14 08/02

'71

Man kennt Filme wie diesen, meint ihn schon im Zusammenhang mit anderen Konflikten und Kriegen gesehen zu haben - vor allem auch deshalb, weil einem immer wieder Francis Ford Coppolas Apocalpyse Now als Blaupause und Bezugsgröße zu Yann Demanges Debüt 71 in den Sinn kommt. Letzten Endes meint man sogar, das dieser Film in einem anderen setting, mit anderen Uniformen, anderen Namen, anderen beteiligten Parteien überall auf der Welt spielen könnte - und doch ist dieser Film so detailgetreu eindeutig im Nordirland-Konflikt angesiedelt, dass genau dies seine Qualität und Wucht ausmacht - seine Konzentration auf das Spezifische und sein Allgemeingültigkeit, die das Wesen des Krieges im Allgemeinen und des Bürgerkrieges im Besonderen auf drastische Weise verdeutlicht.

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(Bild aus '71, Courtesy: Berlinale 2014)

Doch der Reihe nach: Gary Hook (Jack O'Connell) ist ein junger britischer Soldat, dessen Einheit im Jahre 1971 statt wie zunächst versprochen nach Deutschland nach Nordirland versetzt wird. Zu diesem Zeitpunkt hat der Konflikt zwischen der katholisch geprägten IRA und den Protestanten seinen Höhepunkt erreicht, die nordirische Hauptstadt Belfast ist eine Stadt im permanenten Kriegszustand, in der Tag für Tag Bomben detonieren, Schüsse fallen, Unruhen ausbrechen. Gleich beim ersten Einsatz seiner Einheit, die eine Hausdurchsuchung der pro-britischen RUC (Royal Ulster Constabulary) unterstützen soll, eskaliert die Situation derart, dass Garys Kamerad vor seinen Augen erschossen wird und der junge, naive Soldat verwundet hinter die feindlichen Linien gerät. Ohne Hilfe von außen und ohne genaue Kenntnis der konfusen Situation, die neben dem Hauptkonflikt auch von einem Streit der IRA mit den radikaleren Kämpfern der Provisional IRA (Provos) geprägt wird und in der auch noch der britische Geheimdienst seine schmutzigen Spielchen treibt, versucht sich Gary über die Nacht zu retten und muss schnell feststellen, dass er in dieser Stadt, die ihm vollkommen fremd ist, niemandem trauen kann.

(Bild aus '71, Courtesy: Berlinale 2014)

Es ist beeindruckend, wie der Regiedebütant Yann Demange sein Handwerk beherrscht: Immer wieder versteht er es, die Desorientierung seines Helden wider Willen mit eindrucksvollen Bildern nachvollziehbar und spürbar zu machen, wobei vor allem die Soundebene hier einiges dafür leistet, das Gezeigte wirkungsvoll zu unterstützen: Ein markantes musikalisches Hauptthema, das nur aus wenigen Takten besteht, wird abgelöst von tieffrequenten elektronischen Tönen, die gleichermaßen treibend wie bedrohlich wirken. Als dann eine Bombe in unmittelbarer Nähe zu Gary explodiert, verdeutlicht das Sounddesign die Beeinträchtigung seines Gehörs durch minutenlanges Brummen und eine taumelnde Kamera. Wie die Hauptfigur, befindet sich auch der Zuschauer in einem permanenten Gefühl der Anspannung, weil der psychische Druck und die Allgegenwart der Gewalt jederzeit spürbar sind.

Eher parabelhaft als realistisch, dabei aber niemals unglaubwürdig aufgrund der Gedrängtheit des Zeitraums, in dem die Geschichte spielt, verdichtet der Film die politische Situation des Jahres 1971 mit den Frontlinien, die zum Teil durch das eigene Lager gehen: Die katholische Seite ist ebenso gespalten und mit Flügelkämpfe beschäftigt wie die protestantische - und so kann man eigentlich nie sagen, wer als nächstes welchen Winkelzug machen wird. Als eine "konfuse Situation" bezeichnet Hooks Vorgesetzter später die Ereignisse, bei denen einiges vertuscht werden soll - und das ist gelinde gesagt noch untertrieben. Am Ende dieser Nacht wird Gary jedenfalls jegliche Naivität und all seinen eventuell noch vorhandenen Idealismus im Bezug auf seinen Einsatz verloren haben.

(Joachim Kurz)

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