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Brides

Die Gefängnisse Georgiens sind laut eines Monitorings der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte aus dem Jahre 2010 (www.igfm.de/laender/russland-gus/haftbedingungen-2010) keine Besserungsanstalten, sondern menschenunwürdige Gefangenenlager, in denen selbst die Unterbringung in den überfüllten und oft nur mangelhaft mit Licht und Luft versorgten Zellen schon eine Form der Folter darstellt. Interessanter Weise spielen die meisten in diesem Bericht benannten Missstände in Tinatin Kajrishvilis Debütfilm Brides keine Rolle. Die von ihr gewählte Perspektive ist nicht die eines Insassen, sondern die seiner Frau.

(Still aus Brides - Courtesy: Internationale Filmfestspiele Berlin)

Wie viele andere nutzt Nutsa (Mari Kitia) eine neue Gesetzesregelung, die es ihr erlaubt, ihren inhaftierten Mann Goga zu heiraten und durch das neu etablierte Verwandtschaftsverhältnis endlich zu besuchen. Doch die lange Trennung hat Spuren hinterlassen. Nicht nur an der Beziehung der frisch Vermählten, sondern auch an der Gogas mit seinen Kindern. Die kleine Tochter erkennt den eigenen Vater nicht mehr und weigert sich schließlich, zu den monatlichen Gefängnisbesuchen mitzukommen. Noch sechs Jahre muss Nutsa warten, bis Ihr Mann wieder frei kommt. Die Zeitspanne scheint für beide unüberwindbar. Während Goga zunehmend die Hoffnung verliert, einst wieder im freien Leben Fuß zu fassen, beginnt Nutsa eine Affäre. Und dann, ganz plötzlich, gibt es eine neue Regelung: Nutsa darf eine Nacht bei Goga im Gefängnis verbringen. Können sie ihre Distanz überwinden und wieder zueinander finden?

Brides ist von der ersten Minute an ein deprimierender Film. Die Farben sind trist und bereits die Eingangsszene, in der eine Gruppe Frauen vergeblich vor den Gefängnismauern nach ihren Liebsten Ausschau hält, legt den Grundstein für das folgende Drama. Die wacklige Handkamera tut ihr Übriges, um dem Zuschauer klar zu machen, dass er hier nicht unterhalten, sondern emotional strapaziert werden soll. Während diese Form der Kameraführung augenscheinlich Unmittelbarkeit und Nähe zu den Figuren herstellen soll, führt das zuweilen übertrieben stark wackelnde Bild eher zu einer Distanzierung vom Schauspiel auf der Leinwand. Auch die Dramatik ist eine Spur zu stark forciert. So scheinen alle Ehemänner, die Nutra im Laufe des Films kennenlernt, unschuldig verurteilt oder doch zumindest mit einem unangemessenen Strafmaß belegt worden zu sein. Die unhaltbaren Zustände im Gefängnis selbst werden durch den Film nicht gezeigt, sondern lediglich durch die Protagnisten erzählt. Die Repressionen des Systems sind in erster Linie durch die Kontrollen sichtbar, denen sich Nutsa und die anderen Ehefrauen unterziehen müssen.

Tinatin Kajrishvili hat für ihr Debüt ein interessantes Thema gewählt, dem sie sich mit dem notwendigen Respekt annähert. Statt unseren Voyeurismus zu befriedigen und Szenen von Gewalt und Machtmissbrauch zu präsentieren, konzentriert sie sich ganz auf das Erleben der Ehefrau und belässt die Kritik des georgischen Haftsystems im Hintergrund. Leider gelingt es ihr dabei jedoch nur sehr bedingt, dem Zuschauer Einblick in die Erfahrungswelt Nutsas zu gewähren. Die Gefühle der stets kontrolliert und taff wirkenden jungen Frau können wir nur erahnen, weshalb die wachsende emotionale Distanz zu ihrem Ehemann, die schließlich gar zu einer Affäre führt, schwer nachvollziehbar bleibt. Nicht weil wir nicht verstünden, dass Nutra sich nach körperlicher Nähe und Gesellschaft sehnt, sondern weil der Übergang von der fast schmerzhaften Sehnsucht nach Goga zum offenherzigen Flirt zu wenig aus ihrer Figur heraus entwickelt wird und infolgedessen sprunghaft scheint. Darüber verliert auch die bedeutungsschwere Begegnung der Eheleute an Kraft. Tinatin Kajrishvili nimmt sich für diesen Teil ihrer Geschichte überproportional viel Zeit. Da jedoch auch an dieser Stelle die Nähe zu den Figuren und somit das Gefühl für die emotionale Atmosphäre der Situation fehlt, zieht sich die im Grunde zentrale Passage unangenehm in die Länge.

Schade. Brides hätte uns so viel erzählen können über das Land Georgien, sein Gefängnissystem oder allgemein über das Aufrechterhalten einer Beziehung in Anbetracht dieser herausfordernden Umstände. Ohne jedoch einen emotionalen Zugang zu diesem ganz offensichtlich als Drama konstruierten Film geboten zu bekommen, hinterlässt uns Brides bedauerlich ungerührt und ratlos.

(Sophie Charlotte Rieger)

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