13 17/05

L'inconnu du lac

Sommernachmittage am See - davon kann man im Moment nur träumen, denn wenn es im Moment gerade nicht regnet, dann ist es in Cannes dennoch empfindlich frisch, wenn der Wind aufkommt und die Ahnung von südlicher Wärme im Nu wegbläst. Wie gut, dass es hier wenigstens einige Filme gibt, die vom Sommer erzählen: Francois Ozons Jeune & Jolie fing gestern beispielsweise so an. Und Alain Guiraudies Beitrag zur Reihe Un certain regard mit dem Titel L'inoccnu du lac spielt sogar ausschließlich während einiger Sommertage, an denen es nicht nur wegen der Temperaturen heiß hergeht.

Auf der einen Seite eines Sees irgendwo in Frankreich findet man in diesem Film die "Normalos" vor, auf der anderen Seite treffen sich die schwulen Männer, die an dem Steinstrand oben und unten ohne baden und sich ab und zu mehr oder weniger diskret in den angrenzenden Wald zurückziehen, um dort miteinander Sex zu haben. Franck (Pierre Deladonchamps) ist einer dieser Männer, der hier die Nachmittage verbringt. Über sein Vorleben erfahren wir so gut wie nichts, es ist beinahe so, als existiere er außerhalb der Szenerie am See, in der der Film ausschließlich spielt, gar nicht - ebenso wenig wie die anderen Männer, die er hier Tag für Tag trifft. Da ist beispielsweise Henri (Patrick D'Assumaco, der fast ein wenig aussieht, als sei er der jünger Bruder von Gérard Depardieu), der hier seine Tage verbringt - immer ein wenig abseits der anderen, weil er mit dem Treiben in den Wäldern nichts am Hut hat und einfach nur die Zeit totschlagen will. Ganz anders ist da Michel (Christophe Paou, bei dessen Anblick man unwillkürlich an Tom Selleck in seiner Rolle als Magnum denken muss), der mit Abstand attraktivste der Männer - und womöglich auch der gefährlichste. Denn eines Tages verschwindet ein Mann, mit dem Michel bis spät in den Abend am See war. Als dessen Leichnam aus dem See geborgen wird, keimt nicht nur bei der Polizei der Verdacht, dass Michel an dem Tod seines Lovers schuld sein könnte. Auch Franck ist misstrauisch geworden, doch zu diesem Zeitpunkt ist er längst verliebt in Michel, der jedoch gar nichts von sich preisgeben mag und der darauf besteht, dass es keinen weiteren Kontakt zwischen den beiden gibt.

Ziemlich explizit ist L'inconnu du lac geraten, es gibt kaum eine Szene, in der nicht ein männliches Geschlechtsteil durch Bild baumelt oder gerne auch mal in vollem Einsatz gezeigt wird. Leider aber sind zahlreiche der Personen am Cruising-Strand nichts weiter als Stereotypen und beinahe schon Karikaturen, was später nach dem mutmaßlichen Mord auch den ermittelnden Kommissar mit einbezieht, der mit hinter dem Rücken verschränkten Armen linkisch durch Unterholz stolpert. Leider tötet die öfter mal unfreiwillige Komik (eine Art running gag soll wohl der Spanner sein, der sich völlig ungeniert neben die kopulierenden Pärchen stellt) jegliche Spannung und auch weite Teile der sexuelle aufgeladenen Atmosphäre - mal ganz abgesehen davon, dass man sich als Zuschauer mindestens ebenso sehr wie der Kommissar wundert, warum niemand das Verschwinden von Michels Liebhaber bemerkt haben will. Denn immerhin wird das verlassen daliegende Handtuch und die Schuhe sowie das über Tage auf dem Parkplatz stehende Auto des Opfers überaus plakativ ins Bild gerückt. Und wenn Michel am Ende mit dem Messer auf Menschenjagd geht, um sein wie auch immer geartetes Geheimnis um jeden Preis zu schützen, ist dies eine letzte Wendung ins völlig Absurde, die dem Film vollends jeden Reiz nimmt - wenn man von den reichlich zur Schau gestellten sexuellen Reizen einmal absieht.

Nach dem brennenden Penis am gestrigen Tag in Amant Esacalantes Heli und den heutigen Darreichungen in roher Form ist mein Bedarf für die nächsten Filme jedenfalls fürs Erste gedeckt.

(Joachim Kurz)