15 08/02

Doppelschlag: "Knight of Cups" (für Malick-Liebhaber)

Es ist ganz klar, dass jeder, der bislang wenig oder gar nichts mit den Filmen von Terrence Malick anfangen konnte auch mit Knight of Cups große Probleme haben wird. Nach The Tree of Life und To the Wonder folgt der Filmemacher weiter seiner zunehmenden spirituellen Abstraktion, die in früheren Filmen des Regisseurs noch nicht ganz so vordringlich war.


(Filmbild aus Knight of Cups; Copyright: Melinda Sue Gordon / Dogwood Pictures)

Knight of Cups beschreibt in einer atemberaubenden Bild- und Musikorgie die Suche des von Ruhm übermannten Drehbuchautors Rick in Kalifornien. Dabei folgt die Narration eher kreisenden und vor allem inneren Bewegungen als tatsächlichen Handlungen und linearen Mustern. Es ist ein ständiges Enden und Neu-Beginnen, das diesen Film und seine Hauptfigur Rick antreibt, der von einem nachdenklichen Christian Bale imposant dargestellt wird. Er ist ein fragmentierter Mann, der als Fremder durch das Leben geht, seine Umwelt und sich selbst beobachtet und sich dabei ständig neu definieren will, aber letztlich immer in denselben Sackgassen hängenbleibt: Wer bin ich? Warum mache ich das? Wer war ich?

Malick war noch nie schüchtern im Umgang mit großen philosophischen Tönen und so stellt er sich auch hier der Identitätssuche eines Mannes in allen möglichen philosophischen, mythologischen und psychologischen Ansätzen, die zur Folgen haben, dass die Szenen sich oft auch nur in größeren Zusammenhängen denken und fühlen lassen. Alles was man sonst bekommt ist Überwältigung, ob der unfassbaren Schönheit der Bilder von Emmanuel Lubezki. Und genau in diesen Bildern liegen ein Unterschied und eine klare Weiterentwicklung von Malick zu seinen vorherigen Filmen. Denn wo vorher womöglich ein Selbstzweck unter den Gegenlicht-Beauty-Shots vermutet werden konnte, so bedingen sich hier das Leiden im Angesicht der dekadenten Schönheit Hollywoods und der Bilderrausch des Films selbst. Einmal sagt eine der vielen Frauen im Leben von Rick, dass Träume schön sind, man sie aber nicht leben können. Sie seien nur Rauch und Imagination. Und genau dieses Gefühl stellt sich auch in der Bildsprache des Films ein, deren Redundanz damit zu einem inneren Bild der Hauptfigur wird. Es ist das Paradox einer Utopie, die man sobald man sie erreicht hat, nicht mehr ertragen kann. Ebengleiches lässt sich über die Fragmentierung und den ewigen, unaufhaltbaren Fluss des Films sagen, der atemlos von einer unglaublichen Aufnahme in die nächste stürzt und damit ein Spiegel für das Leben der Hauptfigur ist. Die Illusion lässt einen nicht leben, aber sie lässt einen auch nicht los.


(Trailer zu Knight of Cups)

Diese Parallelität von Form und Inhalt wird auch durch die Originaltonaufnahmen einer Lesung der Phaidros durch Charles Laughton vorangetrieben. Wie gehen Form und Philosophie miteinander? Malick scheint einen filmischen Weg gefunden zu haben, der allerdings nicht in der Lage ist einen Lösungsvorschlag zu liefern, sondern sich mit den Fragen begnügt. Aber genau diese sind es, die hier als Antrieb wirken und die eine Reflektion ermöglichen. Rick treibt nicht nur in den typisch wilden und spontanen Weitwinkelaufnahmen von einer Frau zur nächsten sondern sucht auch sonst unterschiedliche Lösungswege, die ihm alle nicht reichen. So filmt Malick eine außergewöhnliche, überspitzte und an Fellini erinnernde Prominentenparty mit unter anderem Antonio Banderas, in der sich die Figur genauso wenig retten kann wie in den tröstenden Worten der Kirche (Armin Müller-Stahl mit einem fast lächerlichen Gastauftritt), dem Partyrausch, dem Rückzug oder der Einsamkeit. Immer gibt es da etwas, was er nicht fühlen kann, was er nicht begreifen kann und was ihn fragmentiert erscheinen lässt.

Dieses Bild des fremden Wanderers ohne wirklichen Fixpunkt sucht das Ganze letztlich in sich selbst und in einer ebenfalls fragmentarischen Vergangenheit. Und ausgerechnet in seiner Familiengeschichte stolpert Knight of Cups ein wenig, denn die Szenen zwischen Rick und seinem Bruder wirken in gewisser Weise wie eine Schauspielübung und die eigentlich hochemotionale Wirkung verpufft auch in den eigenwilligen Settings auf und in verlassenen Hochhäusern. Es wäre allerdings fatal, sich bei Malick auf einzelne Aspekte zu stürzen, denn sie dienen immer nur einer größeren Idee von der Welt. Man wird wahrscheinlich nicht allen Ansichten des Filmemacher bedingungslos folgen wollen und können und seine esoterisch-christlichen Noten sind nicht gerade zeitgemäß, aber sie sind zum einen reflektiert und ambivalent und zum anderen mit einer derartigen filmischen Hochwertigkeit und Überzeugungskraft vorgetragen, dass man sich einfach verneigen muss.

Es ist auch ein Film über Ehrgeiz, es geht um eine ständige Unzufriedenheit, ein ständiges Mehr-Wollen, das einen blind macht für die Essenz und vergessen lässt, was man eigentlich wollte. Je mehr Rick in seinem Leben erreicht, desto mehr verschließt er sich und desto mehr leidet er daran. Es war noch nie leicht für Schauspieler in einem Malick-Film, da die Figuren nicht mehr wert sind als ein Blatt im Wind oder ein humpelnder Pelikan, aber Bale scheint sich hier völlig mit den Aspekten des Ruhms und der Aufrichtigkeit zu identifizieren und schafft es selbst in schwierigen Situationen, nicht überfordert wegen des Drehs, sondern überfordert aufgrund seiner Seele zu wirken.

Knight of Cups ist ein äußert rhythmischer Film, der Bild, Musik und Ton einer Symphonie gleich anordnet und damit einen Sog kreiert, der einen durchaus überwältigt, manchmal träumen lässt und immer wieder mit einer unfassbaren Schönheit zurückholt. Das Setting ist ein gänzlich Neues für den Regisseur. Strip-Clubs, ein Raubüberfall und leere Filmstudios zerfließen in den Kamerabewegungen zu einer Bedrohung, die sich dann eben mit den hohen Idealen dieser Welt messen müssen. Oft merkt man den Bildern eine große Experimentierfreude an, die immer mit den kleinen visuellen Reizen einer Bewegung spielt. So werden flimmernde Schatten fokussiert, Spiegelungen betont, Details wie Füße, Finger, Staub gezeigt oder das netzartige Top, das Natalie Portman in ihrer Rolle trägt, verwandelt sich in ein verlockendes Gefängnis. Diese Dinge kennt man nun bereits und daher ist es auch bemerkenswert, dass es immer wieder statische Totalen im Film gibt. Malick jagt eine Schönheit nach der anderen durchs Bild und sein Film erinnert nicht nur deshalb an Paolo Sorrentinos Oscargewinner La grande bellezza. Diese Frauen, die neben Natalie Portman auch von Cate Blanchett, Freida Pinto, Isabel Lucas und Imogen Poots gespielt werden, geben Rick immer etwas anderes, aber nie das, was er wirklich sucht. Sie geben ihm Sicherheit, Sinnlichkeit, Weisheit, Inspiration, Sex, aber nie alles auf einmal. Aber was sucht er? Vielleicht ist es das, was ihm am Ende des Films bewusst wird und was ihn wieder von vorne suchen lässt. Und dann kann man sich entweder erneut hingeben, erneut zweifeln oder erneut versuchen die Bilder zu beherrschen. Man wird immer scheitern.

(Patrick Holzapfel)

Ist die Kritik zu positiv? Hier geht es zur Besprechung für Malick-Verächter.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Volker Schwarz am: 08.02.15
Schöne Kritik. Beim Schauen der Filmstills und Lesen der Kritik musste ich schon an La Grande Belezza denken. Ich denke aber, dass man aus diesem Film beglückter herauskommt als bei Knight of Cups.