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16 17/05

"Personal Shopper" von Olivier Assayas

Kudos für Olivier Assayas, der mit Personal Shopper etwas ganz anderes probiert: einen Film über Geister, Killer, Mode und Trauerarbeit. Alles in einem. Um diesen eklektischen Mix zusammenzuhalten, installiert Assayas im Kern des Filmes zwei Dinge: Kristen Stewart und die Idee, alles über eine experimentelle Exploration der verschiedenen Facetten psychologischen Horrors zu verbinden. Doch das Laborexperiment Personal Shopper fliegt ihm alsbald gehörig um die Ohren.


(Bild aus Personal Shopper von Olivier Assayas; Courtesy of Festival de Cannes)

Stewart, die in Assayas vorigem Film, dem ausgezeichneten Clouds of Sils Maria, eine Nebenrolle spielte, für die sie als erste nicht-französische Schauspielerin mit dem César ausgezeichnet wurde, hat in Personal Shopper die Hauptrolle und trägt die gesamte Last auf ihren Schultern. Und sie gibt wahrhaftig ihr Bestes. Ihre Figur Maureen ist eine Amerikanerin in Paris, die einerseits die persönliche Einkaufsassistentin einer weltweit bekannten Schauspielerin ist, andererseits diesen Job nur macht, weil sie ihren Aufenthalt in Paris finanzieren muss. Sie kann nämlich noch nicht weg. Sie wartet auf ein Zeichen von Lewis, ihrem Zwillingsbruder, der vor drei Monaten plötzlich an dem gleichen Herzfehler verstarb, den auch Maureen hat. Und sowohl Lewis als auch Maureen sind mit der Fähigkeit ausgestattet, Geister zu sehen und zu spüren. Daher steht Maureen am Anfang des Films in Lewis’ leerem Haus und versucht, ihn zu erfühlen. Doch stattdessen bekommt sie Besuch von einer anderen, weiblichen und extrem übellaunigen Entität in Form von schlechten Special Effects und anschließendem Gerede über Ektoplasma. Hier zeigt sich schon das Potential, aber auch die Fallhöhe, die Personal Shopper am Ende komplett ausgeschöpft haben wird: Einerseits ist Maureens Schreiten über knarrende Dielen in einem riesigen, alten Haus unglaublich atmosphärisch eingefangen. Jeder Schatten wird im Kopf des Zuschauers bald beweglich und lässt Geister vermuten. Jedes Knarren, jedes Geräusch erzeugt eine wohlig-gruselige Spannung. Assayas lässt die Kamera immer an der Seite seiner Protagonistin, die im Dunkeln auf der Suche nach ihrem Bruder und damit auch sich selbst ist. Doch diesem wunderbaren Horror folgt eine geisterhafte Begegnung, die fast ein Fall für Ed Wood oder den späten Dario Argento wäre, so trashig-schlecht ist sie gemacht. Es wäre besser gewesen, Assayas hätte seine Geister nie gezeigt. Dann hätte er ihnen nicht die auratische Macht genommen.


(Bild aus Personal Shopper von Olivier Assayas; Courtesy of Festival de Cannes)

Wenn Maureen nicht versucht, als Medium zu fungieren, verbringt sie ihre Zeit bei Chanel, Cartier und Co., um Kleidung für ihre Chefin zu beschaffen. Hier ist man der Figur recht nah, Maureen entfaltet sich ein wenig zwischen ihrem guten Geschmack, der Trauer um ihren Bruder und der Frage, wie es mit ihrem Leben überhaupt weitergehen soll. Wie leben, wenn man noch am Verstorbenen hängt? Es macht unglaublich Spaß, der zarten und verwundeten Frau zuzusehen. Stewart brilliert ganz und gar als verlorene Seele in der großen Stadt aus Glamour und Fassade. Doch ehe man ganz eintauchen kann, entspinnt sich ein weiterer Erzählstrang. Plötzlich bekommt Maureen SMS-Nachrichten von einer unbekannten Nummer. Sie weiß nicht, wer das ist, gibt aber – und hier wird es unfassbar unglaubwürdig – locker und detailliert Auskunft über sich selbst. Die Vermutung liegt nahe, dass die SMS von Lewis stammen könnten, doch die Lust auf Spekulation vergeht innerhalb einer zwanzigminütigen Szene, in der man den Figuren beim SMS-Schreiben zusehen muss. Die Geschichte und der Versuch, Mysteriöses und Gruseliges einzubauen, verlieren sich hier völlig. Noch dazu ärgert die Behäbigkeit, mit der ein Medium wie Kurznachrichten genutzt wird, indem man wahrhaftig das iPhone-Display abfilmt. Dabei gibt es so viel bessere und dynamischere Wege, wie beispielsweise schon House of Cards zeigt.


(Bild aus Personal Shopper von Olivier Assayas; Courtesy of Festival de Cannes)

An dieser Stelle fragt man sich auch schon, was eigentlich los ist und was der Film will. Hin und wieder gibt es brillante Momente und eine Atmosphäre von erahntem Grauen und Horror. Fast, aber nur fast, könnte man an einigen Stellen einen Giallo à la Dario Argentos Phenomena erwarten – beispielsweise als sehr plötzlich noch ein Mord geschieht, in den Maureen verstrickt ist. Doch Assayas lässt den Faden sofort wieder fallen. Szenen unglaublicher Schönheit und Atmosphäre münden in trivialen, langweiligen Szenen, die vor sich hinplätschern. Sinn ergibt irgendwann gar nichts mehr, erklärt wird es auch nicht. Was ja nichts machen würde, hätte man das Gefühl, Regisseur und Drehbuch hätten dies absichtlich inszeniert, so wie es David Lynch oftmals phänomenal vorgemacht hat. Wie man Lost Highway auch dreht und wendet, immer passt etwas nicht, obwohl der Rest plausibel erscheint. Personal Shopper ist davon aber weit entfernt. Vielmehr macht der Film eher den Eindruck eines völlig verkopften clusterfucks, bei dem man vier verschiedene Drehbücher zusammengekocht, beim Drehen den Faden verloren hat und nun hofft, dass es vielleicht keiner merkt, wenn man es "experimentell" und "Kunst" nennt.

(Beatrice Behn)