17 15/02

Berlinale 2017: "Beuys" von Andres Veiel

Joseph Beuys ist heute der Nachwelt für vieles bekannt: Für seinen ikonischen Hut beispielsweise. Für die Badewanne (offizieller Titel: "unbehandelt (Badewanne)", ein Kunstwerk aus dem Jahre 1960, das der Putzattacke zweier wackerer SPD-Damen des Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath zum Opfer fiel). Für seine politischen Aktionen und sein Engagements bei den GRÜNEN während derer Gründungsphase. Aber für das Lachen? Andres Veiels Beuys zeigt unter anderem auch die heitere Seite des Künstlers und arbeitet nebenbei ein Stück westdeutscher Kunst- und Zeitgeschichte zwischen Nachkriegslethargie, revolutionärem Schwung und der Kohl-Ära auf.


(Bild aus Beuys; Copyright: Ute Klophaus / zeroone film / bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_ StiftungMuseumSchlossMoyland)

Zwar folgt Veiel bei seiner nur von gelegentlichen Interviewpassagen unterbrochenen Betrachtung der Chronologie, dennoch erhebt der Film keinerlei Anspruch, eine vollständige Biographie des wohl einflussreichsten Künstlers der Nachkriegszeit zu sein, kein vollständiger Überblick über ein Leben und Wirken, das nach wie vor seinesgleichen sucht. Beuys ist in erster Linie das Ergebnis einer enormen Recherche- und Sichtungsarbeit, die Veiel durchaus sinnfällig in eine Grundkonstruktion packt, die fast wie eine Art Kapiteleinteilung den Film strukturiert: Immer wieder füllen Kontaktabzügen mit Bildern und Filmausschnitten von Beuys die gesamte Leinwand aus, wie in einer Suchbewegung tastet die Kamera diese ab, zoomt dann näher und greift dann scheinbar zufällig Einzelbilder heraus, die dann den Startpunkt zu einer neuen Sequenz bilden - eine ebenso verblüffende wie einfache Lösung für einen Film, der zunächst mit einem geringeren Anteil an Archivmaterial geplant war - ursprünglich sollte der Footage-Anteil nur bei 30 Prozent liegen, am Ende sind es 95 Prozent geworden. Was den unbestreitbaren Vorteil hat, dass es im Wesentlichen Beuys selbst ist, der hier spricht, was vor allem für Zuschauerschichten, die mit dem Werk des 1987 Verstorbenen nicht so vertraut sind wie die früher Geborenen, eine interessante Herausforderung ist.

Und genau hier liegt die neben der Entdeckung des Humors im Wirken von Beuys zweite und eigentlich spannende Prämisse des Films verborgen, die zwar niemals deutlich ausgesprochen wird, um die aber kein Zuschauer umhin kommt: Warum gibt es heute keinen vom Schlag eines Beuys mehr - im Sinne eines sich radikal einmischenden Künstlers, nachdem mit Christoph Schlingensief der einzige, der auch nur annähernd eine ähnliche Wirkung erzielte, viel zu früh verstarb? Und welche Lehren - falls überhaupt - können wir heute noch aus dem Schaffen des "sozialen Plastikers" ziehen? Müssten nicht gerade heute die Theorien und die Praxis eines Joseph Beuys wieder auf fruchtbaren Boden fallen?


(Bild aus Beuys; Copyright: Ute Klophaus / zeroone film / bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland)

Selbstverständlich bietet Beuys auf diese sowieso nur implizit vorhandenen Fragen keine Antworten, sondern setzt allenfalls die Saat, sich damit selbst auseinanderzusetzen. Dies und die unkommentierte, allein aus dem Auratischen des Künstlers selbst entstehende Form der Narration machen aus Veiels Annäherung an einen bundesdeutschen Mythos ein streckenweise heiteres Werk, das die Mühen der Aneignung seitens des Zuschauers zu einer ambivalenten Angelegenheit werden lässt.

(Festivalkritik Joachim Kurz)

 

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