17 15/02

Berlinale 2017: "Poi E: The Story of Our Song" Tearepa Kahis

So ganz genau lässt sich gar nicht feststellen, wann der Sog einsetzt. Wann sich das Lied genau unter die Fingernägel schleicht, der Rhythmus sich als etwas offenbart, das du immer schon gekannt hast und nie vergessen wirst. Und das ist dann auch der Punkt, an dem selbst der uninitiierte Zuschauer nicht mehr aufhören mag mit Poi E: The Story of Our Song, weil es doch noch so viel zu wissen gibt über dieses Lied, über die Menschen dahinter, die Kultur, den Tanz ...

(Bild aus Poi E: The Story of Our Song; Copyright: Patea Film Collective Ltd.)

Poi E, das sollte zum Allgemeinwissen gehören, tut es aber nicht, war 1984 ein großer Hit in Neuseeland: vier Wochen auf Platz 1, 40 Wochen insgesamt in den Charts. Auch in Großbritannien wurde das Lied wahrgenommen, nicht zuletzt, weil die Band, der Patea Māori Club, sogar der Queen vorspielte. Das war nicht nur damals eine Sensation; Poi E war der bis dahin einzige Song in der Sprache der Maori, der solchen Erfolg hatte. In Tearepa Kahis Dokumentarfilm ist diese Phase der Bekanntheit allerdings eher eine Episode am Schluss, vielleicht ein halbwegs befriedigendes Finale einer langen Geschichte.

Seine Erzählung beginnt mit Maui Dalvanius Prime, meist nur Dalvanius genannt, der in den 1970er Jahren sein Glück als Musiker in Australien und darüber hinaus suchte: vor allem mit seiner Band Dalvanius and the Fascinations spielte er Funk und Soul, aber zum richtig großen Erfolg reichte es nie. Poi E: The Story of Our Song beschreibt Dalvanius' Rückkehr nach Neuseeland und zu seiner Herkunft als Maori keineswegs als Triumphzug, sondern als Neuorientierung eines herausragenden, aber nicht besonders erfolgreichen Musikers. Zusammen mit der Linguistin und Sprachlehrerin Ngoi Pēwhairangi entwickelte er den Song Poi E – obwohl Dalvanius selbst der Maori-Sprache nicht mächtig war. Und die Geschichte des Films lebt wesentlich davon, dass Dalvanius' Freunde und Gönner diesem Lied zu Erfolg verhalfen, obwohl sie z.B. eigentlich keine Chance hatten, im Radio gespielt zu werden.

Stattdessen wurde das Geld für eine Studioaufnahme aus Ersparnissen zusammengeklaubt, wurde ein Musikvideo mit Freunden gedreht und durch Spenden finanziert. Es war dieses außergewöhnliche Musikvideo, das, so suggeriert der Film, schließlich den Erfolg des Musikstücks überhaupt erst anstieß.

So außergewöhnlich die Geschichte ist, so ruhig bleibt der Dokumentarfilm auf ruhigem Boden: Er lässt vor allem die noch lebenden Protagonisten erzählen, Tänzer und Sängerinnen, Kinder und Schülerinnen von Dalvanius und Ngoi. Dalvanius selbst ist in Tonaufnahmen zu hören – er starb 2002 mit nur 54 Jahren an Krebs. Wie seine Tochter vom Todestag seines Vaters erzählt, gehört zu den herzzerreißendsten Momenten des Films.

Regisseur Kahi gelingt es durch die einfachen Gespräche deutlich zu machen, wie viel der Erfolg dieses Liedes für die Maori bedeutete – und was für einen Modernisierungsschub das Lied zugleich einläutete. Denn Dalvanius nahm nicht einfach die Sprache der Maori als Vehikel. Im Video und im musikalischen Arrangement mischen sich Traditionen und Moderne: Hip Hop, Breakdance, Synthesizer-Klänge und Rollschuhe gehen eine Verbindung mit dem traditionellen Poi-Tanz ein. Poi E bringt die Sprache der Maori per Ohrwurm zurück in die Gehörgänge der Jugend. Der Stolz, den die Maori in Poi E: The Story of Our Song für ihre Tradition, für ihre Geschichte vorweisen, ist aber – und das macht diesen Film zu einem so entspannt- wunderbaren Erlebnis – kein verbissener Stolz. Er erzählt vom Glück, Geschichten und Tänze weiterzutragen, von der Freude des gemeinsamen Singens, von Erinnerungen und Hoffnungen.

Poi E, so will man den Menschen in diesem Film glauben, verbindet die Generationen. Und nachdem das Lied den ganzen Film über immer nur in Stücken und Ausschnitten zu hören war, sind die letzten Minuten von Kahi ganz dem Lied gewidmet: Den vollständigen Song verbindet er dann mit Bildern aus dem Original-Musikvideo und neuen Variationen darauf, die Sängerinnen als junge und als alte Frauen, die Tänzer früher und heute, die Kinder von heute ... Und plötzlich sehnt man sich selbst nach einem solchen Lied.

(Festivalkritik von Rochus Wolff)

Unsere weitere Berichterstattung zur Berlinale findet ihr hier.