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Berlinale 2017: "The King's Choice" von Erik Poppe

Es war das Volk, das den dänischen Prinzen Carl zum König Håkon VII. von Norwegen wählte. Im Zuge der Vertragsverhandlungen der Trennung Norwegens von Schweden wurde die konstitutionelle Monarchie als Staatsform festgelegt und der dänische Prinz als König vorgeschlagen. Er verlangte eine Volksabstimmung, die positiv ausfiel. Es ist dieser Wille des Volkes, der Håkons Handeln bestimmte, er mischte sich in politische Entscheidungen kaum ein, schaffte die Balance zwischen Repräsentation und Volksnähe.


(Bild aus The King's Choice; Copyright: Paradox)

Nachdem Norwegen bereits im Ersten Weltkrieg eine Neutralitätspolitik verfolgte, wollte das Land diesen Kurs auch im Zweiten Weltkrieg verfolgen. Jedoch mehrten sich die Anzeichen, dass das Dritte Reich eine entsprechende Vereinbarung nicht einhalten würde. Anfang 1940 wurde immer deutlicher, dass das Dritte Reich angreifen würde – und an den drei Tagen im April entschied sich der norwegische Kurs.

Es sind diese drei Tage, die im Mittelpunkt von The King's Choice – Angriff auf Norwegen (Kongens nei) stehen. Es sind die Tage, an denen Deutschland ohne vorherige Kriegserklärung angriff, der Faschistenführer Vidkun Quisling in einem Staatsstreich die gewählte Regierung mitsamt Ministerpräsidenten entmachtete und Hitler von dem König eine Unterschrift wollte, in der er Quisling als Ministerpräsidenten anerkannte.

Obwohl der Film mit einem Abriss des norwegischen Wegs zur konstitutionellen Monarchie beginnt und sich auf drei fraglos spannende Tage im Zweiten Weltkrieg konzentriert, fehlt The King's Choice ein ausreichender dramatischer und thematischer Unterbau – gerade für Zuschauer, die mit Håkons Ruf als "Volkskönig" nicht vertraut sind. Statt volksnah erscheint der von Jesper Christensen gewohnt gut gespielte Håkon anfangs als schwach, zögerlich und überfordert. Das erste Bild des Films zeigt ihn mit einer behandschuhten Hand vor Augen, deutlicher könnte seine Weigerung, die Zeichen der Zeit zu erkennen, wohl kaum werden. Er ist im verschneiten Garten und spielt mit seinen Enkelkindern verstecken. Dann wird er von seinem Sohn, Kronprinz Olav (Anders Baasmo Christiansen), über die aktuellen Entwicklungen informiert und von ihm bedrängt, endlich ein deutliches Zeichen zu setzen. Aber Håkon beharrt auf der Unabhängigkeit des Parlaments, nimmt hin, dass seine Empfehlungen ignoriert werden und bremst seinen weitaus deutlicher positionierten Sohn abermals aus. Erst der Angriff der Deutschen erhöht den Druck auf ihn so, dass er handeln muss: Er lehnt ein Rücktrittsgesuch des Parlaments und Ministerpräsidenten ab und weigert sich schließlich, eine Vereinbarung mit den deutschen Besatzern zu unterzeichnen.


(Bild aus The King's Choice; Copyright: Paradox)

Mit dieser Weigerung griff Håkon erstmals seit 1905 aktiv in die Politik ein, zumal er sie untermauerte, indem er eine Abdankungsdrohung damit verknüpfte. In diesen drei Tagen im April entschied sich also gewissermaßen seine Hinwendung zum Widerstandskämpfer, eine Rolle, die er während des Zweiten Weltkriegs im Exil in London aktiv beibehielt. Damit kann der Film von Erik Poppe im Prinzip drei Richtungen einschlagen: als Kriegsdrama über diese drei Tage, als Biopic über König Håkon oder als Gewissensdrama einer schweren Entscheidung. Von Anfang an scheint sich Erik Poppe auf seine Charaktere zu verlassen, die die Handlung voranbringen, neben Håkon und seinem Sohn noch der deutsche Gesandte Curt Bräuer (Karl Markovics), der sich verzweifelt an die Illusion einer diplomatischen Lösung klammert. Jedoch gibt es für ein charaktergetriebenes Drama letztlich zu viele Kämpfe, zu viele Nebenhandlungen, zu viele Einblendungen und letztlich zu viele Versuche, den Film gleichzeitig zu einem Nationalepos werden zu lassen. Für einen Kriegsfilm sind hingegen zu viele Szenen allein von Gesprächen bestimmt, für ein Biopic ist die erzählte Zeitspanne und der unterlassene Blick in die spannende Zeit während des Zweiten Weltkriegs, die in Texttafeln zusammengefasst wird, hinderlich. Nun bliebe also noch die Möglichkeit, dass The King's Choice zu einem Hybrid wird, zu einem Film, der neue Wege beschreitet. Aber dafür lässt er allzu konsequent die spannendsten Fragen dieser Zeit aus: Wie konnte die norwegische Regierung beispielsweise im Jahr 1940 noch auf ein Abkommen mit den Deutschen vertrauen? Oder warum ist sie nicht der Empfehlung des Königs zur Mobilmachung gefolgt?


(Trailer zu The King's Choice)

Stattdessen setzt der Film auf eine möglichst detail- und faktentreue Inszenierung, allerdings scheint die Handkamera oftmals nicht zu der statischen Anlage des Films und den vielen Gesprächssituationen zu passen. Damit bleibt an diesem Film letztlich die exzellente Besetzung, die diesen Film trägt, bemerkenswert – und natürlich die an sich interessante und hierzulande weniger bekannte Episode aus der Geschichte Norwegens. Aber The King's Choice hätte mehr als eine Lektion in norwegischer Geschichte werden können, es hätte ein Film werden können, der die Zeichen des und Widerstand gegen den Faschismus in den Mittelpunkt stellt. Ein solcher Film hätte gerade in diesen Zeiten einen großen Mehrwert.

(Festivalkritik Sonja Hartl)

 

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