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17 18/05

Cannes 2017: "Les fantômes d’Ismaël” von Arnaud Desplechin


Eine mit französischen Stars (Marion Cotillard, Charlotte Gainsbourg, Mathieu Amalric) gespickte Komödie über einen Filmemacher in Nöten, die gerne mit einer Menge Rotwein und Whiskey heruntergespült werden, dazu eine Ménage-à-trois mit einer spröden Astrophysikerin und einer verschwundenen und dann nach mehr als 20 Jahren wieder aufgetauchten (Ex)-Ehefrau – und das Ganze gekrönt von einem Film-im-Film, in dem sich zwei weitere Stars des französischen und italienischen Kinos die Ehre geben (Louis Garrel und Alba Rohrwacher). Auf dem Papier klingt Arnaud Desplechins Les fantômes d’Ismaël wie ein Werk, das geradezu dazu prädestiniert ist, ein Festival wie Cannes zu eröffnen.

(Bild aus Les fantômes d’Ismaël, Courtesy of Festival de Cannes)

Schließlich wird hier die Lust der Zuschauer und womöglich auch die von Thierry Frémaux auf Stars en masse befriedigt und ist für schöne Bilder vom roten Teppich gesorgt. Zudem kann man diesen Film durchaus auch als Verneigung vor dem französischen Kino verstehen. Dass der Auftakt dennoch misslingt, liegt vor allem daran, dass Desplechins Film versucht, zu viel auf einmal zu sein: irgendwie Satire, dann wieder Tragödie, mal bemüht tiefsinnig, dann wieder erschreckend banal und wie aus einer nicht ganz ernst gemeinten Handlungsanweisung darüber, wie französische Filme gefälligst auszusehen haben.

Das beginnt bereits mit dem Regisseur Ismaël Vuillard (Mathieu Amalric), der nicht nur so aussieht, als würde er permanent in seinen Kleidern schlafen, sondern genau dies auch tut, wenn er überhaupt in den Schlaf findet. Dazu kommen natürlich der Rotwein, mit dem er den Tag beginnt, die vielen Zigaretten und der Whisky, mit dem er abends endet: Ein Pariser Bohemien also, wie er im Bilderbuch steht. Aber natürlich ist dieser strauchelnde Mann nicht ohne Grund zu solch einem Wrack geworden – vor mehr als 20 Jahren verschwand seine Frau Carlotta (Marion Cotillard) spurlos von der Bildfläche und bis zum heutigen Tage weiß niemand so genau, was mit ihr geschehen ist. Klar, so etwas kann einer sensiblen Künstlerseele schon aufs Gemüt und infolgedessen auf die Leber schlagen. Nun scheint Ismaël aber wieder zurück in die Spur zu finden, eine neue Frau an seiner Seite, die Astrophysikerin Sylvia (Charlotte Gainsbourg), gibt ihm Halt. Bis eines Tages Carlotta wieder auftaucht, die vor 21 Jahren verschwunden war, sich seitdem in der Welt herumgetrieben hat und nun einfach wieder Einlass begehrt in Ismaëls Leben – so als sei nichts gewesen. Natürlich wirft ihn das Auftauchen seiner für verschollen erklärten Gattin, die in der Zwischenzeit mit einem Inder verheiratet war, erneut aus der Bahn. Und dann beginnt sich auch noch der Film, an dem er gerade arbeitet, zu verselbständigen – die Phantome, die das Leben des Regisseurs beherrschen, drohen den Ärmsten völlig zu verschlingen.

Was in der Nacherzählung vergleichsweise schlüssig klingt, kommt im Film freilich viel ungelenker daher: Amalric und auch Garrel agieren stets am Rand des Erträglichen, Cotillards Rolle ist extrem undankbar und Charlotte Gainsbourg kämpft gleichfalls gegen die Schwächen und die Unentschlossenheit der Figurenzeichnung an, kann dagegen aber kaum etwas ausrichten. Besonders betrüblich ist dabei, wie wenig sich Desplechin für die wirklichen Nöte und Verwundungen seiner Helden interessiert: Ismaëls Verletztheit bleibt pure Behauptung und reines Klischee, Carlottas Gründe für ihr Verschwinden sind so lapidar daher gestammelt und unkonkret, dass jeder (und keineswegs nur jeder vernünftig Denkende) sie sofort aus Neue in die Wüste schicken statt mit ihr anbandeln würde. Und leider setzt sich diese Schludrigkeit und dieses Desinteresse an den Figuren und ihren Motivationen über den gesamten Film fort.

(Bild aus Les fantômes d’Ismaël, Courtesy of Festival de Cannes)

An einer Stelle des Filmes, es ist die wohl berührendste, die sich aber wie ein Fremdkörper in einem misslungenen Gesamtbild ausnimmt, führt Ismaël seinen Line Producer Zwy (Hippolyte Girardot) auf einen Dachboden, wo er anhand zweier Bilder und eines dazwischen geknüpften Netzes aus Fäden und Schnüren die gleichzeitige Geburt der Zentralperspektive zu Beginn der Renaissance verdeutlicht. Mit diesem Bild findet der Film schließlich unbeabsichtigt zu einer Aussage über sich selbst – er offenbart sich selbst als wirres Netz aus Motiven und Bildern, denen es tatsächlich an einer zentralen Perspektive mangelt. Viel schlimmer als dies ist aber der völlige Mangel an Gespür für das, was seine zentralen Personen bewegt und antreibt. Das Rätsel, wie es Les fantômes d’Ismaël schaffen konnte, solch einen prominenten Platz in dem Programm des bedeutendsten Filmfestivals der Welt zu bekommen, kann deshalb wohl nur aufgelöst werden, wenn man die Wahl vor allem als oberflächliche Werbung für den Filmstandort Frankreich auffasst. Schade, dass man dafür keinen bedeutenderen Filmemacher, kein besseres Werk auftreiben konnte.

(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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