15 14/05

Il racconto dei racconti

Matteo Garrone (Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra) würde man nicht unbedingt sofort mit Märchenverfilmungen assoziieren. Umso interessanter scheint die Idee, dass sich ein Regisseur, der sich eigentlich mit gesellschaftskritischen Filmen einen Namen gemacht hat, jetzt Märchen verfilmt.


(Matteo Garrone; Courtesy: Festival de Cannes)

Natürlich wäre es möglich, diese überlieferten Geschichten zu modernisieren und/oder auch zum Zwecke einer Kritik oder Analyse der Gesellschaft zu nutzen, aber es scheint, Garrone hatte einfach mal Lust, einen pompösen, bunten Film zu machen und einfach Spaß zu haben. Und Spaß hatte er bestimmt, doch leider hat er dabei vergessen, wie man Geschichten ineinander verwebt und gekonnt erzählt.

Doch vor der Kritik erst einmal eine kleine Inhaltsangabe. Il racconto dei racconti (Tale of Tales) ist eigentlich drei Geschichten in einer. Alle wurden inspiriert von den Erzählungen Giambattista Basiles, eines neapolitanischen Schriftstellers und Hofpoeten aus dem 16. Jahrhundert.


(Filmstill aus Il racconto dei racconti; Courtesy: Festival de Cannes)

1) Die verbitterte Königin von Longtrellis (Salma Hayek) will unbedingt ein Kind, wird aber nicht schwanger. Eines Tages taucht ein eigenartiger Mann auf, der ihr und dem König (John C. Reilly) rät, ein Seeungeheuer zu töten, sein Herz von einer Jungfrau kochen zu lassen und es zu essen. Beim Töten des Monsters kommt der König ums Leben, der Zauber funktioniert jedoch. Mit der kleinen Ausnahme, dass die Jungfrau, die das Herz kocht ebenfalls schwanger wird und beide Frauen baugleiche Jungen austragen. 16 Jahre später ist der junge Prinz nur daran interessiert mit seinem Zwillingsbruder zu verkehren – ein Fakt, der die Königin zur Weißglut und alsbald zu Mordplänen veranlasst.

2) Der promiske König Strongcliff (Vincent Cassel) hört eine Frau singen und verliebt sich in ihre Stimme. Er nimmt an, es handle sich um ein junges, schönes Mädchen und er will es haben. Doch die Frau ist eine alte, hässliche, die mit ihrer ebenfalls alten Schwester in einer Hütte wohnt. Die Schwester wittert Ruhm und Reichtum, als der König an der Tür klopft und verbringt eine Nacht mit ihm. Ihre einzige Bedingung: kein Licht. Als der König am nächsten Morgen die alte Frau entdeckt, wirft er sie aus dem Fenster. Sie landet im Wald wo eine Hexe sie in eine junge, schöne Frau verwandelt, die dem König dann doch sehr gefällt.

3) Der König von Highhills (Toby Jones) ist verrückt nach einem riesigen Floh, den er täglich füttert. Seine einzige Tochter beachtet er eher nicht. Als der Floh stirbt, lässt er ihn häuten und lädt jeden im Land ein zu raten von welchem Tier die Haut stammt. Niemand errät es. Außer ein Oger. Fortan ist die Prinzessin gezwungen mit einem Oger in seiner Höhle zu hausen.


(Trailer zu Il racconto dei racconti)

Grundsätzlich bieten alle drei Geschichten die Möglichkeit für viel Unterhaltung. Ihre grotesken Grunderzählungen gepaart mit gothischen Motiven sind wie eine buntere und etwas absurdere Version von Game of Thrones. Das ist erfrischend eigenartig und interessant. Leider nur am Anfang. Denn Garrone inszeniert sie in einer derart gelangweilten Art, dass man schon bald selbst kein Interesse mehr verspürt. Da hilft es auch nicht, dass die Bilder pompös und in fantastischen Farben inszeniert sind. 

Die drei Erzählstränge wechseln recht belanglos hin und her, sind dazu noch schlampig montiert, eine rote Linie will sich nicht erkennen lassen. Und wann man schon fast aufgegeben hat, so schwingt sich der Film dann doch für einen Augenblick auf und spendiert mal eine Sequenz hier, dann eine da, die wundervoll ist und die einen völlig gefangenen nimmt, nur um dann sofort wieder abzuschlaffen und einzuschlafen. Ach, dieser Film ist dadurch mehr Frust als Vergnügen, denn man sieht hier und da, wie gut und wundervoll er hätte werden können! Was ist nur schief gegangen? Doch noch bevor man darauf eine Antwort hat, endet der Film. Abrupt, ohne Katharsis und ohne seine Geschichten so recht zu Ende zu erzählen.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Beatrice Behn)