17 14/02

Berlinale 2017: "Casting" von Nicolas Wackerbarth

Gleich zu Beginn schallt dieser typisch deutsche, oftmals sehr gehässige Fernsehanstaltston durch Nicolas Wackerbarths filmisch furioses Improvisationsgewitter namens Casting, der im Forum der Berlinale begeistert aufgenommen wurde. Im Mittelpunkt steht die Regisseurin Vera, Anfang 40 (bravourös: Judith Engel), die gerade in den SWR-Studios an einer Neuverfilmung von Fassbinders (Theater-)Allzeitklassiker Die bitteren Tränen der Petra von Kant arbeitet. Ihr Problem heißt Unentschlossenheit: In wenigen Tagen soll bereits die erste Klappe fallen – und immer noch ist keine passende Starschauspielerin für Margit Carstensens einstige Überrolle der Petra von Kant, jener sadistisch-zynischen Upper-Class-Modeschöpferin, gefunden worden.


(Bild aus Casting; Courtesy: Berlinale 2017)

Zumindest bis jetzt, aber morgen soll ja noch "die Maderer" (Corinna Kirchhoff) kommen. Und natürlich auch "die Strassmann" (Andrea Sawatzki), ohne dass die eine von der anderen wissen würde, versteht sich. So geht Fernsehdenke im 21. Jahrhundert – und das war auch schon bei Rainer Werner Fassbinder in den 1970ern nicht unbedingt so anders, wenngleich der stets einen Zettel mit seiner Lieblingsbesetzung in der Hosentasche stecken hatte.

"Habt ihr euch schon vorgestellt? Das ist der Gerwin Haas." – "Luise Maderer" – "Das ist Ihr Anspielpartner."


Eigentlich steht aber Gerwin Haas (Andreas Lust) im Fokus der wild wuchernden Erzählung, ein so genannter Anspielpartner bei TV-Castings: Also im Grunde der Mann, der später im fertigen Film nicht einmal hinten durchs Bild laufen darf – und sich vorher aber gefälligst die Seele aus dem Leib spielen soll. Schließlich wurde er genau dafür verpflichtet – und im Gegenzug von seiner heimischen Baustelle weg engagiert, was noch zu Turbulenzen führen wird

Andreas Lust (Revanche, Der Räuber), einer der besten Charaktermimen Österreichs, der seltsamerweise im realen Leben immer noch viel zu selten für das deutschsprachige Autorenkino gecastet wird, spielt in Wackerbarths hochtourigem, heiter-bissigen Diskurs-Film über das Filmemachen vom ersten Moment an wie entfesselt auf. In einem Moment missmutig dreinschauen, in einem anderen euphorisiert mit dem Telefon durchs Kammerspiel-Studio tanzen – und im nächsten der Regisseurin schon wieder ebenso theatralisch wie bösartig über den Mund fahren: In Casting blitzt gleich in mehreren Einstellungen seine außerordentliche Schauspielerpräsenz auf, genauso wie sein souveränes Handwerk. Und so hätte Wackerbarths formidabler Fernsehfilm, der großes Kino ist, getrost auch "Die bitteren Tränen des Gerwin Haas" heißen und im Wettbewerb der Berlinale laufen können. Dort hätten die internationalen Pressevertreter sicherlich nicht "Augenkrebs" bekommen, um es einmal in der dreisten Fernsehsprache Veras auszudrücken, angesichts jenes knalligen, weitgehend improvisierten Schauspieler-Husarenfilms, der zusätzlich mit einem glänzend aufgelegten Ensemble (allen voran Corinna Kirchhoff und Marie-Lou Sellem) punktet.


(Bild aus Casting; Courtesy: Berlinale 2017)

Im Laufe der Handlung, in der immer wenig läuft und sich dagegen umso mehr Gehässigkeiten gegenüber der wankenden Vera breitmachen, zelebriert Nicolas Wackerbarth die Kunst des Laufenlassens: Als gelernter Schauspieler und gleichzeitiger dffb-Absolvent kennt er selbst das Filmemachen aus den verschiedensten Blickwinkeln, wodurch sich Casting partiell nicht selten in eine gelungene Sender-Satire wandelt, ohne zu sehr in den häufig kreuzbraven ARD-ZDF-TV-Boulevard abzudriften oder sich dramaturgisch allein an RWF-Gedächtnis-Zitaten entlang zu hangeln.

Vielmehr hat man als Zuschauer von Beginn an eine ungeheure Lust, gestandenen Theater- wie Film- und Fernsehschauspielern beim Kontrollverlust zuzusehen. Und natürlich auch beim gegenseitigen Anspielen aus der puren Improvisation heraus: All jene überraschenden Wendungen, aber im selben Maße ebenso die anrührenden, regelrecht hyperrealen Stillstand-Momente, die allerdings dann doch mitunter voll von Fassbinder-Rhetorik gespickt sind. "Ich mach dich fertig!", heißt es da – oder: "Du kommst doch sowieso wieder". Wer denkt da nicht automatisch an selbstreferentielle RWF-Schlüsselwerke wie beispielsweise Warnung vor einer heiligen Nutte?, Faustrecht der Freiheit, Satansbraten – oder eben Die bitteren Tränen der Petra von Kant?

Gut 80 Stunden Produktionsmaterial waren letzten Endes in den 21 Drehtagen im realen SWR-Studio zusammengekommen, erklärte Wackerbarth im anschließenden Q & A im Delphi-Filmpalast. Verdichtet auf 91 sehr kurzweilige Filmminuten gehören sie zweifelsohne zum Besten, was dieser Berlinale-Jahrgang bisher zu bieten hatte. Oder um es noch einmal in den Worten Veras zu sagen – ohne Ironie, versteht sich: "Das ist aber super! Das gefällt mir sehr, sehr gut, muss ich sagen."

(Festivalkritik Simon Hauck)


Unsere weitere Berichterstattung zur Berlinale findet ihr hier.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: wignanek-hp am: 17.02.17
Ein phänomenaler Film, der einen atemlos zurücklässt. Mehr davon anstelle des TV-Einheitsbreis - wenn es denn ein Fernsehfilm ist - als den, den wir sonst vorgesetzt bekommen.