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16 16/02

"Mapplethorpe: Look at the Pictures" von Randy Barbato und Fenton Bailey

"Look at the pictures" hämmert es den Zuschauern zu Beginn des Dokumentarfilms Mapplethorpe: Look at the Pictures von der Tonspur entgegen. Gewettert werden diese Worte von konservativen Politikern in Washington, D.C., die gegen eine Ausstellung der Fotos von Robert Mapplethorpe angehen wollen. Seine Bilder zeigen SM-Sex, Penisse und den Anus des Künstlers, aus dem eine Bullenpeitsche kommt. Sie seien gefährlich und skandalös – und um zu diesem Urteil zu kommen, reiche ein Blick auf die Bilder.


(Bild aus Mapplethorpe: Look at the Pictures von Randy Barbato und Fenton Bailey; Copyright: Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission)

Am Ende wird der Dokumentarfilm von Randy Barbato und Fenton Bailey (Inside Deep Throat) zu dieser Ausstellungsreihe wieder zurückkehren, dazwischen rekonstruieren sie mit zahlreichen Interviews mit Weggefährten, Künstlern und Mapplethorpes Familie sowie Aufnahmen seiner Bilder sein Leben und Schaffen. Geboren am 4. November 1946 als drittes von sechs Kindern wuchs Robert Mapplethorpe in einer katholischen Familie auf, die jeden Sonntag zur Kirche ging. In der Highschool war er ein Außenseiter, er zeichnete gerne und entschied sich, nach New York zu gehen und dort das Pratt Institute zu besuchen. In seinen ersten New Yorker Jahren veränderten zwei Ereignisse sein Leben: Er nutzte für eine Arbeit erstmals Polaroids, so dass er erkannte, dass Fotografie ebenfalls Kunst ist, und er lernte Patti Smith kennen. Mit ihr zog er in das Chelsea-Hotel, dort lernte er weitere Künstler_innen kennen und experimentierte mit seiner Kunst. Zudem entdeckte er schwule Porno-Magazine, zu denen er sich hingezogen fühlte. Bald begann er eine erste homosexuelle Beziehung. Dadurch veränderte sich auch seine Fotografie: Zu den homoerotischen Motiven kamen bald BDSM-Szenen, die er ebenso fotografierte wie Stillleben und Portraits.


(Bild aus Mapplethorpe: Look at the Pictures von Randy Barbato und Fenton Bailey; Copyright: Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission)

Von Anfang an strebte Robert Mapplethorpe nach Ruhm und Anerkennung, er machte keinen Hehl daraus, dass er erfolgreich sein will. Und deshalb wusste er auch, dass er mit Bildern einer aus dem Anus herausragenden Lederpeitsche, einem Finger in der Harnröhre des erigierten Penis oder einer Faust in einem Hintern provozieren kann. Künstlerisch macht Mapplethorpe indes keinen Unterschied zwischen dem Bild eines erigierten Penis und einer Blumenblüte, vielmehr versucht er mit beiden Motiven das beste Bild zu erreichen. Doch es sind vor allem diese sexuell aufgeladenen Bilder, die ihn berühmt machten und auch in diesem Dokumentarfilm im Vordergrund stehen. Dabei wird die Verbindung zwischen Privatleben und Arbeit weit ausführlicher thematisiert als der künstlerische Prozess hinter diesen Bildern, der fast völlig auf die jeweiligen Bekanntschaften mit den Modellen reduziert wird. Daher gibt es aus fotografischem Interesse nur wenige aufschlussreiche Momente wie den, in dem Marc Stevens und Ken Moody, die Modelle seines berühmten, nach ihnen benannten Bildes erklären, dass Ken Moody lediglich im Bildhintergrund sei, weil sein Hals nicht lang genug sei, damit er seinen Kopf auf die Schulter von Marc Stevens legen könne, diese Anordnung mit der Hautfarbe aber nichts zu tun habe. Oder wenn die Verbindungen zwischen Katholizismus und den Posen auf seinen Bildern herausgearbeitet werden.

Stattdessen wird Mapplethorpe immer wieder als Charmeur und Egozentriker beschrieben. Gerne greifen Barbato und Bailey auf Talking Heads zurück, die ihn gut kannten und unterhaltsame Anekdoten sowie auch tiefere Einsichten beisteuern. Zudem lassen sie die Kuratoren seiner Ausstellungen zu Wort kommen. Dadurch wird viel über Mapplethorpe und seine Leistungen gesprochen, kritische Töne erklingen nur im Ansatz. Zusammen mit dem dominanten Einsatz von emotionalisierender Musik, die sogar unter gesprochene Worte gelegt wird, erinnert dieser Dokumentarfilm bisweilen an eine Fernsehdokumentation. Hier hätten die Filmemacher noch stärker dem Rat der Politiker folgen sollen: Look at the Pictures!

(Sonja Hartl)

Mapplethorpe: Look at the Pictures ist noch am Samstag, den 20. Februar um 22.30 Uhr im CineStar zu sehen.

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