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Fahrstuhl zum Schafott

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4.9 Sterne aus 7 Bewertungen

Originaltitel: Ascenseur pour l’Échafaud
DVD-Start: 14.07.2011
FSK: 16
Genre: Krimi
Tags: Paris, Mord, Motel, Nouvelle Vague, Film noir, Miles Davis, Freitod

Ein visionärer Krimi mit Blick auf die moderne Gesellschaft

Da streift eine aparte Frau ruhelos durch das abendliche und nächtliche Paris, auf der Suche nach ihrem Geliebten. Hier und dort kehrt sie ein, fragt, ob er dort war, um dann enttäuscht in die Straßenzüge des urbanen Raums zurückzukehren. Ihre Gedanken werden dem Zuschauer bei Zeiten durch ihre über den Szenen schwebende Stimme offenbart, und manchmal ist es auch lediglich die atmosphärisch dichte Filmmusik von Miles Davis, die Florence Carala (Jeanne Moreau) mit kruder Melancholie begleitet. Am Nachmittag hatte sie noch mit Julien Tavernier (Maurice Ronet) telefoniert, hatte ihm eine Liebeserklärung ins Ohr gehaucht, bevor er sich auf den Weg machte, um ihren Mann Simon (Jean Wall) zu töten. Vor einer Weile vermeinte sie, seinen Wagen vorüberfahren gesehen zu haben, mit einer jungen Frau darin, doch den Mann am Steuer konnte sie nicht erblicken. Wie verabredet gemeldet hat er sich nicht, auch zu Hause ist er nicht gewesen, so dass Florence in beklemmender Ratlosigkeit die Orte ihrer heimlichen Begegnungen aufsucht, um schließlich als vermeintliche Prostituierte von der Polizei aufgegriffen zu werden.

Julien Tavernier befolgt minutiös seinen sorgfältig vorbereiteten Plan: Er weist seine Sekretärin an diesem Samstagnachmittag an, noch eine kleine Weile auf ihn zu warten und nicht im Büro zu stören, während er dort aus dem Fenster steigt und mit Hilfe eines Stricks die Etage seines Chefs erreicht, Florences Ehemann, ihn mit dessen eigenem Revolver erschießt und das Szenario eines Freitodes hinterlässt. Auch der Rückweg gelingt, und dann verlässt Julien gemeinsam mit seiner Sekretärin das den allgemeinen Feierabend erwartende Gebäude. Bei seinem Cabriolet angekommen, das nahe eines Blumengeschäfts parkt, erfasst sein Blick mit stillem Entsetzen den Strick, der noch verräterisch am Gebäude baumelt. Er hastet zurück, doch als er mit dem Fahrstuhl aufsteigt, stellt der Concièrge gerade den Strom ab, so dass Julien zwischen zwei Stockwerken in der Enge der Kabine gefangen ist.

Am Blumenladen, vor dem Juliens Wagen parkt, plaudert die Verkäuferin Veronique (Yori Bertin) mit ihrem windigen Freund Louis (Georges Poujouly) über den offensichtlich von ihr verehrten Tavernier, der bereits den Motor seines Cabrios gestartet hatte, bevor er erneut ins Bürogebäude eilte. Louis reitet der Teufel, als er sich ans Steuer setzt und mit der zunächst protestierenden Veronique davonprescht, und die beiden unternehmen eine ausgedehnte Spitztour aus der Stadt hinaus, die sie schließlich in ein kleines Motel führt. Dort treffen sie auf das deutsche Ehepaar Bencker (Elga Andersen, Iván Petrovich), mit denen sich Louis zuvor ein kleines Rennen geliefert hat. Sie beschließen, über Nacht zu bleiben und verbringen einen trinkseligen Abend mit den Benckers, wobei sich Louis als Julien Tavernier ausgibt.

Zu diesen drei Ebenen, auf denen sich die Dramaturgie von Louis Malles grandiosem Spielfilmdebüt Fahrstuhl zum Schafott ereignet, gesellt sich später eine vierte: Lino Ventura tritt als Commissaire Cherrier auf, der mit den Untersuchungen der Todesfälle von Madame und Monsieur Bencker sowie des Großindustriellen Simon Carala betraut ist. In diesen Dimensionen sind die Schicksale der Protagonisten arrangiert, die in unterschiedlichen Konstellationen aufeinander treffen, um komplett aus ihren bisherigen Lebensbahnen gerissen zu werden – mit Ausnahme des akribischen Commissaires, dessen Position der kühle Charakter eines Vollstreckers anhaftet. Dass es kein Entrinnen geben wird, deutet sich bei ungeheurer Spannung bereits früh in der düster-schwelenden Stimmung des Schwarzweißfilmes aus dem Jahre 1958 an, der zwischen den ästhetischen Aspekten von Film Noir und Nouvelle Vague oszilliert.

Der ebenso virtuose wie eigensinnige Filmemacher Louis Malles, der derart brisant-bewegende Filme wie Herzflimmer / Le souffle au cœur (1971), Lacombe Lucien (1973) und Auf Wiedersehen, Kinder / Au revoir les enfants (1987) inszeniert hat, präsentiert sein Debüt Fahrstuhl zum Schafott gleichermaßen mit atmosphärischer Dichte wie mit kühler Präzision. Mit dem Prix Louis Delluc ausgezeichnet stellt der Film einen mörderisch aufregenden Krimi feinster Machart dar, der seine Figuren mit brutaler Stringenz unausweichlich außer Gefecht setzt. Die Kamera von Henri Decaë wechselt ansprechend zwischen Nähe und Distanz zu den Protagonisten, deren Geschicke von leiser Ironie und unprätentiöser Schwermut flankiert werden – ein zutiefst fesselnder und eindringlicher Film, der neben kriminalistischen Komponenten ein kritisches Gesellschaftsbild der Metropole Paris entwirft, deren moderne Entwicklung auf innovative Weise visionär vorweggenommen wird.

(Marie Anderson)

Daten & Fakten

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1958
Länge: 88 (Min.)
Erschienen bei:
Bildformat: 16:9
Ton/Sprache: Dolby Digital 2.0 Mono, Deutsch, Französisch
DVD-Start: 14.07.2011
Extras: Booklet mit Texten zum Film, Interview mit Louis Malle "Parlons Cinéma", Trailer

Cast & Crew

Regie: Louis Malle
Drehbuch: Louis Malle, Roger Nimier, Noël Calef
Kamera: Henri Decaë
Schnitt: Léonide Azar
Musik: Miles Davis
Hauptdarsteller: Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Françoise Bertin, Georges Poujouly, Jean Wall

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