13 14/02

Workers

Von Festival-Filmen aus Lateinamerika ist man auch eine bisweilen schwere Länge des Erzählens gewöhnt, die nicht jedermann begeistert (auch wenn sie eine ganz eigene Faszination haben kann, sobald man sich darauf einlässt). In diesem Jahr finden sich auf den Berliner Filmfestspielen jedoch erstaunlich viele Spielfilme vom boomenden lateinamerikanischen Kontinent, die eine ruhige Art des Erzählens mit einer erfrischenden und humorvollen Leichtigkeit verbinden. Einer dieser Filme ist Workers von José Luis Valle, eine mexikanisch-deutsche Koproduktion, die du zu Herzen rührt, nachdenklich stimmt, vor allem aber auch das Publikum durch seinen sanft-skurrilen Humor zum Lachen bringt.

Im Mittelpunkt des Spielfilms stehen, wie der Titel schon vorgibt, Arbeiter: Workers erzählt von zwei - repräsentativen und gleichzeitig beispiellosen - Angestellten, die jahrzehntelang pünktlich, pflichtbewusst und voller Loyalität gute Arbeit geleistet haben, dann aber in Konflikt mit ihrem langjährigen Arbeitgeber geraten. Der eine "worker" ist Rafael (Jesús Padilla). Seit 30 Jahren arbeitet er für den Großkonzern Philips in Tijuana, Mexiko - wobei diese konkrete Firma wohl auch nur als pars-pro-toto erscheint -; er putzt und schrubbt die Gänge, Toiletten, Fenster, und hat sich über die Jahre hinweg Perfektion erarbeitet, wenn er eine Zahnbürste für die hartnäckigen Flecken und einen Spachtel für angeklebte Kaugummis zur Hand und sich jeder noch so großen Herausforderung in seinem Arbeitsalltag gelassen annimmt.

Der Film setzt an Rafaels vermeintlich letztem Arbeitstag an. Für den Beginn seines Ruhestands kauft er sich neue Schuhe und lässt sich ein Tattoo in die Haut stechen - als Erinnerung, wie schon einige andere Erinnerungen an besondere Ereignisse in seinem Leben seinen Rücken zieren. Doch dann muss er vom Personalchef der Firma erfahren, dass er - aus El Salvador stammend und ohne Aufenthaltsgenehmigung - keinen Anspruch hat auf Rente. Aber der Personaler ist gnädig: Er ruft nicht nur nicht die mexikanische Einwanderungsbehörde an, sondern erlaubt Rafael, in der Firma weiterzuarbeiten - aufgrund seiner guten und effizienten Arbeit, wie er betont, die sich ja auch darin ausdrücke, dass Rafael nicht einen Tag gefehlt und nicht einen Tag Urlaub gemacht habe. Enttäuscht schließt Rafael seinen Spind im Umkleideraum der Mitarbeiter auf und zieht sich den blauen Arbeitsanzug über die neuen Schuhe.

Die andere Titelfigur ist Lidia (Susana Salazar). Sie ist Haushälterin in der Villa einer reichen, aber alten und kranken Dame, die nichts und niemanden mehr liebt als die Windhündin Princesa. Deshalb erhält diese auch die Aufmerksamkeit aller Welt, bekommt jeden Mittag ein Stück angebratenes Filet von genau 250 Gramm, und wird mit dem Mercedes der Hausherrin spazieren gefahren, um den Sonnenuntergang zu betrachten, wobei peinlich genau darauf geachtet wird, dass Princesa dabei - um Himmels Willen! - nur keine schmutzigen Straßen zu sehen oder lautstarke Volksmusik zu hören bekommt.

Als die patrona stirbt, ist Princesa - ja, der Hund - Alleinerbin und wird Herrin von Haus, Hof und allen Angestellten. Dies bedeutet, dass diese ihre Arbeit nicht verlieren, sondern den bisherigen Alltag weiter aufrecht erhalten sollen. Sterbe auch die Hündin irgendwann, heißt es im Testament, werde das Erbe unter den Angestellten aufgeteilt. Klar, dass diese nun erfinderisch werden, um Princesas Lebensabend zu verkürzen.

Ganz nebenbei und in Stückchen wird die Background-Story von Lidia und Rafael präsentiert. Vor Jahrzehnten hatten sie zusammen einen kleinen Sohn, Juan, und sie haben ihn sehr geliebt; dies wird aus ihren jeweils traurigen Augen deutlich, wenn sie anderen Figuren von ihrem Schicksal berichten. Dann hat sich Rafael für Vietnam gemeldet, um im Anschluss an den Kriegsdienst eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA zu bekommen. Zurück aus dem Krieg jedoch wird er nur mit einer leeren Entschuldigung abgespeist und nach Mexiko abgeschoben. Dies ist bitter, aber der traurigen Verwicklungen nicht genug: Während Rafael in Vietnam war, ist sein kleiner Sohn gestorben. Lidia hat noch immer den Teddy, den Rafael Juan vor seiner Abreise geschenkt hat. Und so fügt sich die erste - sehr poetische und pittoreske - Szene des Films, die eine kleine Familie an der Grenze zwischen Mexiko und den USA zeigt, in den Film. Workers endet mit einer Einstellung, die dasselbe Bild aus der Perspektive der anderen Seite der Grenze zeigt und die diesen originellen Rahmen bildet für eine außergewöhnliche und gleichzeitig doch eine Geschichte, die stellvertretend für andere, ähnliche steht.

Das Schönste an Workers aber ist sein Humor: Die kleinen Elemente innerhalb der Geschichte einerseits und der Kameraführung andererseits. Die Kamera fängt Details auf, welche die Situation und die Figuren, ihr Denken und ihr Handeln beschreiben, und wirkt dabei immer auch kommentierend - wie ein Erzähler, der augenzwinkernd die Geschichte von Lidia und Rafael erzählt. Die Veränderung schließlich, die beide Figuren durch die Geschehnisse jeweils durchmachen, ist frappierend und zeigt sich in ebensolchen kleinen und köstlichen Einfällen, mit denen die beiden leise und unsichtbar ihren Kampf gegen ihre Arbeitgeber führen. Und sie verblüffen und amüsieren. So soll gutes Kino sein: Dass man nach zwei Stunden aus dem Saal geht und die Zeit vergessen hat, sich wundert, dass diese Zeit so schnell vorüber gegangen ist, und dass die Länge der Laufzeit nicht mit der Länge des Erzählen einhergeht.

(Verena Schmöller)

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