12 12/02

Marina Abramović The Artist is Present

Wikipedia nennt Marina Abramović in aller Untertreibung "eine serbische Performance-Künstlerin mit internationalem Renommee". Nun mag es sein, dass man von ihr noch nie gehört hat, es sei denn man interessiert sich dezidiert für Performance-Kunst. Doch eine der Aufgaben eines Dokumentarfilms ist es eben, außergewöhnliche Menschen und außergewöhnliche Lebensentwürfe darzustellen und dem "unwissenden" Publikum zuzuführen. Und wer einmal mit Abramović in Kontakt gekommen ist, wird sie definitiv nicht mehr vergessen.

Als Tochter zweier serbischer Nationalhelden und Soldaten erfuhr sie nur wenig Liebe, dafür aber sehr viel Disziplin und Härte. Zusammen mit ihrem feinsinnigen Geist und ihrer schier unglaublichen Körperkraft formt sich aus diesen Elementen eine Künstlerin, die bei jeder Performance, bei jedem Projekt, sei es beruflich oder privat, ans Äußerste ihrer Möglichkeiten geht. Dabei ist sie, und das wird ganz deutlich ins diesem Dokument, stets Mensch und Künstlerin zugleich. Wie sagte ihr ehemaliger Lebenspartner einmal so schön: "Es gibt keinen Augenblick in dem sie nicht performt". Was Kunst für Abramović bedeutet, lässt sich nicht so leicht festlegen. Scherzhaft bemerkt sie, wie sie Jahrzehnte lang immer wieder gefragt wurde "Und das ist Kunst?" Eines lässt sich jedoch schnell feststellen: ihr Hauptaugenmerk ist neben brachialer Körperlichkeit stets der Kontakt zum Publikum. Wer ihr zuschaut, tritt in einen Dialog - ob er will oder nicht.

Der Dokumentarfilm Marina Abramović The Artist is Present hält sich bewusst zurück, er minimiert das Filmische und bewegt sich eher wie ein stiller Beobachter, man möchte fast sagen Verehrer, um die Künstlerin herum und versucht vor allem Abramovićs Präsenz einzufangen. Das Experiment gelingt. Die Künstlerin inszeniert sich selbst als Mensch. Zum Glück, und das macht den Film dann doch zu mehr als nur einer ehrfürchtigen Hommage, wird ihre Performanz konterkariert von Kurzinterviews ihrer Mitstreiter. Dies ist besonders interessant, denn in der Diskrepanz der Erzählungen lässt sich immer wieder erkennen, dass Kunst nicht unbedingt mit Wahrheit übereinstimmt.

Kernstück des Filmes ist eine Retrospektive im Museum of Modern Art im Jahre 2010 - eine einmalige Auszeichnung, denn dort bekommen sonst nur tote Künstler eine Gesamtwerkschau. Während eine Auswahl junger Künstler ihre alten Werke nachempfindet, sitzt Abramović selbst drei Monate im Foyer des MoMA zwölf Stunden täglich bewegungslos auf einem Stuhl. Ihr gegenüber kann jeder Platz nehmen der möchte und es werden hunderte, die sie dort besuchen, um ihr für kurze Zeit einfach nur in die Augen zu sehen. Und hier zeigt sich, wie wunderbar das Medium Film mit Abramovićs Kunst zusammenarbeitet, denn es geschieht was man kaum für möglich hält: das Beobachten zweier sich gegenübersitzender Menschen in einem großen Raum erzeugt nach kurzer Zeit eine so starke Sogwirkung, dass man als Zuschauer zumindest auf emotionaler Ebene begreift, was die Abramović zu mehr macht als nur einer "serbische Performance-Künstlerin mit internationalem Renommee".

(Beatrice Behn)

Fotos (C) Marco Anelli

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