11 18/05

Beauty

Auf der Hochzeit seiner Tochter nimmt er ihn zum ersten Mal wahr - mit diesem ganz speziellen gierigen, hungrigen Blick: Francois van Heerden (Deon Lotz) ist ein Bär von einem Kerl: Groß und breit gebaut, mit reichlich behaarter Brust und einer beginnenden Glatze scheint nichts diesen Mann erschüttern zu können. Wenn da nur nicht dieser Blick wäre, mit dem er seinen Neffen Christian (Charlie Keegan), einen modelnden Jurastudenten immer wieder anstarrt.

Und bald schon ahnt man, dass dieser Blick durchaus mehr ist als nur ein liebevoller Blick, denn statt wie bei seiner Frau angekündigt, auf eine Geschäftsreise zu gehen, trifft sich Francois mit anderen Männern völlig zwanglos zu recht heftigem schwulem Sex - nachdem man sich zunächst gegenseitig versichert hat, natürlich nicht schwul zu sein. Dann beginnt er Christian nachzustellen und verstrickt sich immer mehr in eine Spirale aus Begehren und dem Versuch, die Leidenschaften zu verdrängen.

Das stille Drama Skoonheid (Beauty) von Oliver Hermanus um unerfüllte Wünsche und unterdrückte Gelüste hat bereits im Vorfeld des Filmfestivals von Cannes Geschichte geschrieben - als erster Spielfilm in der Historie von Cannes, der zumindest teilweise in Afrikaans gedreht wurde. Neben der persönlichen Geschichte von Francois bekommen wir auch immer wieder Hinweise auf das ganz normale Leben in Südafrika, auf immer noch bestehende Rassenschranken und soziale Gräben, die entlang der Ethnien verlaufen. Zugleich bekommt man das Gefühl, dass die weiße Oberschicht unter einer enormen inneren Anspannung steht, die manch einen wie Francois fast zu zerreissen scheint.

Bereits am Anfang erfahren wir durch einen Arztbesuch, dass er schon länger unter unbestimmten Symptomen leidet, von denen eines anscheinend unkontrollierbare Wutausbrüche sind. Auch die geheimen Sextreffen, an denen er teilnimmt, deuten darauf hin, dass möglicherweise in der südafrikanischen Gesellschaft, namentlich in deren weißem Teil, Ventile gebraucht werden für Verdrängtes, das sich immer wieder mit Macht seinen Weg an die Oberfläche sucht.

Insgesamt wirkt die Story aber zu dünn und trägt nicht über die gesamte Laufzeit des Films. Und trotz der starken Leinwandpräsenz von Deon Lotz ist man dieser Figur kaum je wirklich nah, was möglicherweise auch am Scope-Format liegt, das gewählt wurde und das stets eine gewisse Distanz zu den zahlreichen Großaufnahmen der Gesichter schafft. So bleibt das unbestimmte Gefühl, dass in diesem Film und bei diesem Thema durch mehr Emotion, mehr Dichte, mehr Nähe drin gewesen wäre.

(Joachim Kurz)