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Dolls (Limited Collector's Edition)

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5 Sterne aus 6 Bewertungen

Originaltitel: Dolls
DVD-Start: 20.11.2015
FSK: 16
Genre: Drama, Episodenfilm
Tags: Liebe, Unfall, Yakuza, Verlobung, Suizidversuch, Star

Humor hat, wer trotzdem lacht

Über Dolls meinte Kitano in einem Interview: "Ich habe das Gefühl, dass ich Yohji bei diesem Film seine eigene Modenschau organisieren ließ. Yohji traf sehr einseitige Entscheidungen beim Entwerfen all dieser Kostüme, womit er uns sozusagen in der Tasche hatte." Ehrlich gesagt wirkt Dolls auch so. Oder als ob Kitano seinen westlichen Kritikern (die nörgelten, dass der Film davor, Brother, doch bloß wieder ein typischer Yakuza-Film von ihm ist) mit einer Parodie auf Arthouse-Prätentiösitäten eine lange Nase drehen wollte. Oder Kitano hatte tatsächlich einen radikalen Imagewechsel im Sinn. Wer weiß? Geglückt ist das jedenfalls nicht.

Inhaltlich setzt sich Dolls aus drei Geschichten zusammen: 1.) Der junge Matsumoto kündigt seiner Geliebten Sawako die Verlobung, um auf Druck seiner Eltern hin die Tochter eines Firmenpräsidenten zu heiraten. Sawako versucht sich daraufhin umzubringen, was aber nicht klappt, allerdings bleibt sie geistig im Exitus, ist nicht mehr ansprechbar. Matsumuto erfährt davon, holt sie aus dem Krankenhaus und bindet sie mit einem dicken roten Seil an sich. Beide wandern von da an durch Japan und sorgen natürlich für allerhand Aufmerksamkeit. 2.) Nukui ist vom Popsternchen Haruna Yamaguchi besessen, die mit ihrem absurd behämmerten Kirmespop dem ohnehin schon vorhandenen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Films weitere Nahrung gibt. Haruna hat eines Tages einen Autounfall und läuft Gefahr, auf einem Auge zu erblinden. Nukui - echter Fan, wie er nun mal ist - kann das natürlich nicht so einfach hinnehmen und blendet sich selbst, um sich ihr näher zu fühlen. Er rückt dadurch auch körperlich in ihre Nähe, denn er darf sie nun zu einem Spaziergang treffen ... 3.) Hiro, ein alter Yakuza-Boss, erinnert sich nach vielen Jahren an seine Jugendliebe Ryoko, die 30 Jahre später immer noch ihr Versprechen einhält, mit einem Imbiss im Stadtpark auf ihn zu warten. Doch er bringt es nicht übers Herz, sich ihr zu erkennen zu geben...

Alle drei Geschichten sind miteinander verzahnt und werden von einer Bunraku-Vorführung eingerahmt, allerdings ohne jeden Zugewinn: Die Verschachtelung beschränkt sich darauf, dass zum Beispiel das Paar aus der ersten Geschichte in der dritten mal durchs Bild läuft. Genauso unterkomplex ist auch der eigentliche Inhalt: Dolls liefert keinen Subtext mit, er legt den Subtext in den Text hinein und der kann so oder so oder vielleicht auch so ausfallen (O-Ton vom Meister: "Ich habe versucht, möglichst viele Interpretationsansätze zu bieten"); er möchte es jedem recht machen und wirkt deswegen in erster Linie wie ein Hohlraum, der zwar von Yōji Yamamoto mit absolut wunderbaren Kostümen drapiert wurde und auch sonst traumhaft schön anzusehen ist, aber auch völlig leblos wirkt (eben wie eine Modenschau), denn genauso butterweich wie der Plot ist, sind auch die Figuren nur Platzhalter für bestimmte Typen, die sich nie zu echten Charakteren entwickeln, zu denen auch nur die geringste Form von Zuschauerbindung entsteht. Daraus resultiert auch eine gewisse Komik: Wenn uns Kitano zwingt, minutenlang dabei zuzusehen, wie Matsumoto und Sawako aneinandergefesselt durch die Gegend stolpern, fragt man sich unweigerlich, ob da nicht jemand hinter der Kamera saß, der sich tierisch ins Fäustchen lachte.

Doch halt, es gibt trotzdem einen guten Grund, sich diese feine Edition zuzulegen. Neben einer Reihe von Extras (Interviews, Hinter den Kulissen, Filmfest Venedig, Trailer, Booklet) findet sich nämlich noch ein Film: Und zwar Takeshis', der erste Teil von Kitanos berühmt-berüchtigtem, autobiographischem, surrealistischmn Ego-Trip, mit dem er 2005 die Kritiker ärgerte und Fans verwirrte und der 2007 mit Glory To The Filmmaker und 2008 mit Achilles And The Tortoise fortgeführt wurde.

Der Plot lautet in etwa so: Der arrogante Beat Takeshi ist in Japan megaberühmt und führt ein Leben in Wohlstand. Mr. Kitano aber, der genauso aussieht wie Beat Takeshi, ist das komplette Gegenteil: ein schüchterner, völlig unbekannter Schauspieler, der seit Ewigkeiten auf den großen Durchbruch wartet und seinen Lebensunterhalt währenddessen als Supermarktkassierer verdient. Als die Wege der beiden sich eines Tages kreuzen, gerät Mr. Kitanos Realität immer mehr aus den Fugen und vermutlich werden sich auch eingefleischtere Kitano-Fans immer schwerer tun, dem Film zu folgen, denn Takeshis gleitet langsam aber sicher in eine assoziative Gedankenkette ab, die vermutlich nur der Schöpfer vollumfänglich versteht.

Der Film verliert dabei aber nie den Zuschauer gänzlich aus den Augen, da, gewürzt mit zahlreichen Referenzen an sein eigenes Werk, Themen ausgeleuchtet werden, die einen tiefen Blick in Kitanos Innenleben ermöglichen, aber auch darüber hinaus zeitlos sind: Erfolg und seine Auswirkungen und auch die damit verbundene Suche nach dem eigenen Selbst. So fragt sich der von einer lästigen, aber attraktiven Stalkerin verfolgte, in ewigen Yakuza-Rollen gefangene und überhaupt von allem genervte Beat Takeshi, wie denn wohl das Leben eines einfachen Durchschnittsmenschen wäre, während Mr. Normalo ihn eben wegen seiner coolen Yakuza-Rollen und seiner vermeintlichen Wirkung auf Frauen so unendlich bewundert. Der Regie-Titan nutzt diese Basis aber nicht für eine bleischwere Künstler-Burnout-Nummer, sondern ergreift die Gelegenheit zum ordentlichen Freidrehen. Vor allem die zweite Hälfte besteht im Wesentlichen aus einer Aneinanderreihung von surrealen Sequenzen, in denen wenig Rücksicht auf konventionelles Geschichtenerzählen genommen wird. Da tauchen Tote oder zuvor sonstwie in irgendeiner Form mitspielende Personen in neuen Rollen wieder auf, da legen Charaktere ein extrem merkwürdiges Verhalten an den Tag oder verschmelzen mit Bildern aus vorherigen Erlebnissen, da gibt es visuell atemberaubende Sequenzen wie das eines Tausendfüßlers auf der Blüte, dem eine Varieteegruppe folgt, die genau dieses Insekt auf der Bühne darstellt, da fährt Kitano mit einem völlig vollgestopften rosa Taxi über ein Feld voller Leichen und so weiter und so fort. Der öfter auftretende, groteske, gerne pointenlose Humor erinnert dabei gelegentlich etwas an Helge Schneider.

Zugegeben, Takeshis' ist nur schwer greifbar, aber es ist gerade dieses völlig Entfesselte, vermischt mit einer stark persönlichen Ebene (womit der Film auch im Kontrast zu Dolls steht), das ihn so unglaublich faszinierend macht und zum fröhlichen Rätselraten einlädt.

(Thorsten Hanisch)

Daten & Fakten

Produktionsland: Japan
Produktionsjahr: 2002
Länge: 223 (Min.)
Erschienen bei: Capelight Pictures / AL!VE
Bildformat: 1,85:1 (1080p)
Ton/Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (DTS-HD Master Audio 5.1), Japanisch (Dolby Digital 5.1), Japanisch (DTS-HD Master Audio 5.1)
DVD-Start: 20.11.2015
Extras: Booklet, Interviews mit Takeshi Kitano, dem Designer Yohji Yamamoto, den Hauptdarstellern Miho Kanno und Hidetoshi Nishijima, Trailer, Bonus-BD mit Kitanos Film "Takeshis'" (107 Minuten)

Cast & Crew

Regie: Takeshi Kitano
Drehbuch: Takeshi Kitano
Kamera: Katsumi Yanagijima
Schnitt: Takeshi Kitano
Musik: Joe Hisaishi
Hauptdarsteller: Miho Kanno, Hidetoshi Nishijima, Tatsuya Mihashi, Kyôko Fukada, Chieko Matsubara

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