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17 19/05

Cannes 2017: "Un beau soleil intérieur“ von Claire Denis

Selten war ein Prolog so bezeichnend für den Rest des Films. In den ersten fünf Minuten ist bei Un beau soleil intérieur alles gesagt. Isabelle (Juliette Binoche) hat Sex mit ihrem Geliebten. Er fragt, ob sie gleich komme. Sie sagt, er könne ruhig, das mache ihr nichts aus. Er fragt, ob sie bei ihrem vorigen Liebhaber schneller gekommen sei. Ein Schlag ins Gesicht.

(Bild aus Un beau soleil intérieur; Courtesy of Festival de Cannes)

Die Kamera hängt dabei ganz nah an den Köpfen der beiden, hat sich über den schönen Körper von Juliette Binoche herangearbeitet. Und klebt nun so nah an ihrem Hals, dass man ein wenig weiter in den Kinosessel rückt, weil das zu viel Nähe ist und man diesem Mann nicht so nah sein möchte, wie Isabelle es hier ist. Nachdem er sie so verletzt hat, weint sie. Man sieht nur ihren Rücken, zuckend und schluchzend. Er entschuldigt sich, versucht sie wieder an sich zu ziehen. Ein Machtspiel der Körper, und sie gibt nach. Legt sich auf ihn, küsst ihn wieder. Ein kurzer, zeitraffender Schnitt. Er steckt das blaue Hemd in seine Hose, schließt den Reißverschluss, sagt: "Ich ruf dich an, morgen." Und geht. Sie lässt sich aufs Bett fallen, ein Sonnenstrahl schlängelt sich durch den Vorhang auf ihre nackte Brust. Glücklich ist sie nicht.

Und das wird sie auch in den nächsten 98 Minuten nicht werden. Dabei ist Isabelle verzweifelt auf der Suche nach der großen Liebe. Jene, bei der alles andere verblasst. Bei der alles gut wird. Bei der sie den Mann trifft, der ihr Leben komplettiert. Und wie es so ist, wenn man annimmt, dass einen nur eine andere Person komplettieren kann, stolpert man von einer schlechten Beziehung in die nächste. Isabelle tut das im ganz klassischen Muster. Der Banker im blauen Hemd ruft natürlich am nächsten Tag nicht an und auch der Schauspieler, den sie als nächstes abschleppt, ist viel zu unentschlossen, ob das mit ihr nun die große Sache ist, nach der er sucht.

Und so reiht die französische Regisseurin Claire Denis eine Männerepisode an die nächste. Immer wieder landet die Künstlerin Isabelle dabei mit Männern im Bett, die ihr nicht guttun. Die unentschlossen sind. Die auf diese französische Art alles zerreden, weil sie sich für Feingeister halten. Oder die sie zu dominieren versuchen, ihr ihre Sicht der Dinge aufzuzwingen. Und obwohl sie eine kluge Frau ist, glaubt Isabelle ihnen, fällt auf ihre Manipulationen herein, macht sich selbst ein ums andere Mal unglücklich.

Dass man trotzdem nicht entnervt den Saal verlässt, liegt natürlich an Juliette Binoche, die das alles mit einer Intensität spielt, dass man ihr das Wanken zwischen Stärke und Verletzlichkeit vollkommen abnimmt. Zudem hat das Drehbuch einige witzige Wendungen, die sich dann doch über die prätentiöse Pariser Bourgeoisie mokieren. Etwa wenn Isabelle mit ihren Künstlerfreunden einen Ausflug aufs Land macht und alle in den Wald starren, seine Farbverläufe und die beruhigende Wirkung der Natur auf die Bauern des 19. Jahrhunderts erläutern – und sie plötzlich ausrastet und minutenlang anschreit, was sie sich einbilden und ob sie denn denken, all die Natur würde ihnen gehören.

Ist das nun eine Abrechnung mit jener französischen Mittelklasse, die für das derzeitige politische Dilemma des Landes verantwortlich ist? Die so sehr um sich selbst kreist und nur in ihren Milieu-Grenzen denkt, dass sie für alles außerhalb der eigenen Blase den Blick verliert und dennoch todunglücklich mit sich und der Welt zurückbleibt. Oder ist es gar der Abgesang auf diese Art von Frauen, die es trotz aller Emanzipation nicht schaffen, mit sich selbst ins Reine zu kommen, ihr Glück ständig von anderen abhängig machen und in einer verquer-romantischen Vorstellung ihr Gegenstück suchen, mit dem das Leben endlich komplett und ohne Probleme wäre? Vielleicht ist dieser Gedanke für Denis' Film auch viel zu weit hergeholt, denn eine Auflösung für das Problem liefert sie freilich nicht. Und so bleibt man zurück wie nach Gesprächen mit dieser einen Freundin, die sich immer über "die Männer" beklagt, es dabei jedoch nie schafft, sich aus ihren toxischen Beziehungen zu lösen: Man ist ein bisschen verzweifelt und möchte eigentlich niemand anderem empfehlen, sich mit dieser Frau zum Kaffee zu verabreden, denn am Ende diskutiert man zwei Stunden ohne Erfolg über das gleiche Problem und eine Besserung der Situation ist nicht in Aussicht.

(Festivalkritik von Maria Wiesner)

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