I Used To Be Darker - Berlinale Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
13 08/02

I Used To Be Darker

Sich selbst finden, sich selbst verlieren, seine Rolle im Leben neu definieren, Menschen gehen lassen und festhalten, alte Wege verlassen, neue beschreiten - all das sind Themen des amerikanischen Independentfilms I Used To Be Darker von Matt Porterfield, der sowohl beim Sundance Festival als auch auf der Berlinale gezeigt wurde und beweist, dass das US-Kino noch so viel mehr zu bieten hat als glatt polierte Hollywood-Blockbuster.

Warum Taryn (Deragh Campbell) aus ihrer nordirischen Heimat abgehauen ist, bleibt ein Geheimnis. Ohne ihre Eltern zu informieren, verbringt sie den Sommer in Ocean City, Maryland. Doch eine ungewollte Schwangerschaft durchkreuzt ihre Pläne. Statt nach Hause zu fahren, sucht sie Zuflucht bei ihrer Tante und ihrem Onkel in Baltimore. Doch Kim (Kim Taylor) und Bill (Ned Oldham) befinden sich selbst in einer Krise und auch ihre Tochter Abby (Hannah Gross) ist durch die Trennung der Eltern aus dem Gleichgewicht geraten. Alle Beteiligten müssen von ihrem altbekannten Leben Abschied nehmen und etwas Neues wagen und alle sind von dieser Herausforderung gleichsam verunsichert. Und so gerät Taryn, statt ein stabiles Refugium vorzufinden, zwischen die Fronten.

Es ist gar nicht so einfach zu beschreiben, worum es in I Used To Be Darker nhaltlich geht, denn die Handlung plätschert die meiste Zeit scheinbar ziellos vor sich hin. Matt Porterfield bietet keinen klaren roten Faden, keine Mission, auf die sich Taryn begibt, nicht mal eine zielgerichtete Entwicklung der Figuren. Statt eine Geschichte zu erzählen, präsentiert der Regisseur und Drehbuchautor einen Ausschnitt aus dem Leben seiner Protagonisten, der für alle eine Phase des Übergangs darstellt, ohne dass klar würde, wohin ihr Weg sie führen wird. Und so ist seine Dramaturgie weniger von Spannung und Dynamik gekennzeichnet als von ruhigen Momentaufnahmen. Die wahren Turbulenzen spielen sich unter der Oberfläche ab und werden nur selten ausagiert. Von einer Auseinandersetzung der Cousinen abgesehen, werden die Gefühle in I Used To Be Darker gedeckelt. Nur in ihren Liedern fassen die passionierte Sängerin Kim und der ehemalige Songwriter Bill ihre Emotionen in Worte und schaffen damit die intensivsten Momente des Films.

Nicht nur die Ziellosigkeit der Handlung auch die Kamera von Jeremy Saulnier erzeugt ein Gefühl von Langsamkeit. Die Figuren betreten und verlassen den Bildausschnitt anstatt von diesem verfolgt zu werden. Im sparsamen Umgang mit Schnitten und Close-Ups verlässt sich der Film ganz auf die Wirkung seiner Charaktere. Obwohl der Zuschauer über die einzelnen Protagonisten wenig erfährt und viele Fragen unbeantwortet bleiben, wirken Taryn, Abby, Kim und Bill wie aus dem Leben gegriffen. Statt glatt polierter Hollywood-Schönheiten, präsentiert Matt Porterfield echte Menschen, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann.

Wie schon der Titel I Used To Be Darker andeutet, geht es um Veränderung. Jeder der Charaktere befindet sich an einem Wendepunkt. Bill und Kim gehen nach vielen Ehejahren getrennte Wege. Insbesondere Bill fällt es schwer zu begreifen, dass in dem Abschied von seiner Frau auch die Chance für einen Neuanfang liegt. Kim ist ebenso wenig frei von Wehmut, denn auch sie muss sich nun neu und unabhängig definieren. Damit befinden sich die Erwachsenen im Grunde in einem ähnlichen Selbstfindungsprozess wie die beiden jungen Mädchen, die - gerade der Pubertät entschlüpft - beginnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie alle müssen den Mut aufbringen, einen Schritt ins Unbekannte zu wagen. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass Matt Porterfield seinen Film so unvermittelt abbricht: Wo die Wege seiner Figuren hingführen, was ihre Zukunft für sie bereit hält, ist noch nicht entschieden.

I Used To Be Darker ist ein Film, der durch sein ruhiges Tempo und die gedeckelten Emotionen sein Publikum nur schwer mitreißen kann. Wer jedoch bereit ist, sich auf die Charaktere und ihre innen Konflikte einzulassen, wird unter der scheinbaren Ereignislosigkeiten gleich vier Geschichten von Abschied und Neuanfang entdecken.

(Sophie Charlotte Rieger)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München
  • Festival Scope