegungen in der Natur ertönt, auf der englischen Tonspur vom britischen Schauspieler Benedict Cumberbatch eingesprochen. Doch diese berührende, filmische Meditation, mit welcher die Autoren, Kameramänner und Regisseure Marc J. Francis und Max Pugh geradezu selbst in ihr porträtiertes Medium einsteigen, zeigt zudem reichlich bewegte, lebendige und volltönende Momente der Gemein- und Gesellschaft, des Austausches, des Musizierens in den Zentren der Achtsamkeit und auch im urbanen Raum, wo die buddhistischen Meditationen etwa auf einen wortreichen christlichen Prediger treffen. Die Darstellung dieses offenen, offensiven Buddhismus ebenso wie jene der ruhigen Zurückgezogenheit der persönlichen Meditation, die hier in selten ansprechender Weise zelebriert und erläutert wird, transportieren stimmig und verständlich die Geisteshaltung und Praxis der Achtsamkeit – Mindfulness –, die im Zentrum dieser unprätentiösen filmischen Huldigung an diese besondere Ausprägung der Aufmerksamkeit steht.

Dass sich diese wache Konzentration auf das Hier und Jetzt auch in scheinbar unwichtigen Details niederschlägt, markiert die sorgfältige Souveränität des Stoffes sowie auch der Filmemacher, die Thích Nhất Hạnh und alle weiteren Protagonist_innen drei Jahre lang begleitet haben. Bei allem aktuellen Hype um den Begriff und die Praxis der Achtsamkeit zuvorderst auf dem lukrativen Fortbildungsmarkt für sinnentleerte Führungskräfte oder andere konsumsatte Wohlständler_innen: Mit seinem Facettenreichtum und seiner geradezu zärtlichen, schlichten Sensibilität und Fröhlichkeit gelingt es diesem außergewöhnlichen Dokumentarfilm ganz hervorragend, seine Zuschauer_innen zu einer kleinen Reise in die Sphären der Achtsamkeit zu entführen – und zwar ungeachtet der funktionellen Optimierungskomponente, mit der sonst gern dafür geworben wird. Denn kein folgender Erfolg, ja nicht einmal ein Zustand des Glücks wird hier in Aussicht gestellt, sondern Thích Nhất Hạnh beschreibt die Ausübung von Achtsamkeit schlichtweg als Ankommen im Hier und Jetzt.

Diese Fokussierung auf das Gegenwärtige, die so simpel klingt und hier deutlich nicht die ungebrochene Konzentration auf die Konsolen und Controller meint, ist im Übrigen auch in der Sozialraumorientierung nach Wolfgang Hinte als innovative Praxis der Sozialen Arbeit verankert, basierend auf der Gestalttherapie Fritz Perls’. In diesem Sinne lässt sich die Achtsamkeit als bedeutsames Element unterschiedlichster Ausrichtungen und Disziplinen verorten, wobei ihre sozialpsychologische Dimension auch in Walk with Me anschaulich zum Tragen kommt. Zu der heilsamen Wärme von Achtsamkeit, die bereits beim Schauen des Films nahezu spürbar wird, gesellen sich die bescheidenen, puristischen Worte Thích Nhất Hạnhs mit poetischer, kräftiger Tröstlichkeit, die auf den Punkt bringen, was den modernen Menschen oftmals quält: „Wir sind viel gerannt. Aber wir sind nicht angekommen.“

(Marie Anderson)

Daten & Fakten

Produktionsland: Frankreich, Großbritannien
Produktionsjahr: 2017
Länge: 90 (Min.)
Erschienen bei: DCM Film Distribution GmbH
Bildformat: 1,78:1 anamorph
Ton/Sprache: Englisch (Dolby Digital 5.1), Französisch (Dolby Digital 5.1), Vietnamesisch (Dolby Digital 5.1)
DVD-Start: 24.11.2017
Extras: Trailer

Cast & Crew

Regie: Marc Francis, Max Pugh
Drehbuch: Marc Francis, Max Pugh
Kamera: Marc Francis, Max Pugh
Schnitt: Nicolas Chaudeurge, Marc Francis, Max Pugh, Alan Mackay
Musik: Germaine Franco

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Jürgen Wagener am: 30.08.17
Hallo liebes Linse - Team, Könnt Ihr bitte den neuen Film über Thich Nhat Hanh: "Walk wit me" demnächst in Weingarten bringen? Lieben Gruß Jürgen Wagener

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