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16 23/05

Cannes 2016: Katerstimmung und lange Gesichter

Die Koffer sind wieder ausgepackt, die Wäsche ist größtenteils gewaschen, der Alltag hat uns nach fast zwei Wochen Côte d’Azur wieder, man kennt das ja schon. Und doch fällt in diesem Jahr das Loch nach dem Hochgefühl von elf sehr intensiven Tagen noch etwas tiefer aus als sonst. Das liegt nicht allein am Regenwetter, sondern vor allem an den Entscheidungen der Jury. Sie lassen das 69. Internationale Filmfestival in Cannes rückblickend betrachtet ganz anders aussehen, so dass man sich fragen muss, ob man möglicherweise auf einer anderen Veranstaltung war als die Jury um George Miller. Sie überraschte bei der Preisverleihung nicht nur, sondern zog sich auch den Ärger zahlreicher Filmjournalisten zu, weil sie mit fast jeder Entscheidung – so zumindest nach Ansicht der Kritiker – völlig daneben lag.


(Filmstill aus I, Daniel Blake, Copyright: Joss Barratt)

Da ist beispielsweise die Goldene Palme für Ken Loachs I, Daniel Blake. Sicherlich hat der Altmeister des britischen Sozialdramas seine Verdienste, auch eine Palme für sein Lebenswerk könnte man sich sofort vorstellen. Gleichzeitig hat man aber angesichts des engagierten Werks den Eindruck, dass hier vor allem die Haltung des unbeugsamen Kämpfers und die am Ende doch sehr offensichtliche, forcierte Emotionalität des Films belohnt wurde. So wichtig Stimmen wie seine im Kino auch sein mögen, so sehr fällt doch auf, dass sich Loach seit vielen Jahren künstlerisch nicht weiterentwickelt hat. Zudem waren die prägenden Filme in diesem Cannes-Jahrgang andere: Da war Maren Ades nicht minder emotionaler, aber ungleich virtuoser auf der Klaviatur der Gefühle spielende und zwischen feinem Humor und lässiger Tiefsinnigkeit changierende Toni Erdmann. Der Film erreichte nicht nur neue Rekordwerte beim Kritikerspiegel von Screendaily, sondern verzauberte das gesamte Festival so sehr, dass Whitney Houstons eigentlich unsäglicher Gassenhauer The Greatest Love of All zur heimlichen Hymne an der Croisette wurde. Natürlich agieren Jurys anders als Kritiker und das gemeine Publikum und allzu viel Siegesgewissheit war angesichts einer beachtlichen Konkurrenz fehl am Platz. Und dennoch: Toni Erdmann ohne einen einzigen Preis nach Hause zu schicken, kommt schon einer schallenden Ohrfeige gleich und lässt an der Verfasstheit des geballten Sachverstands der Jury zweifeln. 


(Trailer zu Toni Erdmann von Maren Ade)

Zudem drängte sich im Kampf um den besten Film (zumindest bei einigen Kritikern, zu denen ich nicht gehörte) Jim Jarmuschs Paterson auf. Von Außenseitern wie Christi Puius feiner Familiendramödie Sieranevada, Jeff Nichols beeindruckendem Rassismus-Drama Loving und Andrea Arnolds nicht zur Gänze überzeugendem, aber immerhin wagemutigem Roadmovie American Honey ganz zu schweigen. 

Vielleicht passt aber der Preis für Ken Loach doch ganz gut ins Bild eines grundsoliden, aber auch sehr erwartbaren Wettbewerbs. Neben dem Briten lieferten die Dardennes mit La fille inconnue, Pedro Almodóvar mit Julieta, Asghar Farhadi mit Forushande und eben Jim Jarmusch zwar neue Filme ab, die sich aber nahtlos und völlig überraschungsfrei in deren bisheriges Schaffen einfügten. Nichts Neues also, sondern viel vom Alten und Bekannten: In diesen Trend fügte sich auch Woody Allen mit seinem mauen Eröffnungsfilm Café Society ein. So gesehen relativiert sich die Freude über zwei überaus starke Filme von Regisseurinnen dann doch erheblich. Der Old Boys Club hat die Zügel, so scheint es, immer noch fest in der Hand und darf nun mit dem Cannes-Eigengewächs Xavier Dolan sogar noch einen Junior-Partner neu an Bord willkommen heißen. Dass er nun ausgerechnet für seinen bislang schlechtesten Film ausgezeichnet wurde, stößt ziemlich sauer auf. Fast könnte man denken, dass hier eisern an einer Entdeckung festgehalten und diese systematisch aufgebaut werden soll. Dem Filmfestival spielt die Entscheidung jedenfalls in die Karten. 


(Clip zu Juste la fin du monde von Xavier Dolan)

Und so könnte (und müsste man) eigentlich wirklich jede Entscheidung der Jury in diesem Jahr äußerst kritisch hinterfragen: Asghar Farhadis Drehbuch zu Forushande wirkt wie ein müder Abklatsch von Nader und Simin, hier wären beispielsweise Park Chan-wooks The Handmaiden oder Christi Puius Sieranevada wesentlich schlüssigere Preisträger gewesen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Preis für die beste Darstellerin: Sandra Hüller (Toni Erdmann), Isabelle Huppert (Elle), Ruth Negga (Loving), Sonia Braga (Aquarius) und Kristen Stewart (Personal Shopper) hatten nach Ansicht aller Kritiker wesentlich bessere Aussichten als Jaclyn Jose (Ma`Rosa). Auch bei den Männern erstaunte die Wahl, die auf Shahab Hosseini fiel. Hier hätte man sich Peter Simonischek (Toni Erdmann) oder Colin Coombs (I, Daniel Blake) ungleich besser vorstellen können.

Bleibt natürlich die Frage, wieso die Jury so seltsam agiert hat. Bei Indiewire wird dazu angemerkt, dass die SchauspielerInnen womöglich den Ausschlag gegeben haben könnten: Die Jury habe in diesem Jahr, so heißt es dort, vor allem nach möglichst puren Emotionen gesucht. Ob allerdings I, Daniel Blake diesbezüglich wirklich der intensivste Film war, darf infrage gestellt werden. Außerdem erklärt es auch nicht, dass ausgerechnet die Palmen für die besten Darsteller zumindest – nennen wir es einmal – ungewöhnlich waren. Könnten vielleicht Zugeständnisse an einen geographischen Proporz eine Rolle gespielt haben? Wirklich schlüssig kann jedenfalls weder die Analyse von Anne Thompson noch die Pressekonferenz der Jury deren Kollektivversagen erklären.

Vielleicht liegt ein Schlüssel zum Verständnis ja ganz woanders: In Zeiten steigender politischer Unsicherheiten wollte die Jury womöglich – ähnlich wie bei der diesjährigen Berlinale mit Fuocoammareein Zeichen mit großer Strahlkraft setzen und vergaß dabei, dass Haltungen allein noch keinen guten Film ausmachen, sondern dazu auch künstlerische Qualität und Innovationskraft gehören. Ebenso wie andere Festivals muss sich Cannes entscheiden, welchem der beiden Kriterien man künftig den Vorzug geben will – oder wie es möglich ist, beides unter einen Hut zu bekommen. Die Preisvergabe der 69. Ausgabe erweckt jedenfalls den Eindruck einer willkürlichen Entscheidung nach dem Gießkannenprinzip. Und vielleicht – nein, ganz sicher – wäre es auch mal an der Zeit, die Jurybesetzungen neu zu überdenken: Statt allein auf bekannte Namen und Gesichter zu setzen, stünde eine Berücksichtigung von Kollegen der schreibenden und filmkritischen Zunft dem Festival gut zu Gesicht. Zwar betonte Thierry Fremaux, dass Cannes nicht in erster Linie ein Kritikerfestival, sondern eines für das Publikum sei (das allerdings hat keinerlei Zugang zu den Filmen, wenn man nicht gerade das große Glück hat, eine begehrte Einladung zu ergattern). Doch wenn in Zukunft die Preise und die Kritikereinschätzungen dermaßen weit auseinanderliegen, wird das Kino ein noch größeres Vermittlungsproblem gegenüber dem Publikum haben, als dies jetzt schon der Fall ist. Cannes täte gut daran, die offensichtlich dringend benötigten Reformen mit den Kritikern zu vollziehen, statt sich gegen sie abzugrenzen und sie nur als notwendiges Übel für die Marketingmaschine und den enormen Hype an der Croisette zu begreifen.

Die Serie der Fehlentscheidungen hat in diesem Jahr schon beinahe etwas Systematisches an sich. Cannes wird sich in der nächsten Zeit wohl Fragen gefallen lassen müssen, ob es tatsächlich noch der Ort ist, an dem die Zukunft des Kinos geschrieben wird. Oder nicht vielleicht doch nur ein Glamour-Event mit zunehmend sinkender Bedeutung. Hoffen wir mal, dass der sinkende Stern an der Côte d’Azur nicht ein weiterer Vorbote für den dramatischen Bedeutungsverlust des Kinos insgesamt ist. Sonst müsste ich nämlich zugeben (nicht, dass mir das schwerfiele), dass mein Kollege Patrick Holzapfel mit seinem Kommentar zu Beginn des Festivals komplett richtig lag.

Am liebsten würde ich jetzt bei der Gärtnerei meines Vertrauens einige Yucca-Palmen erwerben, diese mit Lack überziehen und so meine eigenen Palmen vergeben. Maren Ade und andere schmählich Übersehene könnten sich dann über eine kleine Lieferung freuen.

(Joachim Kurz)