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17 26/05

Cannes 2017: "Aus dem Nichts" von Fatih Akin

Es ist der letzte Tag des Wettbewerbs an der Croisette. Nachdem gerade eben Fatih Akins neues Werk Aus dem Nichts gelaufen ist, ist nur noch ein Film übrig, um in das Rennen um die Goldene Palme einzugreifen. Nach neun Tagen intensivstem Filmesehen verschwimmen die Eindrücke zwar zusehends, doch Akins neuer Film ist definitiv einer, der noch lange in Erinnerung bleiben wird – was angesichts der Thematik und der aktuellen politischen wie gesellschaftlichen Stimmung auch notwendig ist. Basierend auf den Taten der Terrorgruppe NSU erzählt Aus dem Nichts von einem Bombenanschlag mit ausländerfeindlichem Hintergrund und den Folgen, die die Tat vor allem für die Frau hat, die bei diesem Anschlag ihren Mann und ihren Sohn verliert.


(Bild aus Aus dem Nichts; Courtesey of Festival de Cannes)

Wir sehen Katja (gespielt von Diane Kruger) zum ersten Mal bei ihrer Hochzeit. Ihr Mann Nuri (Numan Acar) sitzt gerade wegen Drogenhandel im Knast, so dass die Trauung auch dort stattfinden muss – eingefangen wird sie von den verwackelten Aufnahmen eines offensichtlichen Amateurs aus dem Freundeskreis des Paares, der das freudige Ereignis festhält. Dann begegnen wir ihnen einige Jahre später wieder. Mittlerweile haben sie einen sechsjährigen Sohn, Nuri hat sich gefangen und vorbildlich resozialisiert und hat in Hamburg ein kleines Buero für Steuerberatung und Übersetzungen, in dem er auch gelegentlich Flugtickets in die Türkei verkauft. Eines Tages unternimmt Katja mit einer schwangeren Freundin einen Ausflug in ein Hamam, um einfach mal ein paar Stunden abschalten. Als sie zurückkehrt und ihre zwei Männer abholen will, ist die Straße abgesperrt, überall stehen Polizei- und Krankenwagen herum, weil sich eine Explosion ereignet hat, bei der es zwei Todesopfer gab. Nach angstvollen Stunden des Wartens stellt sich heraus, dass es sich dabei tatsächlich um Nuri und den kleinen Rocco handelt, die von einer auf einem Fahrrad deponierten Nagelbombe getötet wurden. Für Katja bricht eine Welt zusammen, sie, die früher einmal gelegentlich Drogen genommen hat, betäubt sich, um den unermesslichen Schmerz überhaupt nur ertragen zu können. Dennoch gibt sie gleich zu Protokoll, vor dem Attentat eine junge Frau mit einem Fahrrad gesehen und angesprochen zu haben.

Die Polizei reagiert zunächst hilflos, sucht nach Motiven im privaten Umfeld der Opferfamilie und wird schnell fündig, als sie auf Nuris Vorstrafe wegen Drogenhandels aufmerksam wird. Als dann noch bei einer Hausdurchsuchung Katjas gerade erst von einem Freund beschaffte Vorräte gefunden werden, drohen die Ermittlungen in eine falsche Richtung zu laufen, bis schließlich doch durch einen Hinweis die Frau mit dem Fahrrad und ihr Mann, ein bekannter Neonazi, festgenommen werden. Es folgt der Prozess gegen die beiden dringend Tatverdächtigen und ein zähes Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit, das ein überraschendes Ende nehmen wird.


(Bild aus Aus dem Nichts; Courtesey of Festival de Cannes)

In drei Kapitel mit den Bezeichnungen „Familie“, „Gerechtigkeit“ und „Meer“ hat Fatih Akin seine sehr freie und überaus bewegende Aufarbeitung der Morde des NSU eingeteilt und lässt sich dabei radikal auf die Perspektive der Opfer ein, deren Leid in den vergangenen Jahren vor dem öffentlichen Interesse für Beate Zschäpe in den Hintergrund getreten ist. Dank einer exzellenten darstellerischen Leistung von Diane Kruger, der so mancher so eine Rolle nicht zugetraut hatte, Akins gekonnter Regie sowie eines exzellent geschriebenen Drehbuchs folgt der Zuschauer der emotionalen Tour de force bereitwillig, schwankt wie Katja zwischen Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und dem Wunsch nach Gerechtigkeit oder wenigstens Rache und geht den bitteren Weg der Protagonistin bis zum Ende mit.


(Teaser Trailer zu Aus dem Nichts)

Fatih Akin ist wieder da – und wie! Nach Gegen die Wand ist Aus dem Nichts sein überzeugendster Film und angesichts der Tatsache, dass der Prozess gegen den NSU immer noch (besonders für die Hinterbliebenen) kein Ende gefunden hat, eine wichtige Erinnerung daran, dass es auch in der jüngsten deutschen Vergangenheit Themen gibt, die der dringenden Aufarbeitung bedürfen. Seine fiktionalisierte und verdichtete Annäherung an das reale Vorbild mag zwar dramatisch zugespitzt sein, was sicherlich auch Widerspruch und Kritik hervorrufen wird. Aber genau auf diese Weise macht Fatih Akin den Schmerz und das Leid der Opfer und deren Hinterbliebenen ahn- und spürbar. Er hat sich mit seiner radikalen Subjektivität bewusst dem Risiko ausgesetzt, dafür kritisiert zu werden. Wie es scheint, sind ihm aber der Anlass und der Film wichtig genug. Das nennt man Haltung – und die ist im Kino wie in der Gesellschaft immer noch Mangelware.

(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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