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13 13/02

Inch'Allah

Der Nahostkonflikt stellt einen der komplexesten Kriegsherde der Welt dar. Die Spannungen zwischen Israel und Palästina haben eine lange Geschichte und die anhaltende Aggression auf beiden Seiten macht ein Urteil darüber, wer an der Situation die Schuld trägt, fast unmöglich. Umso enttäuschender ist es, wenn ein Film wie Inch'Allah nur eine Seite der Medaille beleuchtet, statt das Problem in seiner Gänze darzustellen.

Die kanadische Geburtshelferin Chloe (Evelyne Brochu) arbeitet in einem palästinensischen Flüchtlingscamp in der West Bank, wohnt aber in Israel. Auf beiden Seiten der Grenze hat sie Freunde. Mit ihrer Nachbarin, der Grenzsoldatin Ava (Sivan Levy), zieht sie abends um die Häuser, doch es ist ihre palästinensische Patientin Rand (Sabrina Ouzani), der sie am nächsten steht. Je enger das Verhältnis zu Rand und ihrer Familie wird, desto schwerer fällt es Chloe, neutral zu bleiben. Plötzlich ist sie mitten drin in einem Gedenkmarsch für ein verstorbenes Kind und hilft dabei, Plakate mit Märtyrerparolen aufzuhängen. Als die junge Frau merkt, dass sie diesen fremden Krieg zu ihrem eigenen macht, ist es schon zu spät. Chloe muss Position beziehen. Mit allen Konsequenzen.

Inch'Allah beginnt mit einer Szene in einem israelischen Café: Eine Frau mit einem Rucksack. Der Bildschirm wird schwarz, man hört eine Explosion. Stille. Die Titel werden eingeblendet. Ohne auf dieses Ereignis Bezug zu nehmen setzt unmittelbar die Handlung ein. Wacklige Handkamerabilder lassen das Chaos erahnen, in dem sich die Protagonistin von Inch'Allah in dieser für sie exotischen Lebenswelt wiederfindet. Regisseurin Anaïs Barbeau-Lavalette gelingt es mit ihrer Inszenierung, das Gefühl von Fremdheit zu erzeugen. So vertraut Chloe mit den Menschen in ihrer Umgebung auch umgeht, es bleibt immer ein latentes Gefühl der Überforderung und der Bedrohung, das sich auf den Zuschauer überträgt und düstere Vorahnungen weckt.

Tatsächlich ist Chloes Alltag von schrecklichen Vorkommnissen geprägt. Ein Kind wird überfahren, es kommt zu einer Schießerei im Camp, Ava berichtet von unangenehmen Konfrontationen an der Grenze. Doch während ihre Mutter um die Sicherheit der Tochter sehr besorgt ist, lässt sich Chloe zu Beginn der Geschichte kaum aus der Ruhe bringen. Den Anfeindungen der palästinensischen Kinder begegnet sie mit Coolness, ihre arabischen Sprachkenntnisse verschaffen ihr das Vertrauen der Menschen im Camp. Chloe wirkt fast ein wenig naiv, als würde sie in der Tat glauben, der Konflikt zwischen Israel und Palästina sei ein abstraktes Problem, das auf sie keine unmittelbaren Auswirkungen hätte. Als die Realität durch den Tod eines Kindes über sie hereinbricht, ist Chloe überfordert. Plötzlich ist sie emotional involviert.

Auch wenn die enge Freundschaft zu Rand erklärt, warum die Kanadierin mehr und mehr Position für die palästinensische Sache bezieht, kann ihre Entwicklung nicht vollends überzeugen. Dies liegt vor allem an der einseitigen Darstellung der Geschichte. Dem zunehmenden Drama in Rands Leben wird auf israelischer Seite nichts entgegensetzt. Ava, die Komplementärfigur zu Chloes palästinensischer Freundin, ist zwar mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden und leidet unter dem politischen Konflikt, doch wirkt sie in der Regel sorglos und zufrieden. Der Kontrast zur harten Lebensrealität auf der anderen Seite ist zu krass: Die Palästinenser wirken wie unschuldige Opfer, die den Peinigungen ignoranter Israelis ausgesetzt sind. Zwar verschweigt Anaïs Barbeau-Lavalette nicht die Terroranschläge, zu denen die Unterdrückten greifen, um auf sich aufmerksam zu machen, doch spielen die Folgen für die israelische Zivilbevölkerung hier kaum eine Rolle. Die Filmemacherin macht es sich in der Darstellung dieses komplexen Konflikts zu einfach und bezieht - wie auch ihre Hauptfigur - deutlich Stellung für die palästinensische Seite.

Dass Chloe sich in den Konflikt hineinziehen lässt, stellt nicht unbedingt eine Schwäche des Films dar. Vielmehr zeigt ihre Geschichte, wie schwierig es in Anbetracht von Leid und Ungerechtigkeit ist, Objektivität zu bewahren. Doch statt ihr Verhalten zu problematisieren, tut es ihr Regisseurin Anaïs Barbeau-Lavalette gleich und vernachlässigt auffällig die israelische Perspektive. So verliert die Geschichte an Glaubwürdigkeit und wirkt insbesondere am Ende sehr konstruiert.

Inch'Allah erzählt im Grunde eine spannende und stellenweise sehr emotionale Geschichte, die durchaus in der Lage ist, ein Kinopublikum 90 Minuten lang zu fesseln. Doch die Einseitigkeit der Darstellung hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, scheint sich doch die Frontenbildung dem gegenseitigen Verständnis vorzuziehen.

(Sophie Charlotte Rieger)

Foto © Philippe Lavalette

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