Berlinale 2017: "Foreign Body" von Raja Amari - Berlinale 2017 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 16/02

Berlinale 2017: "Foreign Body" von Raja Amari

Samia (Sarra Hannachi) kämpft. Gleich zu Beginn von Foreign Body kentert ihr Boot auf dem Mittelmeer. Körper stürzen ins Wasser, wer nicht schwimmen kann, versucht sich an anderen festzuhalten. Samia wird hinabgezogen, immer wieder, aber sie kämpft, es geht um ihr Leben. Am Ende ist sie die einzige, die die französische Küste erreicht.

(Bild aus Foreign Body; © Nomadis Films/Mon Voisin Productions)

Sie schlägt sich bis Lyon durch, wo ihr Freund Imid aus Kindheitstagen ein Café hat. Anfangs kommt sie bei ihm unter, dann sucht sie Arbeit und findet sie bei einer reichen Witwe (Hiam Abbass), die den Nachlass ihres Mannes sortieren will und die illegale Einwandererin bei sich aufnimmt, weil sie als junge Frau selbst einmal als Flüchtling in das Land kam. Obwohl Samia es fast geschafft hat, sich ein neues Leben aufzubauen, hängt der Schatten ihres radikalen Bruders noch immer über ihr. Von ihm weiß sie nur, dass er irgendwo wegen Jihadismus im Gefängnis sitzt, und sie hat Angst, dass er eines Tages herauskommt und sie verfolgt.

Samia ist eine starke Frau. Ihre Würde und ihren Mut lässt sie sich auch von ihrem Status als illegaler Flüchtling nicht nehmen. Sie geht aus, sie tanzt, sie flirtet und es ist ihr egal, dass es beispielsweise Imid nicht gefällt. Samia trifft jede ihrer Entscheidungen selbst. Sie will ihr eigenes Leben leben, ohne dass ihr irgendwer Vorschriften macht, wie das auszusehen hat.

Die tunesische Regisseurin Raja Amari zeigt, wie man mit den Themen Flüchtlingskrise und islamistischen Extremismus umgehen kann, wenn man ein kluges Drehbuch schreibt. Sie konzentriert sich nicht auf das Porträt einer Geflüchteten, die gegen alte Zwänge und neue Widrigkeiten kämpfen muss. Amari macht aus der Geschichte um Samia, der Witwe und Imid eine Dreiecksbeziehung, in der die Welten aufeinanderprallen und neue Allianzen geschlossen werden müssen. Die ältere Frau fühlt sich von dem jungen attraktiven Tunesier angezogen. Samia versucht, der Witwe begreiflich zu machen, dass sie keine Ahnung vom Verhalten tunesischer Männer hat und auch unter Imids schmeichlerischem Verhalten ein gewalttätiger Patriarch schlummert.

Dieses Drehbuch wird besonders durch die starken Frauenfiguren. Hier buhlen nicht zwei Frauen unterschiedlicher Generationen intrigant um einen Mann. Hier müssen die Frauen nicht von einem anderen Mann vor dem Gewalttäter gerettet werden. Sie sind stark, sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Und zudem tun sie das, was Frauen auch im echten Leben tun würden, sie helfen einander.

(Bild aus Foreign Body; © Nomadis Films/Mon Voisin Productions)

Bei all dem werden Frauenkörper hier nicht zerbrechlich dargestellt, sondern stark und sinnlich. Amari greift dafür wie auch schon in ihrem Debüt Red Satin (2002) auf das Element des Tanzes zurück. Die Regisseurin hat selbst in Tunis eine Tanzausbildung gemacht, den Tanzszenen merkt man das an. In einer etwa tanzt Samia auf Imids Party. Die Kamera umkreist sie, fängt die geschmeidigen Bewegungen ihrer Hände, das rhythmische Zucken der Schultern und die Bewegungen des Beckens ein, sie dreht sich um Samia und wird selbst kurz zu einem Tänzer der Party. Imid, der mit so viel selbstbewusst zur Schau gestellter weiblicher Sinnlichkeit vollkommen überfordert ist, bricht daraufhin die Party vorzeitig ab und wirft alle Gäste hinaus.

Alle Tanzszenen in Foreign Body enden mit diesem Konflikt zwischen weiblichem Selbstbewusstsein und dem männlichen Anspruch auf Dominanz. In all diesen Konflikten behaupten sich die Frauen. Das ist es, was diesen Film fast schon einzigartig macht: Frauenfiguren, die stark sind, auch wenn sie Angst haben. Die sinnlich sind, obwohl die Gesellschaft es ihnen abspricht. Die kämpfen und sich gegenseitig helfen. Vor allem aber sind es Frauenfiguren, die sich seit langem einmal wieder im Kino "echt" anfühlen. Dafür braucht es nun einmal eine Frau beim Drehbuchschreiben und Regie führen. Man wünscht sich mehr davon.

(Festivalkritik Maria Wiesner)

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