12 14/02

Parada

"Was du gerade gesagt hast ist das primitivste aller Stereotypen männlicher homophober Heterosexueller", sagt Radmilo zu Limu. Aber mit Stereotypen soll endlich Schluss sein, findet Sradan Dragojevic. Stereotypen gibt es in der serbischen Heimat des Regisseurs und Drehbuchautors genug und von der allerprimitivsten Sorte viel zu viele. Damit will sein komisch-skurriler Film Parada aufräumen. Nicht mit den Vorurteilen, sondern unter ihnen. Die Stereotypen dürfen bleiben, nur die primitivsten sollen ausrangiert werden. Statt ihrer soll man ein paar neue erschaffen, denn es gibt auch zivilisierte Stereotypen. Zumindest behauptet dies der Plot, in dem diese spezielle Sorte der Klischees laut, bunt und gutgelaunt zusammen aufmarschiert.

Auf diesen Aufmarsch der Zerrbilder bezieht sich der Titel des beflissenen Pamphlets, dessen heldenmütige Intentionen etwa so umsichtig und aufgeklärt sind wie die der Hauptfigur. Die geplante Pride-Parade, welche die Protagonisten gegen alle faschistischen Widerstände abhalten wollen, findet niemals statt. Daher ist der einzige Festzug in Parada der lebender Klischees, von denen nur eines endgültig ausgemerzt wird. Dieses Klischee trägt in der schlenkernden Handlung den Namen Mirko (Goran Jevetic) und ist ein affektierter, weinerlicher, eifersüchtiger, deprimierter, diskriminierter Ausrichter von Hochzeiten. Seine Ambitionen als Theaterregisseur sind gescheitert. Ein Schicksal, dass sie mit Dragojevic Ambitionen als Filmregisseur teilen. Dessen Komödie hat sich zum lobenswerten Ziel gesetzt, gegen konstruierte Feindbilder anzugehen und schafft darum ein konstruiertes Freundbild.

Kann jemand anhand der obigen Beschreibung von Mirkos Filmcharakters raten, welche sexuelle Orientierung er hat? Nein? Na gut, es sei verraten: er ist homosexuell. Gleiches gilt für seinen Partner Radmilo (Miloš Samolov), Lenka (Natasa Markovic), Djordje (Mladen Andreyevic) und ihre Leidensgenossen. Zu solchen Leidensgenossen machen sie die regelmäßig in gewalttätigen Ausschreitungen gipfelnde soziale Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Gegen diese will Parada antreten - gegen die soziale Diskriminierung, nicht gegen die von ihr Betroffenen, wie man aus liberaler Perspektive beim Kinobesuch zu glauben verleitet werden könnte. Gegen ein Vorurteil, so die augenscheinliche Überzeugung des Regisseurs, kommt nur ein noch hartnäckigeres Vorurteil an. "Fighting fire with fire" ist die Devise, nach dem bekannten Zitat; nicht dem Shakespeares, sondern von Tom Jones: "My house's out of the ordinary that's right don't wanna hurt nobody something sure can sweep me off my feet."

Diese Songzeilen passen auf das Schicksal Mirkos, der mit seiner Lebensführung der konservativen Norm widerspricht, friedlichen Widerstand leisten will und am Ende einen fatalen Fall erlebt (und nicht überlebt). Der Tod des homosexuellen Charakters - als symbolische Strafe oder als der eines Mahnopfers wie Mirko - ist ein filmisches Klischee, das so abgegriffen ist wie die Schablone des manierierten, designvernarrten, den kleinen Finger abspreizenden Schwulen. Nach der sind die homosexuellen Protagonisten gezeichnet. So scheint es treffend, wenn der militaristische, nationalistische, brutale, machohafte Kriegsveteran Limu (Nikola Kojo), der wegen der Hochzeit mit seiner grellen, vulgären, stillosen, zickigen, materialistischen Verlobten Biserka (Hristina Popović) die Pride-Parade mit drei alten Kampfgenossen beschützen muss, darüber sagt: "Sie sind gar nicht so anders als wir."

(Lida Bach)

Fotos (C) Vukasin Veljic

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