Berlinale 2017: "Tiere" von Greg Zglinski - Berlinale 2017 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 16/02

Berlinale 2017: "Tiere" von Greg Zglinski

Anna (Birgit Minichmayr) und Nick (Philipp Hochmair) fahren für ein halbes Jahr in die Schweiz. Sie will ihren ersten Kriminalroman schreiben, er will Rezepte für ein Kochbuch sammeln. Doch in ihrer Beziehung läuft schon lange einiges schief.

(Bild aus Tiere; © tellfilm/Wojtek Sulezycki)

Während der Fahrt streiten sie sich, wie sich nur Paare in Filmen aus Österreich und der Schweiz streiten, nicht laut und mit großen Gesten, sondern mit kleinen unterschwelligen Sticheleien in der zwischenmenschlichen Alltagskommunikation. Sie ist eifersüchtig und vermutet, dass ihr Mann mit der Nachbarin fremdgeht. Er tut das tatsächlich, wollte die Affäre jedoch kurz vor der Abfahrt beenden. Dann steht plötzlich ein Schaf im Weg. Nick fährt es um, der Wagen landet im Graben, Anna im Krankenhaus. Als das Paar kurze Zeit später die Fahrt zum Schweizer Alpenhaus fortsetzt, beginnt die Realität Risse zu bekommen.

In dem Maß, in dem die Erzählebene ins Surreale rutscht, tauchen immer mehr der titelgebenden Tiere auf: das umgefahrene Schaf liegt gehäutet und ausgenommen vor der Tür. Ein Vogel durchbricht ein Fenster und begeht an der Küchenwand Selbstmord, von seinem Blut sind am nächsten Tag jedoch keine Spuren mehr zu sehen. Eine sprechende schwarze Katze erscheint und warnt Anna, dass ihr Mann sie umbringen will und dass sie dieser Tat unbedingt zuvorkommen muss. Tiere, so scheint es hier, dienen als düstere Vorwarnung, als Einblick ins Unbewusste, als Rückführung zu den archaischen Trieben und Gelüsten, die sich der Verstand nicht eingestehen will. Gleichzeitig ist das Auftauchen der Tiere aber auch so zufällig und verstörend, dass man sich fragt: Wird die Schriftstellerin langsam verrückt? Spricht hier ihr Unterbewusstsein mit ihr? Ist das alles nur ein Traum? Und wenn ja, wer träumt ihn dann gerade eigentlich?

Nicht nur die Tiere deuten das Entgleiten der Realität an, auch die Zeitebenen beginnen durcheinander zu geraten. Dinge wiederholen sich, wie der Selbstmord-Sprung der Geliebten Nicks. Andere werden angesprochen und finden erst danach statt. So sucht etwa Mischa, die während des Urlaubs auf die Wiener Wohnung des Paares aufpasst, nach einem jungen Arzt, der sie behandelt hatte. Ihm fehlte ein Finger, als sie ihn trifft, hat er jedoch alle zehn an den Händen, verliert ihn dann aber wenige Szenen später.

(Bild aus Tiere; © tellfilm/Wojtek Sulezycki)

Der polnischstämmige Regisseur Greg Zglinski, dessen Film Kein Feuer im Winter 2004 in Venedig lief, inszeniert seinen Psycho-Thriller im Wechsel zwischen Alpenpanorama und beklemmenden Innenräumen. Die überlappen sich auch immer mehr. So beginnt die Wiener Wohnung im Aufbau immer mehr Ähnlichkeit mit der Alpenhütte zu bekommen. Schlafzimmer und verschlossene Türen befinden sich an der gleichen Stelle. Immer wieder findet sich Anna in Flurfluchten, an deren Ende eine verschlossene Tür liegt. Und hinter dieser Tür scharrt und bewegt sich manchmal etwas. Verweis auf verschlossene Räume des Unterbewussten und die dunklen Dinge, die darin schlummern? Was man als billigen Horrorfilm-Trick abtun kann, funktioniert dank der sparsam auf diese Momente hinarbeitenden Musik sehr gut.

Man ist in Tiere permanent in Hab-Acht-Stellung und sucht nach Hinweisen, welches Spiel hier eigentlich gespielt wird, und immer, wenn man denkt, es entschlüsselt zu haben, entgleitet es durch ein neues Detail abermals.

(Festivalkritik Maria Wiesner)

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