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17 01/06

Cannes 2017: "D'après une histoire vraie" von Roman Polanski

Offiziell gab es zwar bei den 70. Internationalen Filmfestspielen von Cannes keinen Abschlussfilm. Inoffiziell allerdings kam diese Ehre Roman Polanskis D’après une histoire vraie zu, der als letzter Film des Festivals am Abend vor der Preisverleihung seine Weltpremiere feierte und im Wettbewerbsprogramm außer Konkurrenz lief. Was womöglich für den Film die bestmögliche Programmierung war: denn die gesenkten Erwartungen, mit denen man – gerade nach einem starken Wettbewerbs-Endspurt – in einen Abschlussfilm geht, spielten dem Gewinner der Goldenen Palme 2002 (für Der Pianist) durchaus in die Hände.


(Bild aus D’après une histoire vraie; Courtesy of Festival de Cannes)

Mit langen Warteschlangen nicht unähnlich denen, die Cannes-Journalisten auch aus dem Festivalalltag kennen, beginnt der Film. Hunderte Fans stehen bei einer Buchmesse an, um sich von Delphine de Vigan (Emmanuelle Seigner) ihre Bücher signieren zu lassen. Die Schriftstellerin ist die literarische Sensation der Saison, ihr Buch über das tragische Leben ihrer toten Mutter ist ein Bestseller. Doch es dauert nicht lange, bis die Autogrammstunde abgebrochen wird. Delphine ist erschöpft, nicht nur körperlich, denn der plötzliche Ruhm wird ihr zu viel. Dass ihre erwachsenen Kinder aus dem Haus sind und der Rest der Familie wenig begeistert angesichts ihres sehr privaten Buches ist, trägt ein Übriges bei zum dünnen Nervenkostüm.

Noch am gleichen Abend allerdings tritt Elle (Eva Green) in ihr Leben, der Name ein Kürzel für Elisabeth (woraus in Cannes die englischen Untertitel ein „Her for Hermione“ machten). Obwohl zunächst vermeintlich auch nur eine von ihren bewundernden Leserinnen, weckt die ebenso attraktive wie geheimnisvolle Fremde mit ihren Zuhör-Qualitäten Delphines Interesse. Bald schon taucht Elle, die ihrerseits als Ghostwriterin tätig ist, immer häufiger in ihrem Leben auf. Sie ist auf der Verlagsparty zu Gast, man trifft sich im Stammcafé und tatsächlich wohnt Elle sogar im Haus schräg gegenüber, quasi mit Blick auf Delphines Schreibtisch. Nur um dann wenig später sogar bei ihrer neuen Freundin im ehemaligen Kinderzimmer unterzukommen.

Je mehr Raum Elle in Delpines Leben einnimmt, desto mehr passt sie sich ihr auch optisch an, von den Stiefeletten bis zur Haarfarbe. Alsbald also befinden wir uns in D’après une histoire vraie in einem filmisch hinlänglich beschrittenen Terrain: Frauenbekanntschaften, die vom Reizvollen ins Bedrohliche kippen, irgendwo zwischen Stalking, Erotik, Konkurrenz, Freundschaft und Doppelgängertum. Man kennt Geschichten dieser Art in verschiedensten Facetten, von Alles über Eva über Weiblich, ledig, jung sucht bis hin zum britischen TV-Mehrteiler The Replacement aus diesem Frühjahr. Bei Polanski mischt sich dazu auch noch eine gute Portion der aus Misery bekannten Fan-Besessenheit, und weil er das Drehbuch gemeinsam mit Olivier Assayas verfasste, winkt aus deutlich intellektuelleren Untiefen natürlich auch der Schatten von Die Wolken von Sils Maria.

Überhaupt ist D’après une histoire vraie ein Film, der durch den Kontext gewinnt, in den man ihn rückt. Je mehr Bezüge man zu anderen Werken der Popkultur herstellen kann, desto aufmerksamer und interessierter verfolgt man Polanskis Film. Sei es, weil man Hitchcock-Stilmittel entdeckt, die den Regisseur schon bei Rosemaries Baby oder zuletzt Der Ghostwriter inspirierten. Oder weil man um die Vorlage des Films weiß, den Roman D’après une histoire vraie von einer gewissen Delphine de Vigan, die ihrerseits zuvor eine autobiografisch geprägte Familiengeschichte veröffentlicht hatte und vor genau einem Jahr in Cannes mit ihrem neuen Buch einen regelrechten Bieterstreit ausgelöst hatte.

Ohne das intertextuelle Referenzsystem und bei Licht betrachtet ist der also offensichtlich zügig umgesetzte Film dann allerdings doch kein großer Wurf. Alle Beteiligten sind zwar mit erkennbarem Eifer bei der Sache, allen voran Eva Green in ihrer ersten französischsprachigen Rolle seit langem sowie Komponist Alexandre Desplat. Doch gerade das Drehbuch sowie die Figurenzeichnung kranken über weite Strecken an einer Unglaubwürdigkeit, die es schwermacht, die Beziehung der beiden Frauen wirklich Schritt für Schritt mitzugehen. Hätte Polanski den der Geschichte innewohnenden B-Movie-Trash einfach noch weiter auf die Spitze getrieben und vielleicht hier und da an der Spannungsschraube gedreht hätte, wäre D’après une histoire vraie womöglich ein großer Wurf geworden. So aber ist bloß ein kurzweiliger Thriller entstanden, der einen passablen Cannes-Abschluss darstellte, aber im Wettbewerb tatsächlich nichts zu suchen gehabt hätte.

(Festivalkritik von Patrick Heidmann)

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