"Ejhdeha Vared Mishavad!" (A Dragon Arrives!) von Mani Haghighi - Berlinale 2016 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 20/02

"Ejhdeha Vared Mishavad!" (A Dragon Arrives!) von Mani Haghighi

Es ist auf jeden Fall ein unerwarteter Beitrag, der da aus dem Iran zur Berlinale gekommen ist. Irgendwo zwischen Noir-Detektiv-Geschichte, Abenteuerfilm á la Indiana Jones und Mystery-Thriller im Stile David Lynchs bietet Ejhdeha Vared Mishavad! (A Dragon Arrives!) geisterhafte und dokumentarische (oder mockumentarische?) Anteile und irgendwo auf der dritten Ebene auch Politisches. Was das alles bedeuten soll? Keine Ahnung. 

(Filmstill aus Ejhdeha Vared Mishavad! (A Dragon Arrives!) (Copyright: Abbas Kosari))

Es ist der 22. Januar 1965. Am Vortag wude der iranische Premierminister vor dem Parlament erschossen. Doch heute fährt Inspektor Hafizi (Amir Jadidi) in der Wüste auf der Insel Qmesh zu einem noch eigenartigeren Vorfall. Ein Exilant, der nur noch zwei Monate bis zum Ende seiner Strafe hatte, hat sich in einem portugiesischen Schiffswrack erhängt, das auf einem verfluchten Friedhof steht. Hafizis Auftrag: den Mann beerdigen und einen Bericht schreiben. Doch dieser Fall ist zu eigenartig. Als er den Leichnam auf dem Friedhof beisetzt, beginnt die Erde zu beben. Allerdings nur dort. Ein örtlicher Arbeiter hatte ihn gewarnt vor diesem Ort. Zu viele Geheimnisse, zu viel Schmerz und Trauer hätten die Geister hier böse gemacht. Hafizi ist betört von diesem Ort. Er will das Geheimnis erfahren, daher kehrt er alsbald zurück, im Schlepptau einen Geologen und einen Toningenieur. 

Zusammen wollen die drei Männer mit Hilfe von Technik und Wissenschaft herausfinden, was es mit dem Ort auf sich hat. Der Selbstmord erklärt sich dabei schnell. Der Mann wurde vom Vater eines Mädchens erdrosselt, welches im Schiffsbauch versteckt sein Kind gebar. Sie stirbt und die drei Männer kümmern sich um das Baby. Doch dann kommen die Geheimpolizei und ein örtlicher Inspektor ins Spiel und schon bald enden die Drei in Gewahrsam und ihnen droht die Todesstrafe.

Ejhdeha Vared Mishavad! (A Dragon Arrives!) erzählt die Geschichte retrospektiv und bettet sie in eine vermeintlich dokumentarische Ebene ein, in der der Regisseur Mani Haghighi selbst erzählt, wie er auf diese "wahre Geschichte" gekommen sei. Sein Großvater, selbst Regisseur, arbeitete mit dem Toningenieur zusammen, der mitten in den Dreharbeiten für immer verschwand. Eine Box mit Hinweisen ließ er beim Großvater zurück. Schnell verschwimmen die Ebenen im Film. Es ist unmöglich zu ergründen, was hier wahr und was Fiktion ist. Aber das ist im Endeffekt auch egal. Haghihi geht es viel mehr um den Mindfuck, um das Verwirren des Geistes, der stets versucht, die Geschehnisse zu erfassen und in eine geradelinige, erklärbare Version zu pressen. Doch das gelingt hier genauso gut wie bei David Lynchs Lost Highway. Wie man es auch dreht, es bleibt unverständlich und abstrakt. Einzig das Gefühl, dass der Film vermittelt, ist klar: Es droht Gefahr. Eine Gefahr, die subtil, aber stets anwesend ist. Eine Gefahr, die groß, aber unfassbar, unerklärbar ist. Nur das Gefühl ist da und der schnelle Herzschlag, der Kloß im Hals, der Stein im Magen. Referiert Haghighi hier auf das kommende Regime? Man weiß es nicht. Doch die emotionale Vermittlung funktioniert hervorragend.

Auch stilistisch legt der Film eines der schönsten und knalligsten Werke der Berlinale hin. Waberten viele Filme im Wettbewerb gern in pastell und grau-blau verwaschenen Farben, so strahlt hier schon im ersten Bild der knallorange Chevrolet Impala gleißend in der Sonne. Und wenn der Verstand dann endlich aufgegeben hat, den Inhalt erfassen zu wollen, kann man sich in diesen wunderbaren Bildern baden. Ejhdeha Vared Mishavad! (A Dragon Arrives!) ist eben eher ein sinnliches, denn sinnvolles Erlebnis.

 

(Beatrice Behn)