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17 24/05

Cannes 2017: "Rodin“ von Jacques Doillon

Das Filmfestival von Cannes ist nicht nur eine Leistungsschau des Weltkinos, sondern immer auch ein klein wenig Showcase für den französischen Film, vor allem in seiner anspruchsvollen Variante. Jedes Jahr finden sich mindestens vier einheimische Filme im Herzstück des Wettbewerbs. Nimmt man die Qualität dieser Filme zum Maßstab für den Zustand des französischen Kinos, dann muss man ihm in diesem Jahr leider ein schlechtes Zeugnis ausstellen – vor allem dann, wenn man noch den Eröffnungsfilm mit hinzuzieht.

(Bild aus Rodin; Courtesey of the Festival de Cannes)

Mit Ausnahme von Robin Campillos 120 battements par minute enttäuschten die französischen Filme im Hauptprogramm durch die Bank. Und Jacques Doillons schwer erträgliche Künstlerbiografie Rodin bildet da gewiss keine Ausnahme.

Der Autodidakt Auguste Rodin, der niemals eine anerkannte Ausbildung als Künstler genossen hatte, war bereits über vierzig, als er seinen ersten öffentlichen Auftrag vom französischen Staat erhielt, für das gerade neu eröffnete Musée des Arts Décoratifs in Paris ein Bronzetor, das sogenannte Höllentor, zu gestalten. Rund 37 Jahre arbeitete er an der Skulptur, die erst nach seinem Tod endgültig fertiggestellt werden konnte. Neben diesem Kunstwerk widmet sich der Film vor allem einem weiteren der Hauptwerke des Plastikers und Bildhauers, dem Denkmal für Honoré de Balzac. Und bei den Gängen durch die Ateliers des Meisters fällt wie selbstverständlich der Blick auch auf andere bekannte Werke Rodins: Der Kuss etwa oder Der Denker.

(Bild aus Rodin; Courtesey of the Festival de Cannes)

Auguste Rodin (Vincent Lindon) ist ein Klotz von einem Mann, einer, der nicht viele Worte macht, sondern vor allem ein Mann der Tat ist. Im Film ist er hauptsächlich bei der Arbeit zu sehen, eingehüllt in einen leinenen Ateliermantel, der ihn vor dem Gips und dem Staub schützt, von dem er täglich umgeben ist. Und Rodin ist ein Mann zwischen zwei Frauen. Da ist einerseits die begabte Schülerin Camille Claudel (Izïa Higelin), mit der ihn eine fruchtbare künstlerische Symbiose und eine amour fou zu gleichen Teilen verbindet. Andererseits führt an seiner Seite seine langjährige Begleiterin Rose Beuret (Séverine Caneele), die er erst am Ende seines Lebens heiraten wird, ein Schattendasein und erscheint oft eher als Dienstbotin, bis sie sich gegen ihren Status und Rodins andere Affären wehrt. Dicht oder nachvollziehbar sind diese Beziehungen zwischen dem Künstler und seinen Frauen nicht, unvermittelt treten zentrale Veränderungen ein, brechen Streitigkeiten aus, die der Zuschauer aber niemals wirklich nachvollziehen kann – noch nicht einmal, wenn er mit dem Leben und Werk Rodins vertraut ist. Unterstützt wird der Film unter anderem vom Museum Rodin – und so verwundert es kaum, dass das Werk dem nicht nur behaupteten, sondern faktischen Einfluss Camille Claudels auf das Werk ihres vormaligen Meisters keinerlei Beachtung schenkt und sie nach der Trennung von Rodin als hysterische Psychopathin diffamiert. Auch dass Doillons Werk am Ende gar unvermittelt nach Tokio in das dortige Rodin-Museum wechselt, fällt wohl eher in die Kategorie Marketing als künstlerische Notwendigkeit.

Erschwert wird der Zugang zudem durch Doillons überaus schwerfällige Art und Weise der Inszenierung, die kaum jemals etwas mit den Interieurs und den Kunstwerken anzufangen weiß. Nur an zwei Stellen löst sich die Kamera für einen kurzen Moment aus ihrer eng begrenzten Sichtweise und gewinnt für einen Augenblick eine Perspektive, die einem künstlerischen Schwergewicht wie Auguste Rodin angemessen scheint. Ansonsten herrscht ein träge dahinplätschernder Fluss der Bilder, der so zäh ist wie der Ton und der Gips in den Werkstätten des Meisters.

(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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