15 15/05

Son of Saul

Saul fia (Son of Saul) ist ein recht einfacher Film. Und doch ist er gleichzeitig eine hochkomplizierte Angelegenheit. Denn das Erstlingswerk des ungarischen Béla-Tarr-Schülers László Nemes ist ein Holocaust-Thriller. Und genau diese Mischung macht ihn zu einem komplexen und problematischen Fall.


(Filmstill aus Son of Saul; Courtesy: Festival de Cannes)

Die Kamera blickt in einen dunklen, schlecht beleuchteten Raum. Im Hintergrund unscharf sind Menschen zu erkennen. Einen schärferen Blick gibt es nicht bis dann endlich ein Mann näher kommt. Es ist Saul Ausländer (Géza Röhrig), ein ungarischer Gefangener in Auschwitz-Birkenau. Die Kamera heftet sich fortan an ihn, meist ist sie auf Augenhöhe direkt hinter ihm. Ab hier gibt es für den Zuschauer kein Zurück. Man ist mitten drin im Konzentrationslager, direkt mit Saul. Es gibt keinen Abstand, kein Entfliehen. Nur Saul und dessen Sichtweise auf das, was da um ihn herum geschieht. Und diese ist eingeschränkt. Zum einen durch den 4:3-Bildausschnitt, zum anderen durch den psychologischen Blick der Kamera. Die großen Grausamkeiten wird sie nicht sehen, so wie Saul aus Selbstschutz schon lange nicht mehr genau hinsieht, denn er muss im Sonderkommando Zwangsarbeit direkt im Krematorium verrichten. Saul arbeitet direkt an der Gaskammer, er begleitet die Menschen hinein, wartet bis die Schreie aufhören, sortiert ihre Sachen und schafft die Körper danach aus der Gaskammer ins Krematorium. 

Der Film begleitet ihn eine Runde lang bei seiner Arbeit. Menschen rein, Sachen sortieren, Menschen (oder Stücke, wie es im SS-Jargon hieß) hinaus und ab zum Verbrennen. Doch dann passiert etwas. Ein Junge überlebt die Kammer. Schnell wird er vom Lagerarzt getötet. Doch Saul scheint den Jungen zu kennen. Es ist, so meint Saul, sein Sohn. Von nun an versucht er wie ein Getriebener im Wahnsinn, der ihn umgibt, an die Leiche des Jungen zu kommen, einen Rabbi zu finden und ihn ordentlich zu begraben. Und dass obwohl er sich kaum unbeobachtet bewegen kann und beim kleinsten Verstoß sein Leben verlieren könnte. Dabei gerät er außerdem noch in die Vorbereitungen des Aufstandes des Sonderkommandos, die eine Sprengstoffanschlag und eine Flucht planen.


(Clip zu Son of Saul)

Es stellt sich die Frage, was Saul fia (Son of Saul) ist. Es soll kein Holocaust-Film, kein historisches Drama sein, sagt der Regisseur. Vor allem keins, das aufgeladen ist mit dem Mythos von Hoffnung, Überleben, Heroismus etc. Es soll einfach nur eine einfache Geschichte eines Mannes in einer unfassbaren Situation sein. Also ein Thriller. In der Tat, die Thriller-Elemente lassen sich in jeder Sekunde nachvollziehen, in der Saul, wie der Spieler eines hochkomplizierten und jederzeit spannungsgeladenen Spieles Rätsel lösen und jederzeit zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss, um das Spiel zu gewinnen. Das Problem ist nur: Auschwitz war kein Spiel. Das gewählte historische Setting, welches sich, um akkurat die Umstände wiederzugeben auf Aufzeichnungen tatsächlicher Sonderkommando-Häftlinge stützt, lädt diesen Thriller natürlich mit einer Unmenge an Wissen, Gefühlen, Geschichten und philosophischen, ethischen und psychologischen Fragen auf. Sollte man sich die Frage stellen, ob man überhaupt so etwas wie einen Holocaust-Thriller machen darf? Natürlich, aber die Antwort auf die Frage des "Dürfens" ist nicht allzu fruchtbar. Es gibt ja auch Holocaust-Komödien und andere Formate und außerdem kommt diese Frage zu spät, denn offensichtlich gibt es ja schon mindestens einen solchen Film. Das Problem, der Zwiespalt, der bittere Geschmack auf der Zunge entsteht viel mehr durch dramaturgische Entscheidungen des Filmemachers.

Denn er kann noch so sehr beteuern, dass er keinen Holocaust-Film im Sinne eines historischen Dramas gemacht hat. Das diktieren allein der Ort, die Zeit, sein Protagonist und der Fakt, dass Nemes sich akkurat an die historischen Gegebenheiten – soweit sie überliefert wurden – hält. Aber Nemes geht noch weiter. Denn sein Thriller ist in der Tat ebenfalls eine mythische Geschichte. Es geht hier vielleicht nicht so sehr ums Überleben, wohl aber um Heroismus und den Kampf um die eigene Menschlichkeit. Diese führt Saul stellvertretend. Der tote Junge soll richtig beerdigt werden. Mit Würde. Wie ein Mensch. Das ist es, was den Mann so treibt und ihn veranlasst, eine wahrhaft mythische Odyssee durch die Auschwitz-Unterwelt zu unternehmen, die (da kann man sich anhand der historischen Fakten auch halbwegs sicher sein) relativ unmöglich gewesen sein mag. Der Erzählstrang des Aufstandes, ebenso ein historischer Fakt, trägt weiter dazu bei, Hoffnung zu schüren und kleine, wenn auch bittere und dreckige Heldengeschichten zu erzählen.

Und genau diese Verstrickung ist die Krux der Sache. Was als Thriller gemeint ist, fußt eben doch auf den schon oft erzählten Holocaust-Geschichten, die versuchen, am Undenkbaren und Unzeigbaren kleine Momente zu finden, die Menschliches, Hoffnungsvolles, Lebendiges zeigen. Das evozierte und replizierte historische Material überrollt die kleine Geschichte, die Nemes hier platzieren wollte in seiner ganzen Wucht und schreibt sie, zumindest teilweise, um und verknüpft sie mit dem Holocaust als Geschichte(n).

Trotzdem oder gerade deswegen: Saul fia (Son of Saul) ist ein erstaunliches Werk. Man muss Nemes zugestehen, dass er unglaubliche Chuzpe hat, solch einen Film, noch dazu als Erstlingsfilm, zu machen. Und ja, in gewisser Hinsicht erweitert er das Oeuvre des Holocaust-Films um einen weiteren, der mit filmischen Mitteln die Frage zu beantworten sucht, die uns noch immer umtreibt: Wie zeigt man das Unzeigbare?

(Festivalkritik Cannes 2015 von Beatrice Behn)