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In weiter Ferne, so nah!

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4.7 Sterne aus 3 Bewertungen

DVD-Start: 16.04.2012
FSK: 6
Genre: Drama
Tags: Berlin, Wiedervereinigung, Engel, Mauerfall

Ein charmantes Plädoyer für die Existenz von Engeln

Die im Titel enthaltene Ambivalenz bringt bereits die Atmosphäre zum Ausdruck, die diesen Film von Wim Wenders aus dem Jahre 1993 beseelt: Widerstreitende Emotionen, angedeutete sozial-politische Mehrwertigkeiten sowie Erfahrungen mit reichlich gegensätzlichen Aspekten. Wenn die Menschen die Engel auch in weiter Ferne wähnen, sind sie unbemerkt doch so nah, monologisiert der Engel Cassiel (Otto Sander) hoch oben über Berlin auf der Schulter der Bronzeskulptur der Viktoria auf der Siegessäule. Ein paar Jahre, nachdem Der Himmel über Berlin von 1987 seine Protagonisten verließ, setzt In weiter Ferne, so nah! als zweiter Teil des von sakralen Stimmungen geprägten urbanen Epos ein. Nachdem sein Gefährte Damiel (Bruno Ganz) seine zunehmend als unerquicklich empfundene Engel-Existenz für ein sterbliches Dasein als Mensch eingetauscht hat, durchstreift der melancholische Cassiel weiterhin als himmlischer Bote die Stadt, nicht selten in Gesellschaft des weiblichen Engels Raphaela (Nastassja Kinski), die ähnlich wie er die wachsende Distanz der Sterblichen zu den sie umgebenden Engelswesen beklagt.

"In Berlin after the wall it’s very nice, it’s paradise", dichtet Lou Reed, der schlichtweg sich selbst spielt, mit seiner Gitarre in einem Hotelzimmer. Es ist ein Kuriosum, dass zwischen den beiden Teilen von Wim Wenders Berlin-Filmen die historisch bedeutsame Entwicklung zur Wiedervereinigung Deutschlands liegt. Beide Werke beschäftigen sich sowohl mit der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Situation in der Stadt als auch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, deren düstere Schatten hier nach wie vor präsent sind. In weiter Ferne, so nah! vermag es in sorgfältig installierten Details immer wieder, die nach dem Mauerfall veränderten Gegebenheiten im sozialen wie urbanen Raum dezent, aber signifikant zu markieren. Auch wenn diesem zweiten Teil häufig insgesamt eine Abflachung im Vergleich zum ersten vorgeworfen wird, folgt die Fortsetzung bei deutlich mehr humoristischen und schrägen Sequenzen doch absolut ansprechend dem Konzept der locker ineinander fließenden Handlungsstränge, der intensiven Dichte und den atmosphärischen Qualitäten von Der Himmel über Berlin. Zuvorderst bestechen auch hier die außergewöhnlich engagierten Leistungen des illustren Ensembles, zu dem sich dieses Mal wohl bekannte Protagonisten wie Nastassja Kinski, Willem Dafoe, Horst Buchholz, Rüdiger Vogler, Hanns Zischler, Lou Reed und der damals 91jährige Heinz Rühmann gesellt haben, der in seiner letzten Filmrolle zu sehen ist. Unter der Regie von Wim Wenders präsentieren sich sämtliche Darsteller auf zutiefst beeindruckende Weise mit einer differenzierten Vielschichtigkeit, die ungeheuer authentisch wirkt und ein Zusammenspiel auf höchstem Niveau bietet.

Nachdem zunächst atmosphärische Motive im Vordergrund stehen, entwickelt sich die Dramaturgie von In weiter Ferne, so nah! mit ansteigender Dynamik. Wie zuvor sein Freund Damiel gerät nun auch Cassiel in die menschliche Sphäre – nicht ganz freiwillig, doch mit dem intensiven Erleben entsprechender Emotionen von genüsslicher Freude bis hin zu schwelenden Verzweiflungen. Der ehemalige Engel droht in die Abgründe von Einsamkeit, Alkoholismus und Kriminalität zu stürzen, doch mit Unterstützung von Damiel, der zu einem zufriedenen, lebensfrohen Menschen geworden ist, findet Cassiel seine Balance wieder. Allerdings treibt sich mit dem undurchsichtig erscheinenden Emit Flesti (Willem Dafoe), dessen Name ein Anagramm von "time itself" darstellt und der zu theologisch-philosophischen Mahnungen neigt, ein personifiziertes Memento mori in seiner Nähe herum.

Die aufeinander zustrebenden Aktivitäten der zahlreichen Charaktere gipfeln in einem kriminalistisch geprägten Finale, das die Protagonisten zu einem waghalsigen Schelmenstreich gegen den durchtriebenen, in übelste Geschäfte verwickelten Tony Baker (Horst Buchholz) versammelt. Dass Cassiel letztlich der sinnlichen Sehnsucht nach einer menschlichen Existenz entwachsen und bereit ist, diese zu opfern, entwickelt sich von zarten Andeutungen nun zu einer Gewissheit: Der Abschied von seinen irdischen Gefährten steht bevor, und dass dieser lediglich in einem erneuten Wechsel der Dimension besteht, bildet eine eindringliche Kernaussage dieses warmen, mitunter zärtlich anmutenden Films, der vor allem mystische Aspekte einer tiefen Religiosität und eines ebensolchen Humanismus transportiert.

Das so sorgfältig wie ästhetisch und künstlerisch äußerst ansprechend konstruierte Berliner Universum, in das In weiter Ferne, so nah! sein Publikum einlädt, entwickelt mit seinen berührenden Stimmungen, seiner markanten Musik, der bei Zeiten überwältigenden Kameraführung von Jürgen Jürges und nicht zuletzt mit seinen geradezu liebevoll gezeichneten und verkörperten Figuren der parabelhaften Geschichte eine detailfreudige charismatische Qualität, die mit dem Großen Preis der Jury in Cannes für Wim Wenders, dem Deutschen Filmpreis in Gold für die Kameraführung sowie dem Bayerischen Filmpreis für die Beste Regie ausgezeichnet wurde. Nach 140 Minuten höchst emotionaler, fesselnder Dramatik fällt der Abschied von den Figuren beinahe schwer, deren filigrane Ausdruckskraft noch kräftig nachwirkt. "Ihr, ihr, die wir lieben, ihr seht uns nicht, ihr hört uns nicht. Ihr wähnt uns in weiter Ferne, und doch sind wir so nah", intoniert Cassiel gemeinsam mit seiner Gefährtin Raphaela in einem tröstlichen Schlussmonolog an die Menschen, der auf die Anfangssequenz des Films referiert – ein unsagbar charmantes Plädoyer für die wärmende Existenz von Engel-Botschaftern, die das menschliche Dasein wohlwollend umgeben.

(Marie Anderson)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 1993
Länge: 140 (Min.)
Erschienen bei: Zweitausendeins Edition
Bildformat: 1,78:1 (anamorph)
Ton/Sprache: 5.1 DD / Mehrsprachige Originalfassung
DVD-Start: 16.04.2012
Extras: Audiokommentar von Wim Wenders, Biographie Wim Wenders, Trailer

Cast & Crew

Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders, Richard Reitinger, Ulrich Zieger
Kamera: Jürgen Jürges
Schnitt: Peter Przygodda
Musik: Laurent Petitgirard, Lou Reed, Laurie Anderson, Herbert Grönemeyer, U2
Hauptdarsteller: Bruno Ganz, Nastassja Kinski, Peter Falk, Rüdiger Vogler, Otto Sander

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