Last Life In The Universe

DVD-Start: 18.08.2006
FSK: 12
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Ordnung und Chaos ziehen sich an

"Eine Eidechse wachte auf und erkannte, dass sie die einzige und letzte Eidechse auf der Welt war. Ihre Familie und ihre Freunde hatten sie verlassen. […] Die letzte Eidechse war nun allein und fühlte sich sehr einsam. Sie vermisste ihre Familie und ihre Freunde. Sogar ihre Feinde vermisste sie. Selbst von ihren Feinden umgeben zu sein wäre noch besser als alleine zu sein. So dachte sie. Die letzte Eidechse starrte bewegungslos in den Sonnenuntergang. Was ist der Sinn des Lebens, wenn ich niemanden mehr habe, mit dem ich sprechen kann? Wozu lebe ich dann überhaupt? Aber wenn ich dann die letzte und einzige Eidechse bin, zu was würden solche Gedanken führen?"

So beginnt das japanische Kinderbuch mit dem eigentlich gar nicht so hoffnungslosen Titel Vom Jenseits der Einsamkeit, das dem in Bangkok lebenden japanischen Bibliothekar Kenji (Tadanobu Asano) eines Tages in die Hände gerät. Führen würde das Ganze vermutlich zum Selbstmord, und so ist Kenji, nachdem er das Kinderbuch gelesen hat, konsequenterweise kurz davor, sich von einem Brückengeländer in den Fluss zu stürzen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er versuchte, sich umzubringen – nicht etwa, weil er Schulden oder Liebeskummer hat, nein, er beschäftigt sich eben mit dem Tod. Dabei hat alles in Kenjis Leben seine Ordnung und seinen Platz. Ihn ordentlich zu nennen, wäre untertrieben, denn er sortiert penibel sogar seine Schuhe nach Wochentagen und seine Hemden nach Farben. Und zwar nach grau und weiß.

Jeder von Kenjis Suizidversuchen wird jedoch zufällig verhindert, sei es durch einen Spontanbesuch seines ungehobelten kriminellen Bruders, oder wie jetzt durch das Mädchen Nid (Laila Boonyasak), das vor seinen Augen überfahren wird. Sie ist das Bindeglied Kenjis zu ihrer Schwester Noi (Sinitta Boonyasak), die indirekt Schuld trägt an Nids tödlichem Unfall. Da Kenji ohnehin aus guten Gründen nicht mehr in seine Wohnung zurückkehren möchte, fährt er mit zu Noi, und sein Leben gerät innerhalb der nächsten Tage in Schräglage. Die impulsive Noi ist in so ziemlich allem das Gegenteil des höflichen und zurückhaltenden Kenji, und sie unordentlich zu nennen, wäre ebenfalls untertrieben.

Die Gespräche zwischen Kenji und Noi in einem provisorischen Mischmasch aus Thai, Japanisch und Englisch (der in der deutschen Synchron-Fassung leider ein wenig verloren geht) gestalten sich zunächst schwierig. Doch es bedarf nicht immer der Worte, um sich zu verständigen. Kenji setzt es sich in den Kopf, Ordnung in Nois Haus und Leben zu bringen, und im Gegenzug lässt er es zu, dass sein Dasein etwas unordentlicher und bunter wird. Ebenso subtil wie die sanft im Hintergrund klimpernde Musik dringen zunehmend Magie und Traum in die Geschichte ein, bis schließlich alle Teilchen in Bewegung sind - da scheint doch noch eine andere Eidechse im Universum zu sein...

Ein deutsches Sprichwort besagt, dass Gegensätze sich anziehen, doch vielleicht ist es auch eine Gemeinsamkeit, die Noi und Kenji letztlich verbindet: Beide haben ein Gefühl der Traurigkeit in sich, für dessen Ausdruck sie keine Worte benötigen. So schrecklich schön und einsam wurde zuletzt nur von Scarlett Johansson in Lost in Translation geraucht, doch in Last Life in The Universe wird dies mit wesentlich mehr Ruhe und Geduld zelebriert, genauso wie den Empfindungen hier überhaupt mehr Zeit zugestanden wird, um sich zu entfalten.

Aufgemischt wird der insgesamt sehr langsame Film durch einen eifersüchtigen sexistischen Proll, der zu brutalen Gewaltausbrüchen neigt sowie durch einen durchgeknallten Yakuza (Takashi Mike). Sie verstärken nicht nur die trotz aller Gefühlsbetontheit (schwarz-)humorige Note des Films, sondern sorgen letztlich auch für einen mehrdeutigen Ausgang jenseits eines simplen Happy-Ends, aber auch jenseits der anfänglichen Einsamkeit der Protagonisten.

Last Life in the Universe entstand bereits 2003 und ist der vierte Film des thailändischen Regisseurs Pen-ek Ratanaruang, der mit seinem neuestem Werk Invisible Waves auf der Berlinale 2006 vertreten war. Für die Kamera zeichnet sich in beiden genannten Filmen Christopher Doyle verantwortlich, bekanntermaßen Experte für stimmungsvolle Bilder der besonderen Art, der unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit Wong Kar-Wai berühmt wurde. Last Life in The Universe mit den Filmen Wong Kar-Wais in Bezug zu setzen ist daher vielleicht nahe liegend, doch wer dies tut, übersieht die eigenständige Sprache dieses melancholischen und zugleich heiteren Liebesfilms.

Eines der DVD-Extras ist ein ausgesprochen ausführliches und lohnendes Interview mit Doyle. Dieses wurde auf der Berlinale 2006, also drei Jahre nach der Entstehung von Last Life in The Universe geführt. Doyle lässt sich unter anderem aus über genau jenes Problem – den Vergleich mit Wong Kar-Wai aus – und erweist sich auch sonst als sehr sympathisch, leidenschaftlich und erzählfreudig, wenn es etwa um seine Art zu arbeiten, die Besonderheit asiatischer Filme, Veränderungen der medialen Welt, Frauen und Wolken und nicht zuletzt um seinen Status als "Super-Chris" geht.

(Simin Littschwager)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Last Life In The Universe
Produktionsland: Thailand
Produktionsjahr: 2003
Länge: 103 (Min.)
Erschienen bei: Rapid Eye Movies
Bildformat: 1,85:1 (16:9)
Ton/Sprache: Dolby Digital 2.0, Deutsch, DD 5.1, Eng., Jap
Extras: Interview mit Christopher Doyle, Behind the Scenes, Kinotrailer, Poster (Laufzeit des Bonusmaterials 80 Minuten)

VERÖFFENTLICHUNGEN

DVD-Start: 18.08.2006

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