16 14/02

"Lily Lane" von Bence Fliegauf

Bence Fliegauf hat vor vier Jahren den großen Preis der Berlinale-Jury für Just the Wind bekommen. Nun ist er mit Liliom ösvény (Lily Lane) zurück bei der Berlinale und nimmt ein Thema wieder auf, das ihn schon früher beschäftigte: die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn.


(Bild aus Lily Lane von Bence Fliegauf; Copyright: Dániel Bogdán Szőke)

Was tun, wenn die Wahrheit für Kinder zu hart ist? Sie anlügen? Oder Märchen erzählen? Rebeka (Angéla Stefanovics) hat sich für Letzteres entschieden. Die junge Frau erzählt ihrem kleinen Sohn Dáni (Bálint Sótonyi) die Geschichte von der Fee und dem Jäger, die ein Haus im Wald haben, in dem sie mit ihrem Kind "Honey" leben. Manchmal kommen Gespenster in der Geschichte vor, manchmal verschwindet der Jäger für längere Zeit und irgendwann wird die Fee böse. Dáni versucht, die Geschichten seiner Mutter zu interpretieren, und erst ganz langsam wird in der zweiten Hälfte des Films klar, von wem diese Märchen in Wahrheit handeln.

Der ungarische Regisseur Bence Fliegauf seinem Film Liliom ösvény eine Szene vorangestellt, in der Rebeka im blauen Halbdunkel mit angezogenen Beinen auf dem Bett ihres Sohnes sitzt und mit leiser Stimme das Märchen beginnt. Diese Szene ist ein bisschen gruselig, ein bisschen fantastisch – und sie gibt den Ton des restlichen Films an. Außerdem zeigt sie die enge Beziehung von Mutter und Sohn. Dieses Thema hat Fliegauf bereits in seinem früheren Werk Womb (2010) beschäftigt, in dem eine Frau ihren verstorbenen Mann klonen ließ, das Baby selbst austrug und den Sohn nach dem Ebenbild des Vaters zu gestalten versuchte. Es war damals weniger ein Film, der sich kritisch mit dem Thema Klonen beschäftigte – was die internationale Kritik vielfach bemängelte –, Fliegauf zeigte vielmehr eine Kammer-Studie einer Mutter-Sohn-Beziehung. Diesen Fokus hat er auch in Liliom ösvény. Der Vater ist abwesend. Rebeka hat sich von ihm getrennt, er taucht nur noch als Sprechblase im Skype-Chat auf, wenn er mit seiner Ex-Frau Termine für die Betreuung des Sohnes ausmacht. Zu sehen ist er jedoch nie. Nicht einmal in Rückblenden, die zu diesem Zweck sehr geschickt über eine wackelige Handkamera aus der Perspektive des Vaters aufgenommen sind.


(Bild aus Lily Lane von Bence Fliegauf; Copyright: Dániel Bogdán Szőke)

Überhaupt, die Kameraarbeit: Da ist der perfekte Aufbau einer Einstellung, in der Rebeka im Dunkeln mit ihrem Sohn auf das Flachdach ihrer Wohnung klettert. Die Mondsichel leuchtet schwarzblaue Nachtwolken an und schaut auf die orangefarbenen Lichter der Großstadt hinunter. Ein Bild, das zu den Geschichten der Mutter passt: ein bisschen gruselig, ein bisschen fantastisch, so wie man sich als Kind den Mond der Nacht in Märchen vorgestellt hat.

Fliegauf ist Perfektionist, der gerne alle Details seiner Filme kontrolliert. In Liliom ösvény nutzt er verschiedenste Aufnahmetechniken, um zwischen den Zeitebenen der Geschichte zu springen. Je weiter sie zurückliegen, desto dunkler und entsättigter werden die Bilder – so wie es mit Erinnerungen nun einmal ist. Der Rückblick hört dabei nicht etwa mit der wackeligen Handkamera auf. Manchmal erscheinen wie in grauen Nachtaufnahmen Menschen, die wie Geister wirken, und es auch irgendwie sind: Ein Mädchen, das in einem dunklen Raum auf dem Bett sitzt und etwas isst, eine alte Frau mit Perlenkette, ein Mann, der das Mädchen in seine Arme schließt. Ihre Rolle in der Geschichte und in den Märchen, die Rebeka erzählt, wird erst am Ende klar. Bis dahin kämpft die junge Frau mit ihren Geschichten gegen die Geister der eigenen Vergangenheit an, die zu hart ist, um sie ihrem Sohn zu erzählen. Eines Tages fragt sie ihn, ob er denke, dass Geister wirklich existieren. Nein, antwortet er, aber deshalb sind sie nicht weniger real.

(Maria Wiesner)

Lily Lane läuft noch mal heute (14.02.) um 20.00 Uhr im Cubix, am Montag (15.02.) um 22.00 Uhr im CinemaxX sowie am nächsten Sonntag (21.02.) um 22.00 im CineStar.

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