15 13/02

Das himmlische Kamel

Die eigentümlichen Zufälle und Zeitpläne eines Festivals führen manchmal zu seltsamen Filmzusammenstellungen - die dann beeinflussen, wie man die Filme wahrnimmt, was man erwartet. Das himmlische Kamel tauchte so in meinem Zeitplan unmittelbar nach Es ist wie es ist auf, einem Dokumentarfilm über das Leben im modernen Thailand - und irgendwann, mittendrin im zweiten Film wurde mir klar, dass ich etwas Ähnliches von dem russischen Spielfilm erwartete, einen fast schon dokumentarischen Zugriff auf das Leben in der mongolischen Steppe.


(Filmbild aus Das himmlische Kamel, Courtesy Berlinale 2015)

Und vielleicht gibt es den auch, was weiß ich schon?

Der zwölfjährige Bayir wohnt mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern - das dritte ist unterwegs - irgendwo dort, sie haben ein paar Schafe, zwei Kamele - Mutter und Sohn -, ein altes Auto, ein Motorrad, eigentlich nicht mehr. Es herrscht Dürre, das Leben ist halt nicht einfach; der Vater muss das jüngere Kamel verkaufen, um seine Schulden zu bezahlen. Bei dessen Geburt wurde geweissagt, es handle sich um ein "himmlisches Kamel", und Bayir will deshalb nicht, dass es verkauft wird. Als die Wehen einsetzen und die Eltern in die nächste Ortschaft aufbrechen, soll Bayir auf seine Geschwister und die Tiere aufpassen, aber die Kamelmutter bricht aus ihrem Gehege aus, um den verkauften Sohn zu suchen. Bayir fährt mit dem Motorrad hinterher, denn ohne das Tier als Arbeitskraft kann die Familie nicht überleben.

Spätestens hier wird der Film natürlich zur Abenteuergeschichte. Bayir findet sein Kamel, verliert es wieder, verliebt sich in ein Mädchen, das für ihn tanzt, trifft auf einen höflichen, aber schnell flüchtigen Drogenhändler und schließlich einen Straßendieb in seinem Alter, der anschließend eher aus Versehen ein illegales Benzinlager in Brand steckt. Das ist aufregend und stellenweise sehr komisch - am Bahnhof etwa, an dem das junge Kamel verladen werden soll, spielt sich eine Farce in zahlreichen Kapiteln ab.


(Filmbild aus Das himmlische Kamel, Courtesy Berlinale 2015)

Zugleich aber verweigert sich der Film den dramatischen Zuspitzungen und schnellen Rhythmen; er gibt sich den Raum und die Zeitmaße, die die Steppe vorgibt: Weite und erzwungene Langsamkeit, dazwischen eine Ahnung von der Magie und dem Göttlichen, das darin irgendwo verborgen sein mag. So ist das aus westlicher Sicht ein exotisches Abenteuer; aber es ist immer ganz bei sich. Nirgendwo anders könnte diese Geschichte spielen, denn nirgendwo anders brächte die Heimkehr des göttlichen Kamels am Ende den so sehr herbeigesehnten Regen.

(Rochus Wolff)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: humblehumbert am: 15.02.15
Dieser wunderbare Film muss in unsere Kinos. Wo ist ein Verleih in Sicht?