14 06/02

Calvary

Die katholische Kirche hat ein Image-Problem und das nicht erst seit sich mehr und mehr Missbrauchsopfer zu Wort melden, deren Kindheit durch pädophile Vertreter der Institution auf furchtbarste Weise geprägt wurde. In der heutigen Zeit ist es daher ziemlich einfach, mit der Kirche und ihrer Religion hart ins Gericht zu gehen, sie zu verurteilen und als scheinheilig zu entlarven. Umso erfreulicher ist die Fairness, mit der sich Calvary dem Thema annimmt.

Auch in John Michael McDonaghs (The Guard) neuem Film geht es um sexuellen Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche. Priester James Lavelle (Brendan Gleeson) erhält während der Beichte eine Todesdrohung: Eines seiner Schäfchen will sich für den Missbrauch durch einen katholischen Priester rächen und der Tat mit der Ermordung eines unschuldigen und "guten" Priesters besondere Kraft verleihen. Der Mörder gibt James eine Woche, um sich auf sein Ableben vorzubereiten und die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Die Ereignisse der folgenden sieben Tage führen nicht nur James, sondern auch uns immer wieder zu der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Religion. Die Gemeinde ist der reinste Sündenpfuhl, doch der vorbildliche Priester kann auch über den schmutzigsten Witz hinweg sehen und scheut nicht davor zurück, einen brutalen Mörder (Domhnall Gleeson) im Gefängnis zu besuchen. Der Selbstmordversuch seiner eigenen Tochter (Kelly Reilly) zwingt James schließlich dazu, sich selbst in Frage zu stellen. Plötzlich ist Vergebung nicht mehr nur etwas, dass der Priester anderen zuteil werden lässt.

Calvary orientiert sich an der Dramaturgie klassischer Krimis und lässt den Helden wie auch den Zuschauer im Laufe des Films auf die Suche nach dem (zukünftigen) Täter gehen. Zahlreiche Figuren treten auf und machen sich verdächtig, nur um an Ende die Bühne einem unerwarteten Kandidaten zu überlassen. Das funktioniert gar prächtig und kann der Handlung kleineren Längen zum Trotz stets einen übergreifenden Spannungsbogen verleihen.

In den sieben Tagen bis zu seinem Tod kümmert sich der fromme Held der Geschichte um verschiedene Belange seiner Gemeinde. Hierdurch bekommen wir sowohl einen Eindruck von den Problemen, als auch von den Möglichkeiten der Institution Kirche. Einer jungen Witwe vermag James Trost zu Spenden, einem depressiven Mann Hoffnung zu geben. Die Menschen schätzen ihn als zugewandten Gesprächspartner. Den vielleicht etwas zu vorbildlichen Priester kontrastiert Regisseur und Drehbuchautor John Michael McDonagh mit einem scheinheiligen Kollegen (David Wilmot), der alle Vorurteile der katholischen Kirche zu vereinen scheint.

Calvary ist in der Tat kein Film, der sich um komplexe Charaktere bemüht. James' Gemeinde ist von verschrobenen Typen bevölkert über die man bereitwillig schmunzelt, ohne sie jemals für voll zu nehmen. Geschickt entwickelt John Michael McDonagh den oft schwarzen Humor seines Konzepts aus den Charakteren und verhindert somit, dass die politisch unkorrekten Witze ins Niveaulose abgleiten. Calvary gelingt die schwierige Gratwanderung zwischen platter Komödie und rührseligem Drama. Mit bissigem Witz und dem Ansatz, die Realität zwar zu überzeichnen, dabei aber niemals zu verharmlosen, sorgt McDonagh dafür, dass dem Zuschauer ein ums andere Mal das Lachen im Halse stecken bleibt. Je weiter Calvary voranschreitet, je mehr entwickelt sich die Komödie zum Drama, der Spaß wird zu bitterem Ernst, bis wir schließlich mit der Sichtbarmachung großer Verzweiflung endgültig darauf hingewiesen werden, dass Missbrauch niemals, aber auch wirklich niemals zum Lachen ist.

Calvary verzichtet größtenteils auf Momente großer Tragik, doch das Thema der Religion bringt den einen oder anderen gefühlsduseligen Moment mit sich. Insbesondere die Vater-Tochter-Beziehung schießt in dieser Hinsicht knapp über das anvisierte Ziel hinaus, kann dies jedoch durch ihren Beitrag zum rund um gelungenen Abschluss der Geschichte aufwiegen.

Neben der guten Mischung aus Tragik und Humor überzeugt Calvary durch das Setting an der wilden irischen Küste. Ein wenig irritiert dabei, dass zwischen den beeindruckenden Landschaftsaufnahmen die Totalen von der Gemeinde selbst fehlen, die sich hiermit nur schwer geographisch verorten lässt. Es bleibt eine offene Frage, ob dies auf ein knappes Budget oder den Versuch zurückzuführen ist, den Spielort weniger konkret als allgemeingültig zu präsentieren.

Calvary will keine lustige Geschichte über verschrobene Iren erzählen, sondern viel größere Fragen nach dem Umgang mit der Kirche aufwerfen. Die Gespräche zwischen James und seinen (schwarzen) Schäfchen formulieren berechtige Fragen, auf die der Zuschauer seine eigenen Antworten finden muss. Wenn es einen Gott gibt, warum gibt es dann Unglück und Not? Ist auch der Sünder von Gott geschaffen? Was bedeutet Vergebung und wem wird sie zuteil? Und kann die Kirche auf diese Fragen wirklich eine Antwort geben?

(Sophie Charlotte Rieger)

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