14 06/02

Nuoc / 2030

Da wo einst Land war, ist nun das Meer. Auf ihm, das frühere Land ein paar Meter unter dem Meeresspiegel wähnend, leben die letzten, die in Südvietnam ausharren, jetzt im Jahre 2030, in dem die Erderwärmung und die Polarschmelze das Festland um zwei Drittel dezimiert haben. Sao und Thi sind geblieben, denn hier liegen ihre Ahnen begraben und Thi hat Landbesitz, den er jetzt mühselig mit farbigen Markierungen auf dem Wasser abzustecken versucht und dessen Fischbestand er verteidigen muss. Denn viel ist nicht mehr da, was man essen kann. Fisch gibt es, Reis und - wenn es regnet - auch Süßwasser zum Waschen und Trinken. Rar geworden ist vor allem Obst und Gemüse - Grünzeug wächst mit Salzwasser eben nicht so gut. Und so betrachten die Bewohner dieses futuristischen Vietnams ein grünes Blatt wie wir zurzeit das neue iPhone - mit einem unbändigen Verlangen.

(Bild aus Nuoc / 2030: Courtesy: Berlinale 2014)

Auf festem Boden ist das Kino gebaut, in dem Nuoc / 2030 von Nguyen-Vo Nghiem-Minh als Panorama Eröffnungsfilm gezeigt wurde und die Ironie des Schicksal wollte es, dass ich diese Sichtung mit einem Salat im Magen begehe, den ich bis eben nicht wirklich wertschätzte. Doch Nuoc / 2030 in seiner ruhigen Dringlichkeit buchstabiert ohne zu übertreiben oder zu beschönigen die Folgen einer Klimakatastrophe durch - die harschesten Momenten und Wahrheiten packt er dabei stets in kleine Nebensätze, die umso mehr sitzen. Das Blau des Meeres überwiegt und schon bald wird stellt sich ein Gefühl von Sehnsucht nach dem Grün der Vegetation ein. Doch diese bleibt hier rar gesät und jedes grüne Blatt erzeugt ein Verlangen, wie bisher noch nie gefühlt. Der Film belehrt nicht oder droht, er beschreibt die Wahrscheinlichkeiten eines solchen Klimawandels in einem Land, welches eines der ersten wäre, die von einem steigenden Meeresspiegel massiv bedroht wären. Doch dies ist nur eine Ebene des Filmes. Der fantastische und gleichsam bedrohliche, weil realistische Hintergrund der Geschichte um Sao und Thi, die sich kennenlernten, als ihr Land noch Land war und die jetzt wie verlorene Kinder auf einem Boot leben und nur sich haben. Bis Thi ermordet wird, weil er bei seinem Job auf einer schwimmenden Plantage etwas herausgefunden hat.

Und hier findet sich auch die filmische Brillanz des Werkes: er ist weder ein Science Fiction Film, noch ein Apokalypsenfilm, noch ein Thriller oder ein Liebesfilm. Er ist eher alles zusammen und sprengt damit sogar das Wort "Hybrid", welches man in einem solchen Falle versuchen würde zu benutzen. Nuoc 2030 ist ebenfalls weder als Avantgardefilm, noch als Genrekino einzuordnen, vielmehr entzieht er sich einfach aller üblichen Schubladen und ist alles und nichts zugleich. Der Film verwirft die üblichen Muster und Erwartungen und gewinnt damit souverän ganz eigenes Terrain - ein Land (oder besser ein Meer) aus neuen Bildern, Ideen und Wendungen, die man schon nach kurzer Zeit aufsaugen wird, als wären sie das letzte Blatt Salat, die letzte Blume, der letzte Zweig.

(Beatrice Behn)

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