14 11/02

Blind Massage

Der Blinde als fiktionale Figur hat schon eine lange Tradition. Nicht nur in der Literatur - wie bei José Saramagos Roman Die Stadt der Blinden - sondern auch längst im Kino. Denken wir an den Fürsten in Kurosawas Ran, den blinden Fotograf in Jocely Moorhaus' Proof, Al Pacino in Der Duft der Frauen oder erst kürzlich Alexandra Maria Lara in Imagine von Andrzej Jakimowski. Dabei inszenieren Filmemacher den Sehverlust häufig als dramatischen Schicksalsschlag und laufen Gefahr reine Betroffenheitsstudien zu zeigen. Der chinesische Autorenfilmer Lou Ye (Mystery, Summer Palace) hat mit seinem neusten Film diese formalen Falltüren vermieden. Mehr noch: Er fügt mit seinem sehnsuchtsvollen Blind Massage dem Topos des Blinden im Kino eine neue, aufregende Betrachtungsweise hinzu.

(Still aus Blind Massage, Copyright: Travis Wei)

Blind Massage basiert auf einem Roman des Schriftstellers Bi Feiyu und spielt vor allem in einer kleinen Massagepraxis im Herzen der chinesischen Metropole Nanjing. Wie eine weibliche Off-Stimme erklärt, hat die Praxis regen Zulauf "in Zeiten des großen Geldes". Die Reichen legen sich hier gerne auf die Matte und begeben sich in fachmännische Hände. Das besondere an den Mitarbeitern: Sie sind alle blind. Kurz und ohne herkömmliche Exposition stellt uns der Film einige vor. Darunter vor allem den jungen Xiao Ma, der sich umbringen wollte, als die Ärzte ihm mitteilten, dass er nie wieder sehen wird. Für ihn und alle Mitarbeiter ist die Massagepraxis ein Ort der Anerkennung. Zwischen den Männern und Frauen der Belegschaft entstehen Freundschaften. Aber der Welt der Blinden, die Dunkelheit, in der sie leben, ist auch voller Begehren und Leidenschaft.

Lou Ye erzählt fragmentarisch, folgt mal dem einem Mitarbeiter, dann einem anderen. Doch der Großteil des Films spielt in der Praxis und lotet die großen Verwirrungen der Gefühle der blinden Masseure aus. Er interessiert sich nicht für ihre Geschichte oder die Umstände ihrer Blindheit. Blind Massage ist zum Glück auch keine Allegorie auf die chinesische Gesellschaft. Diese Figuren sind keine plakative Metapher auf das entrechtete Individuum. Lou Ye ist dafür viel zu klug. Er will, dass wir das Leben dieser Menschen erfahren, will, dass wir in ihren Konflikten aufgehen und begreifen, dass das Verlieben und Entlieben genauso schön und schmerzhaft sein kann, wie unter den Sehenden. So öffnet der Film uns die Tür zu einer Welt, die uns fremd ist. Und diese Fremde erweist sich als vertraut. Es ist ein Film voller poetischer Gleichungen und Erkenntnisse, wie etwa diese:

Sie: Was ist der Unterschied: Ein Auto kommt auf dich zu oder ein Mensch kommt auf dich zu?
Er: Das eine mal ist es ein Auto. Das andere mal ein Mensch.
Sie: Nein, wenn das Auto dich anfährt ist es ein Unfall. Wenn du mit einem Menschen zusammenstößt ist es Liebe.

Das Kino als Erfahrungsraum ist bei Lou Ye stets eine Quelle ungeahnter Lektionen. Beispielweise diese: Wie beschreibt man Liebe ohne ein visuelles Verständnis von Schönheit? Im Film sagt dazu einer der Praxismitarbeiter den unvergesslichen Satz: "Liebe ist wie Schweinegulasch." Liebe als unvergesslicher Geschmack, als Aroma der Zuneigung. Wie genial!

(Still aus Blind Massage, Copyright: Travis Wei)

Zudem erweist sich Lou Ye erneut als aufregender Stilist. Seine bewegliche Kamera zeigt in Blind Massage immer die Hände der Figuren, fokussiert auf ihre Schultern und Gesichter, ertastet so ihren Alltag. Mal verwischt das Bild an den Rändern, die Farben bekommen etwas Milchiges und Undurchdringbares. Damit will der chinesische Filmemacher nicht das Blindsein imitieren, sondern den Seelenzustand seiner Protagonisten in Bilder fassen. Das gleiche gilt für die Tonspur, auf der sich die traurigen Instrumentalklänge des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson mit stark überhöhten Alltagsgeräuschen mischen. Daraus entwickelt Ye einen sehnsüchtigen Bilderstrom, der die Verwirrung der Gefühle so unmittelbar macht, wie man es aus dem asiatischen Kino gewöhnt ist. Überhaupt etabliert Lou Ye nun endgültig als wichtigster chinesischer Autorenfilmer neben seinem Kollegen Jia Zhang-ke.

Am Ende dieser - zugegebenermaßen, leidenschaftlich konfusen - Gedankenansammlung zu diesem außergewöhnlichen Film noch kurz der Versuch den Film auf einen Nenner zu bringen. Lou Ye macht uns die Innenansichten der Blinden erfahrbar, indem er uns für einen Augenblick blind für unsere eigene Welt werden lässt.

(Patrick Wellinski)

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