Berlinale 2017: "Have A Nice Day" von Liu Jian - Berlinale 2017 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 17/02

Berlinale 2017: "Have A Nice Day" von Liu Jian

Have A Nice Day (Hao ji le) klingt für einen wie Xiao Zhang wohl eher zynisch, denn der junge Mann ist verzweifelt. Und in der Verzweiflung begehen Menschen Fehler, machen Dinge, die nicht ihrem Charakter entsprechen. Sein Arbeitgeber hält den jungen Mann für einen guten Mitarbeiter. Bis dieser eine Tasche mit einer Millionen Yuan von seinem Boss klaut und sich absetzt.


(Bild aus Have A Nice Day; Courtesy: Berlinale 2017)

Mit dem Geld will er seiner Verlobten helfen. Die hat eine Schönheitsoperation im Gesicht machen lassen, die schief gegangen ist. Und mit so einem Gesicht will sie nicht heiraten. Blöd nur, dass Xiao Zhangs Boss ein Gangster ist, der ihm sofort seinen stillen, stets schwarz tragenden Killer Mr. Skinny auf den Hals hetzt. Doch der ist nicht der Einzige, der hinter ihm her ist. Geld zieht bekanntlich viele an und so treten alsbald noch eine ganze Reihe Leute in Xiao Zhangs Leben, die sich alle gegenseitig die Tasche klauen. Was ein einfacher, schneller Coup werden sollte, wird zu einer absoluten Farce mit vielen Verwirrungen, einer guten Menge Blut und Wahnsinn.

Das Werk von Regisseur und Animator Liu Jian ist zwar ein Animationsfilm, ist aber durchaus der Tradition des Realismus verpflichtet. Die Figuren zeichnet Liu Jian in einem sehr einfachen Stil, der sich auf das Wesentliche konzentriert. Er versucht, mit wenigen Mitteln und wenigen Bewegungen sowohl ihr Äußeres als auch ihr Inneres aufzuzeichnen. Seine urbanen Landschaften hingegen sind bedeutend elaborierter. Zusammen schaffen diese zwei Stile eine sehr spezielle ästhetische Erfahrung, die sich anfühlt, als würden die Figuren ein wenig durch surreale Welten wandern. Und diese Welten verortet Have A Nice Day in der Vorstadt. Die stetig wachsenden Neubaugebiete, in denen sich vor allem die Menschen sammeln, die von einem besseren Leben träumen, passen perfekt in Liu Jians Erzählung, seinen vielen, eigenartigen Charakteren und seinem Genrehybrid-Film an sich.

Viele Genreversatzstücke bringt dieser Film hier zusammen. Grundsätzlich ist Have A Nice Day eine Gangsterstory, die hier und da an die Tradition einiger Noir-Filme andockt, dabei aber gleichzeitig ein wenig den frühen Quentin Tarantino kanalisiert. Gleichsam versucht der Film aber auch, eine schwarze Komödie zu sein und auch gesellschaftskritische Momente mit einzubauen. All dies gelingt ihm aber nur bedingt. Immer wieder gibt es wunderbare Momente, gute visuelle Ideen, doch der Film leidet auch darunter, dass sein langsames Tempo die Erzählung immer wieder so herunterbremst, dass sich die Energien verlieren. Ebenso problematisch ist, dass der Film an sich nichts Neues zu diesen Genres und Ideen hinzuzufügen hat. Ja, er nutzt sie klug, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Doch es fehlt letztendlich am eigenen Impuls, der darüber hinausgeht.

Diesen findet man eigentlich nur in der Animationskunst an sich. Deren beste Momente sind die, in denen Liu Jian auf klassische Bilder verzichtet und abweicht von seinen Filmvorbildern. Es sind die Momente, in denen das Bild nicht einfach nur aufzeichnet, was passiert, sondern sich auf etwas anderes, einen kleinen Moment, ein Detail konzentriert, welches auf den ersten Blick abwegig erscheint. Das Nicht-Zeigen erwirkt hier oft eine leicht mystische Atmosphäre, die Spannung schafft. Vor allem hier bemerkt man das große Potential von Liu Jian. Es wäre wünschenswert gewesen, dass er sich in Have A Nice Day noch mehr auf seinen ganz eigenen Stil konzentriert, anstatt sich so stark an anderen zu orientieren.

(Festivalkritik Beatrice Behn)

 

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