14 08/02

Stereo

Was für eine Wucht entfaltet der Bild schon in seinem Vorspann. Ein Molotovcocktail wird gezündet, ein Feuer flammt auf und verbrennt förmlich die eingeblendeten Porträts der Darsteller, dazu eine dunkle, unheilverkündende Musik: Dieser Film ist böse, abgrundtief böse.

(Still aus Stereo, Copyright: Wild Bunch Germany)

Und fängt mit einer rasenden Motorradfahrt durch hügelige Landschaft an, das Gefühl von Freiheit in gedämpftem, gezähmtem Habitus. Alsbald schreibt ein Polizist einen Strafzettel wegen Rasens aus für den Fahrer, Erik (Jürgen Vogel); nicht das erste Mal.

Erik ist leidenschaftlicher Motorradschrauber mit kleiner Werkstatt, hat seit neuestem eine sehr nette Freundin, Julia, mit goldiger Tochter, Linda, es ist alles gut. Nicht einmal der Polizist, der sich als Vater von Julia herausstellt, mag der Liebe im Wege stehen. OK: auf Eriks Unterarm ist "Halunke" eintätowiert, von einer vorüberfahrenden Wohnwagenkolonne aus wird er scharf fixiert; und eine dunkle Gestalt in Kapuzenshirt beobachtet ihn... Soll das das Glück zerstören, das sich Erik gerade aufbaut?

(Still aus Stereo, Copyright: Wild Bunch Germany)

Maximilian Erlenwein ist nicht naiv. Was als geisterhafte Erscheinung im Hintergrund auftaucht, entpuppt sich alsbald als handfester Grund zur Besorgnis: rückt immer näher heran an Erik, stellt sich als Henry vor - und für Erik wie den Zuschauer ist klar, dass es sich um eine Halluzination handelt, um ein schizophrenes Einflüstern von gar nicht so guten Ideen. Moritz Bleibtreu spielt diesen Henry, und auch hier ist Erlenwein nicht naiv: Mit vollem Ernst besetzt er seine Rollen mit den besten, die dazu passen, ein richtiges type casting: Vogel mit dunkler Vergangenheit und undurchdringlichem Verhalten; Bleibtreu als unflätiger Schatten und räudiger Hund; später kommt Georg Friedrich dazu, der sadistische Oberbösewicht mit seinem souverän ausgespielten Hang zur beiläufigen Gewaltausübung. Und Erlenwein führt diese Figuren mit ihren Darstellern, fast Klischees, in Bereiche, die noch nicht betreten wurden, in eine Düsternis und Grausamkeit, in ein hirnwindungsverdrehendes Spiel mit Identitäten, mit Charaktereigenschaften, mit Lüge und Wahrheit.

Erik ahnt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Er geht zum Arzt - die Notaufnahme der Psychiatrie als ein trostloser Ort der Spinner, mit einem Arzt, der Erik ganz genau versteht. Und der einen ungewöhnlichen Rat parat hat: Eine Russin soll Erik heilen, sie hat gewisse Fähigkeiten, in denen Hypnose und Akupunktur genauso ihre Rolle spielen wie magisches Gedankenlesen und Exorzismus. Auf unmerkliche Weise lässt Erlenwein seinen Film in eine Unwirklichkeit rutschen, die sich innerhalb der Welt der Figuren ganz real anfühlt, die es vielleicht auch ist. Immer manipulativer wird Henry, immer drängender auch Gaspar, der auftaucht als weiterer Geist der Vergangenheit, eine Vergangenheit, die Erik nicht kennt. Oder die er vergessen hat? Die er nicht mehr kennen will?

Er steckt mitten drin in einem Rachefeldzug, der mit allen Mitteln gegen ihn geführt wird; und im Kampf mit sich selbst, mit Henry. Auch hier aber ein neuer Schachzug: Wie Erik Henry zu integrieren sucht in seinen Alltag, als imaginären Freund, wie auch die kleine Linda eine imaginäre Freundin hat... Doch es hilft alles nichts. Die Reise in die Katakomben der Hölle ist gebucht, seit langer Zeit schon. Und Erik muss sie antreten, Erik, der früher Zille hieß und eine Größe der Unterwelt war. Erik, der zur Zielscheibe wurde, ohne richtig zu wissen, warum. Erik, der sich von seinem dunklen Ich Henry helfen lassen muss. Erik, der an den Rand der Erkenntnis geführt wird, dahin, wo die Klarheiten verschwimmen, die Moral und die Identitäten: Was ist seine wahre Natur? Ist er der Bösewicht?

(Still aus Stereo, Copyright: Wild Bunch Germany)

Mit kompromissloser Gewalt geht Erlenwein vor, lässt diesen Erik ebenso sicher mit Waffen und mit seinen Fäusten sprechen, wie er zuvor liebevoll mit Linda gespielt und sich mit seiner Freundin Julia geliebt hat - Filmbrutalität im Graubereich zwischen Realismus und Fantasy, zwischen echtem Leiden und blutigem Spektakel. Eine weitere Drehung der Schraube in der Inszenierung der Ambivalenz.

Ziemlich radikal ist Stereo, und damit verstörend, ein Psychothriller, in dem so etwas wie eine heile Welt niemals real werden kann. Und in der ein Polizist als Vertreter eines Systems erscheint, das nichts mehr zu sagen hat. Eine Akupunkturnadel im Nacken blockiert Eriks wilde Triebe. Denn das Böse ist das Normale und muss aufwändig, mit allen Mitteln der Psyche, ja der Magie, zurückgedrängt werden. Und manchmal muss man es freilassen, muss freie Hand gewähren dem, was wirklich in uns steckt. Mit allen Konsequenzen.

(Harald Mühlbeyer)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Sternenkind am: 26.05.14
Ich muss suesse biene recht geben. Nicht sehr originell, mehr gewollt als gekonnt. Dabei lässt der Beginn noch auf ein ungewöhnliches Filmerlebnis hoffen. Leider werden die Geheimnisse zu schnell gelüftet, die Geschichte läuft sich tot, bereits nach 30 Minuten ist die Luft raus. Die Schauspieler geben ihr Bestes, spielen jedoch vergeblich gegen das schwache Skript an. Am Ende wirkt das Ganze nur noch überkonstruiert, beinahe schon peinlich. Ich war der einzige Zuschauer, der ganze Kinosaal blieb leer. Es gibt Legionen von guten Filmen, denen die Anerkennung durch ein großes Publikum versagt blieb. Aber hin und wieder wollen die Leute einen Film auch aus einem ganz bestimmten Grund nicht sehen: weil er schlicht und einfach mies ist. "Stereo" ist so ein Film.
Von: pull billman am: 10.02.14
wir fanden den film toll! warum? weil er mutig ist. toller soundtrack, tolle darsteller, spannende geschichte. deutschland kann auch mystic und action; mehr davon.
Von: suesse biene am: 09.02.14
Was für ein schlechter Film. Schlechte Genreversatzstücke der letzten Jahre hintereinandergereit. Über weite Strecken fürchterlich langweilig, was versucht wird durch Brutalität zu überspielen. Ein Film zu wegsehen.

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