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Wu ren qu

Die Renaissance des Western im neuen Gewande, wie man sie beispielsweise gerade im zwiespältig aufgenommenen Austrowestern Das finstere Tal beobachten konnte, findet auch im chinesischen Wettbewerbsbeitrag Wu ren qu seine Fortsetzung. Der Film spielt dabei so gekonnt und charmant mit Themen, Motiven und Manierismen des Spaghettiwestern, dass man ihn wohl als Glasnudeleastern bezeichnen muss.

(Still aus Wu ren qu, Copyright: China Film Company)

Schon die ersten Bilder machen deutlich, wohin die filmische Reise geht: Die Region im Nordwesten Chinas könnte ebenso gut als Kulisse für einen Western amerikanischen Zuschnitts herhalten. Die Allgegenwart der Sonne und der Sandes färbt die Bilder gelb bis sepiafarben ein, gibt ihnen Helle und Nostalgie. Dazu kommen die wenigen verstreuten Ortschaften, eine Tankstelle in der Wüste, bizarre Felsformation - ein stimmiges Setting für die Geschichte, die sich nun entspinnt. Pan Xiao kommt für einen Prozess in eine Stadt in der Region, in dem er einem Gangster und Falkenjäger mit windigen Advokatentricks zum ersehnten Freispruch verhilft. Zum Dank erhält er dessen Wagen leihweise für die Rückfahrt in die Stadt, doch von da an geht alles schief, was auch nur schiefgehen kann. Er legt sich mit zwei Bauerntölpeln an, hat bald auch den Gangster und dessen finsteren Kumpanen inklusive einer beängstigenden mehrläufigen Pistole sowie einen erzürnten Tankstellenbesitzer auf den Fersen und zudem eine schöne junge Frau in Not an seiner Seite. Im Laufe der Flucht signalisiert der zunehmend desolaten Zustand seines neuen roten Wagens auch den moralisch immer fragwürdigeren Zustand des einst stolzen und hochmütigen Anwalts, bis es zum Showdown in einer einsamen Wüstenstadt kommt.

Regisseur Hao Ning hat seine Spaghettiwestern-Lektion gelernt und spielt von der Atmosphäre über die Kameraeinstellungen (finstere Kerle werden zuerst mal mit ihren Stiefeln vorgestellt) bis hin zur Musik, die voller Morricone-Zitate steckt, mit den Versatzstücken des Subgenre. Dennoch ist sein Film möglicherweise weitaus mehr als ein unterhaltsames, mitunter auch recht brutales Spiel mit vorgegebenen Formen und Formeln - zumindest muss man das vermuten. Den Zensoren in China war der v Film offensichtlich in seiner Grundaussage, dass der Mensch in Wirklichkeit nichts weiter als ein Tier sei, so ein Dorn im Auge, dass sie Wu ren qu ein Ende verpassten, das völlig unpassend ist und nachhaltig irritiert. Zwar sind dann fast alle der vorher Beteiligten tot, doch immerhin findet die "Damsel in distress" zurück in den Schoss der chinesischen Gesellschaft. Wenn man um dieses Ende weiß, bekommt all das zuvor Gesehene plötzlich eine andere Dimension. Vielleicht, so vermutet man, steckte in Wu ren qu ja doch mehr als nur Mord und Todschlag auf höchst vergnüglichem, tempo- und trickreichen und verspielten Niveau.

(Joachim Kurz)

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