25. Mai 2012
In Cannes ist das Publikum ja ausgesprochen kritisch und gibt seine Meinung schon beim Abspann lauthals kund. Doch bei diesem Film war zuerst einmal Stille. Eine Minute lang macht niemand auch nur einen Mucks. Zu sehr hatte das iranische Erstlingswerk von Massoud Bakhshi die Gemüter bewegt und die Zuschauer auf der Kante ihres Kinositzes schwitzen lassen. Doch dann, bestimmt auch zur Erleichterung des anwesenden Filmteams, brachen die stehenden Ovationen los. A Respectable Family konkurriert in der Quinzaine de Réalisateur, also der Parallelsektion, die von Filmemachern selbst kuratiert wird, um einen der vielen Preise. Ob dieser Film einen gewinnen wird, muss sich noch herausstellen. Fest steht allerdings, dass das Werk viel Eindruck hinterlassen hat.

25. Mai 2012
Verdammt nochmal, denkt man sich, wenn man Room 237 anschaut, wieso hab ich das nie gesehen? Die Antwort darauf lautet, weil man den Film nicht um die 80 Mal gesehen hat, wie die fanatischen Fans von Stanley Kubricks The Shining, die Rodney Aschers Dokumentarfilm bestücken. Nur wenige andere Filme erhitzen über dreißig Jahre nach ihrer Veröffentlichung noch immer so die Gemüter wie The Shining.

25. Mai 2012
Am zuverlässigsten erkennt an den Anspruch eines Festivals immer noch an seinem Trailer. Während in Berlin die Bären explodieren, werden in Venedig Lausbuben von Gärtner versohlt - in Cannes steigt man Treppen empor. Langsam vom Grund des Meeres schwebt die Kamera zu der Musik von Ennio Morricone aus Days of Heaven die mit rotem Teppich ausgelegten Stufen über die Wasseroberfläche, hinein in den Sternenhimmel. Die gleichen Treppen steigen wir jeden Morgen hoch zum Palais des Festivals, unser cinephiles Mekka, unseren Petersdom, um uns täglich um 8 Uhr morgens die neue Predigt von der Leinwand-Kanzel anzuhören.

25. Mai 2012
Es ist das Festival der Abschiede. In Cannes stellen viele Regisseure ihre Alterswerke vor und sagen so ihren Freunden, Weggefährten und ihrem Publikum Lebewohl. Der 90-jährige Alain Resnais mit Ihr werdet euch noch wundern, Bernardo Bertolucci mit Io et Te. Selbst Michael Haneke legt seinen Zynismus ab und versucht in Liebe den Tod zu überlisten. Raoul Ruiz macht es etwas anders. Der chilenische Großmeister ist seit bereits einem halben Jahr tod und dennoch wurde in Cannes sein neuer Film La Noche de enfrente vorgestellt.

25. Mai 2012
Der in Weißrussland geborene Dokumentarfilmer Sergej Loznitsa dreht nun seit geraumer Zeit Spielfilme. Nachdem er in Mein Glück die gewalttätigen Schattenseiten der modernen Ukraine skizzierte, begibt er sich mit Im Nebel zurück in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. So verschieden die Umstände sind, in denen der Regisseur seine Filme ansiedelt, so gleichen sie sich doch thematisch. Sowohl Mein Glück als auch Im Nebel suchen nach dem Ursprung des Bösen und der Gewalt in einer moralfreien Welt.

25. Mai 2012
Mit Precious hatte Lee Daniels seinen ersten große Erfolg in den USA. The Paperboy nach einem Roman von Pete Dexter, der auch am Drehbuch mitwirkte, ist wesentlich konventionellere Genreware geworden, die abermals zeigt, dass sich das US-Kino in diesem Jahr in Cannes nicht in Bestform befindet. Eigentlich ruhen die letzten Hoffnungen diesbezüglich nun nur noch auf Jeff Nichols' (Take Shelter) neuem Film Mud. Doch zunächst zu Lee Daniels' Film, der mit Matthew McConaughy, Zac Efron, John Cusack und Nicole Kidman immerhin eine prominente Besetzung aufzuweisen hat.

24. Mai 2012
Carlos Reygadas ist mit seinen Filmen mittlerweile ein fester Bestandteil des Festivals von Cannes geworden. Während Batalla en el cielo 2005 noch die Gemüter spaltete, zählte Stellet Licht (2005) bereits zu den Favoriten der Kritiker. Für sein neues Werk Post Tenebras Lux hat sich Reygadas fünf Jahre Zeit gelassen. Für diesen langen Zeitraum und die hohen Erwartungen, die sich damit verknüpft haben, wirkt der Film definitiv enttäuschend, was sich in Cannes bei der Pressevorführung auch in Buhrufen äußerte, die in dieser Heftigkeit sicher nicht gerechtfertigt waren.

24. Mai 2012
Rengaine ist französisch und bedeutet so viel wie "Schlager". Das beschreibt den Ausgangspunkt des Films schon ganz gut, denn eigentlich könnte das Leben von Dorcy und Sabrina schöner nicht sein. Die Sonne scheint ihnen auf den Kopf und aus den Herzen. Die beiden sind verliebt und versprechen sich in der ersten Szene des Films bald zu heiraten.

24. Mai 2012
Jack Kerouacs Roman On the Road gehört zu den wichtigsten Bücher der US-amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts und wurde zum Kult der Beatnik-Generation, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges zuhause keine Ruhe mehr fand und die sich deshalb auf Reisen begab, um sich selbst zu finden. Die Romanfiguren entsprechen dabei den realen Protagonisten der Beat-Generation, was sich in Walter Salles' Verfilmung des Buches ebenfalls widerspiegelt. Sowohl das Buch wie auch der Film balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Fiktion und (autobiografischer) Realität und bildet plastisch die unruhigen Zeiten nach dem Jahre 1945 nach.

23. Mai 2012
Alain Resnais' letzter Film trägt den prophetischen Titel You haven't seen anything yet. Eine hoffnungsvolle Ankündigung, dass trotz 120 Jahren Kinogeschichte noch längst nicht alles erzählt und gezeigt wurde. Renais würde vielleicht sagen, so lange Orpheus seine Eurydike liebt, so lange wird es auch Filmemacher geben, die das Kino immer wieder neu erfinden werden. Einer, der das Potential dazu besitzt, ist der Franzose Leos Carax. Nach dem er mit Die Liebenden vom Point Neuf furios in der Filmwelt debütierte und mit seinem radikalen Pola X noch furioser scheiterte, meldet er sich nun mit Holy Motors nach langjähriger Spielfilmpause wieder zurück. Und wie!










