Kolumnen https://www.kino-zeit.de/news-features/themen/kolumnen de Die neue Idee des Bösen https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/die-neue-idee-des-boesen <span>Die neue Idee des Bösen</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>18.06.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Wenn man Horrorfilme mag, gerät man oft und schnell in Erklärungsnot. Wieso denn gerade Horror? Das ist doch voll gruselig/grausam/verstörend – oder total unglaubwürdig/dumm/vorhersehbar! Ja, das stimmt bedauerlicherweise ziemlich oft. Vermutlich muss man sich in keinem anderen Genre durch so viel kinematografischen Unrat wühlen, um gelegentlich mit einem richtig guten Werk belohnt zu werden. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-06/KolumneHeader.jpg?itok=89ocEf0i" width="940" height="530" alt="Hereditary - Bild" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Splendid Film/24 Bilder</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">Toni Collette in &quot;Hereditary – Das Vermächtnis&quot;; Copyright: Splendid / 24 Bilder</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Doch was macht ein Werk zu einem „guten“ Werk? Das ist schwer in Worte zu fassen. Gewiss hat es etwas damit zu tun, ob ein Film mir etwas Neues bietet – beziehungsweise einen neuen Zugang zu etwas Altem findet. Im Bereich des Horrors bedarf es natürlich stets einer Bedrohung. Und es muss Figuren geben, die damit konfrontiert werden.</p> <p>Etliche Genre-Vertreter begehen den Fehler, das eine oder das andere allzu nachlässig zu zeichnen. Öde Spukgestalten mit austauschbarer Agenda in einem beliebigen <i>haunted house</i>, stumme Maskenmänner ohne Charakter in irgendwelchen Vorstädten oder Hütten im Wald, computeranimierte Monster aus den Tiefen des Meeres<b> </b>oder den Weiten des Alls, die letztlich immer an die Kreationen von HR Giger erinnern, jedoch nie deren Wucht erreichen … Das und Ähnliches genügt mir – und sicher auch vielen anderen – leider nicht, um intensive Spannung zu verspüren. Ebenso vermag das reizvollste Horror-Setting und die schaurigste Gefahr nicht recht zu wirken, wenn ein Personal zum Einsatz kommt, das mich überhaupt nicht interessiert: törichte Nervensägen, deren Handeln ich nicht nachempfinden kann, oder soapig agierende Familienmitglieder, an deren Verhalten mir gar nichts lebensecht erscheint.</p> <p> </p> <h4><b>Menschen in Angst</b></h4> <p>Was komplexe Horrorfilmfiguren betrifft, fallen mir insbesondere die Protagonist_innen aus den 1970er Jahren ein: etwa die von Ellen Burstyn mit Verzweiflung, Wut und bewundernswerter Energie gespielte Chris MacNeil in William Friedkins <b><a href="/film-kritiken-trailer/der-exorzist">Der Exorzist</a> </b>(1973), deren jugendliche Tochter Regan (Linda Blair) plötzlich von einem Dämon besessen ist, oder der wasserscheue, zurückhaltende Chief Martin Brody (Roy Scheider) und seine beiden aggressiveren Mitstreiter Captain Quint (Robert Shaw) und Matt Hooper (Richard Dreyfuss) im Kampf gegen einen sehr gefräßigen<b> weißen Hai</b> (1975).</p> <figure role="group"><img alt="Ellen Burstyn in Der Exorzist; Copyright: Warner Bros. Entertainment" data-entity-type="file" data-entity-uuid="2f228326-f21b-4f2c-92b0-a33c06266896" src="/sites/default/files/inline-images/Exorzist.jpg" /><figcaption>Ellen Burstyn in <strong>Der Exorzist</strong>; Copyright: <em>Warner Bros. Entertainment</em></figcaption></figure><p> </p> <p>Dies sind Figuren, um deren Wohl ich beim (wiederholten) Zuschauen tatsächlich gebangt habe, da ich mich gänzlich in deren Situationen hineindenken konnte, obschon mein Leben ein völlig anderes ist. Es sind Menschen mit Ecken und Kanten, die eigentlich auch ohne Dämonen oder Haie schon genug glaubhafte, nachvollziehbare Ängste und Probleme haben und nun in Extremsituationen geworfen werden, in welchen sie sich behaupten müssen.</p> <p>Die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind, finde ich ebenfalls klug gewählt. Gewiss ist <b>Der Exorzist </b>in der Entfaltung seiner Geschichte dramaturgisch ziemlich uneben – und gewiss arbeitet <b>Der weiße Hai </b>mit einer offensichtlichen Attrappe und bedient sich einer reichlich übertriebenen Dämonisierung des titelgebenden Tieres. Doch die Art und Weise, wie die Gefahr in das städtische Heim oder den idyllischen Badeort dringt, hat(te) für mich etwas zutiefst Erschreckendes, weil das Umfeld von Chris und Regan beziehungsweise von Martin und dessen Familie individuell ausgestaltet wird. Es ist <i>deren</i> Leben, das hier völlig zerstört werden könnte; es ist <i>deren</i> drohender Verlust, dem sich die Filme ganz konkret widmen.</p> <p> </p> <h4><b>Der (grausame) Zufall möglicherweise</b></h4> <p>Was indes bei aller ausgefeilten Figuren- und Milieuzeichnung in diesen Filmen bleibt, ist die Zufälligkeit. Statt Chris und Regan oder Martin hätte es auch andere Leute treffen können, die sich mit dem Dämon Pazuzu oder dem hungrigen Killerfisch abquälen müssen. Das Böse hat im Grunde gar nichts mit den Personen, über deren Welt es hereinbricht, zu tun. Alles ist – um es mal ganz salopp zu formulieren – einfach nur richtig blöd gelaufen für das Mutter-Tochter-Duo in Georgetown beziehungsweise den Polizisten in Amity.</p> <p>Einerseits ist diese Beliebigkeit gruselig, da sie bedeutet, dass auch <i>mich</i> jederzeit eine solche Gefahr (be-)treffen könnte. Doch andererseits hat sie etwas Entschärfendes. Der Dämon kann Regan (oder <i>mir</i> oder <i>euch</i>) ausgetrieben werden; sie ist am Ende wieder eine nette, unschuldige junge Frau. Das blasphemisch und obszön herumschreiende und sich bizarr krümmende Wesen, in welches sie sich verwandelt hatte, war nie wirklich sie selbst. Zwar forderte die ganze Angelegenheit menschliche Opfer und wurde unnötigerweise in der Fortsetzung <b>Exorzist II – Der Ketzer </b>(1977) mit deutlich weniger Schwung wiederholt – aber insgesamt wird mir vermittelt: Die Dunkelheit kann bezwungen werden! Dass Regan das Gute und Pazuzu das Böse ist, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Und auch der Hai kann besiegt werden (und in den Folgeteilen dann noch mal und noch mal …). Er kann aus dem Leben der Brody-Familie bei allem Schaden, den er im Laufe von 4 Teilen zu verursachen vermag, immer wieder verschwinden. Aus diesen Filmen habe ich quasi gelernt: Wenn dich ein Dämon heimsucht, wende dich schnell an einen prominent besetzten Priester; wenn du Begegnungen mit Haien vermeiden willst, ziehe lieber nicht ans Meer.</p> <figure role="group"><img alt="Robert Shaw, Roy Scheider und Richard Dreyfuss in Der weiße Hai; Copyright: Universal Pictures" data-entity-type="file" data-entity-uuid="97be706d-2de2-4149-a40a-cbacd8911f30" src="/sites/default/files/inline-images/Hai.jpg" /><figcaption>Robert Shaw, Roy Scheider und Richard Dreyfuss in <strong>Der weiße Hai</strong>; Copyright: <em>Universal Pictures</em></figcaption></figure><p> </p> <h4><b>Das Böse bin ich – oder nicht?</b></h4> <p>In wenigen filmischen Fällen ist das Böse so eng mit den Hauptfiguren verbunden, dass die Grenzen auf unbehagliche Weise verwischen. In <b><a href="/film-kritiken-trailer/carrie-1976-blu-ray">Carrie</a> </b>(1976) von Brian De Palma entdeckt die Protagonistin das (vermeintlich) Böse in sich selbst – in zerstörerischen Kräften, die im blutigen Finale vielen Menschen das Leben kosten. Das Umfeld von Carrie White (Sissy Spacek) – die fanatisch religiöse Mutter sowie die mobbenden Mitschüler_innen – werden indes derart monströs gestaltet, dass rasch begreiflich wird: Das Böse, das sind eigentlich doch die anderen.</p> <p>Ähnliches gilt für die facettenreiche <i>Coming-of-Age</i>-Fantastik, in welcher das Vampirische, Werwölfische oder gar Kannibalische im (meist juvenilen) Personal hervorbricht. In Wes Cravens<b> <a href="/film-kritiken-trailer/a-nightmare-on-elm-street-1984">Nightmare – Mörderische Träume</a> </b>(1984) ist die Gefahr in Gestalt von Freddy Krueger zwar im Inneren – im Kopf, in den Albträumen – der adoleszenten Heldin Nancy (Heather Langenkamp), und überdies scheint der Kampf gegen den garstigen Klingenmann ziemlich aussichtslos. Aber dass eine Auseinandersetzung möglich ist, in welcher das Gute dem Bösen tapfer die Stirn bietet (und dass dabei auf die üblichen Klischees zurückgegriffen werden kann), steht zu keiner Sekunde außer Frage. So bleibt mir auch hier bei allem Unbehagen in der Identifikation mit den Hauptfiguren die Gewissheit: Ich stehe zum Glück auf der guten (oder zumindest der eindeutig besseren) Seite.</p> <figure role="group"><img alt="Sissy Spacek in Carrie; Copyright: United Artists" data-entity-type="file" data-entity-uuid="b69543ad-3648-4158-b537-defe940cfd0e" src="/sites/default/files/inline-images/Carrie.jpg" /><figcaption>Sissy Spacek in <strong>Carrie</strong>; Copyright: <em>United Artists</em></figcaption></figure><p> </p> <h4><b>Die Unschuld verlieren</b></h4> <p>In zwei Filmen, die bei mir und zahlreichen weiteren Zuschauer_innen ein veritables Trauma ausgelöst haben, liegen die Dinge hingegen etwas anders. In ihnen ist alles perfider und durchdringender. Der erste Film ist <b><a href="/film-kritiken-trailer/it-follows">It Follows</a> </b>(2014) von David Robert Mitchell. Darin erlebt die 19-jährige Jay (Maika Monroe) ihr erstes Mal – um danach von ihrem Sexualpartner zu erfahren, dass er etwas auf sie übertragen hat. „Es“ werde sie nun so lange verfolgen und zu töten versuchen, bis sie „es“ – ebenfalls auf sexuellem Wege – an eine andere Person weitergegeben habe. Sollte diese Person allerdings sterben, kehre „es“ wieder zu ihr zurück. Dabei könne „es“ die Gestalt eines jeden Menschen annehmen.</p> <p>Unfassbar gruselig ist nicht nur, dass Jay fortan tatsächlich von apathischen Personen (mal fremd, mal vertraut) attackiert wird und damit sämtliche Gewiss- und Sicherheiten für sie wegbrechen – sondern dass Jay selbst zum Bösen werden muss, um das Böse loszuwerden. Wenn sie und ihr Freund Paul (Keir Gilchrist) am Ende des Films durch die suburbanen Straßen laufen, sind sie nicht mehr die Guten, die Schuldlosen. Anders als Regan oder Martin haben sie einen Teil des Bösen in sich aufgenommen. „Es“ mag ihnen (vorerst) nicht mehr folgen; doch „es“ wird fortan immer irgendwie <i>in</i> ihnen sein. Nach der Sichtung von <b>It Follows </b>wurde ich nicht nur (vorübergehend?) <a href="https://www.kino-zeit.de/news-features/features/advent-advent-andreas-koehnemann-ueber-it-follows">zum Paranoiker</a>; die Geschichte ließ mich auch mit der Erkenntnis zurück, dass es Formen des Bösen gibt, die sich nicht vollständig überwinden lassen, die an mir und meinem Umfeld haften bleiben können.</p> <figure role="group"><img alt="Maika Monroe in It Follows; Copyright: Weltkino Filmverleih" data-entity-type="file" data-entity-uuid="01af70f7-7ede-48f9-b362-3c81c4201f14" src="/sites/default/files/inline-images/ItFollows.jpg" /><figcaption>Maika Monroe in <strong>It Follows</strong>; Copyright: <em>Weltkino Filmverleih</em></figcaption></figure><p> </p> <h4><b>Das Hässlichste kommt zum Vorschein</b></h4> <p>Noch einen kühnen Schritt weiter geht <b><a href="/film-kritiken-trailer/hereditary-das-vermaechtnis-2018">Hereditary – Das Vermächtnis</a> </b>(2018). Das Langfilmdebüt von Ari Aster schlug bereits zu Beginn des Jahres auf dem <i>Sundance Film Festival</i> hohe Wellen – aber das tat <b><a href="/film-kritiken-trailer/the-blair-witch-project-blu-ray">Blair Witch Project</a> </b>(1999) seinerzeit auch, um sich dann als enervierende Aneinanderreihung unansehnlicher Wackelkamerabilder zu erweisen, in denen ein unsympathisches Trio durch den Wald irrt und Unsinn redet. <b>Hereditary </b>wird seinem Hype indes gerecht.</p> <p>Das Werk erzählt von Trauer und Schuld(-gefühlen). Vor allem befasst es sich jedoch mit unseren Abgründen und mit den Dingen in uns, denen wir uns niemals stellen wollen, weil sie uns nicht nur Angst machen, uns nicht nur unangenehm-peinlich und zuwider sind, uns nicht nur unendlich traurig machen – sondern weil sie unser ganzes Leben, all unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unser Selbstbild infrage stellen. Anders als in <b>It Follows </b>ist das Böse hier von Anfang an <i>in</i> den Figuren, ist untrennbar mit ihnen verknüpft.</p> <p>Wenn Peter (Alex Wolff), der Sohn der zentralen Familie, in seinem Klassenzimmer in einer Glasscheibe sich selbst mit einer diabolisch grinsenden Fratze sieht, lässt sich kaum sagen, welches Gesicht wohl Peters „wahres“ Gesicht ist. In diesem Moment wurde mir in meinem Kinosessel klar, dass <i>das</i> nun wirklich die ultimative Horror-Szene ist: Wenn man vor dem Bösen erschrickt, weil man selbst das Böse ist. Keine Auslöschungsmöglichkeit, keine Abspaltung, noch nicht einmal ein Vorher und Nachher (wie bei <b>It Follows</b>) sind abmildernd denkbar. Beim (US-)Publikum stieß <b>Hereditary – Das Vermächtnis </b>teilweise auf <a href="https://www.hollywoodreporter.com/heat-vision/why-hereditary-is-dividing-movie-audiences-1118755">massive Ablehnung</a>; ich gehöre augenscheinlich zu den Menschen, die das Kino als einen Ort der rabiaten Konfrontationstherapie begrüßen.</p> <figure role="group"><img alt="Alex Wolff in Hereditary – Das Vermächtnis; Copyright: Splendid / 24 Bilder" data-entity-type="file" data-entity-uuid="38959ad9-f9e4-420e-a61d-10c5190a2e60" src="/sites/default/files/inline-images/Hereditary2.jpg" /><figcaption>Alex Wolff in <strong>Hereditary – Das Vermächtnis</strong>; Copyright: <em>Splendid / 24 Bilder</em></figcaption></figure><p> </p> <p>Gewiss gibt es immer noch gelungene Horrorfilme, die nach dem klassischen Gut-Böse-Prinzip funktionieren. Allerdings finde ich diese oft genau dann eher schwach, wenn sie die rigide Dichotomie allzu sehr hervorheben. So zum Beispiel <b><a href="/film-kritiken-trailer/a-quiet-place">A Quiet Place</a> </b>von John Krasinski. Wenn es darin um den Kampf mit dem eigenen Körper, mit den eigenen Bewegungen und Lauten geht, um den aggressiv-geräuschempfindlichen Aliens nicht zum Opfer zu fallen, ist das Werk überaus stark – da die Figuren auch ihre eigenen Feind_innen sind. Alles, was sie tun, jeder Atemzug, jede Regung, jeder Ton, kann gegen sie arbeiten. Wenn hingegen in der Kollision mit den feindlichen Außerirdischen voller Pathos selbstlose Heldentaten verübt werden oder in der Schlusseinstellung grimmig das Gewehr entsichert wird, um entschlossen ins Gefecht zu ziehen, sind das enttäuschend leere Leinwand-Posen, die mir überhaupt nichts geben.</p> <p>Ein Hai muss in der heutigen Kinolandschaft leider mindestens ein Megalodon sein, um noch als filmisches Spektakel ins Rennen geschickt zu werden (siehe <a href="/film-kritiken-trailer/the-meg-2018"><b>The Meg</b></a>); ein Dämon muss inzwischen meist schon viral gehen, um noch als Schocker angepriesen zu werden (siehe etwa <a href="/film-kritiken-trailer/truth-or-dare"><b>Blumhouse präsentiert: Wahrheit oder Pflicht</b></a>). Dabei reichen doch nach wie vor minimale Mittel aus, um uns im Innersten zu erschüttern – wenn es um die Angst vor uns selbst geht. Nach (Horror-)Filmen dieser Art werde ich selbstverständlich weiter suchen – und mir auf der Suche danach sicher wieder etlichen unspannenden Quatsch ansehen müssen.</p> </div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/personen/maika-monroe-0" hreflang="de">Maika Monroe</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/sissy-spacek-0" hreflang="de">Sissy Spacek</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/ellen-burstyn" hreflang="de">Ellen Burstyn</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/kolumne" hreflang="de">Kolumne</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/horrorfilm" hreflang="de">Horrorfilm</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/it-follows" hreflang="de">It follows</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/der-exorzist" hreflang="de">Der Exorzist</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/der-weisse-hai" hreflang="de">Der weiße Hai</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42710&amp;2=comment&amp;3=comment" token="ZO9Q8ffXvH8QhUKV5yP2MjOGyp9XtjVLOR7BWcjH6mc"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/die-neue-idee-des-boesen" data-a2a-title="Die neue Idee des Bösen"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/andreas-koehnemann-2" hreflang="de">Andreas Köhnemann</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-06-20T06:00:00Z">20.06.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Horrorfilme erzählen uns seit jeher vom Bösen – und wie wir es bekämpfen. Wirklich interessant wird es aber meist erst dann, wenn wir das Böse in uns selbst erkennen.</p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Mon, 18 Jun 2018 09:32:44 +0000 KatrinDoerksen 42710 at https://www.kino-zeit.de Not quite Spielberg – Jurassic Park und seine Nachahmer https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/not-quite-spielberg-jurassic-park-und-seine-nachahmer <span>Not quite Spielberg – Jurassic Park und seine Nachahmer</span> <span><span lang="" about="/user/67" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Andreas Köhnemann</span></span> <span>06.06.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p><span><span>Im Rückblick wurden kulturkritische Befürchtungen über die 1993 anrollende Dino-Welle zugleich bestätigt und widerlegt. <strong><a href="/film-kritiken-trailer/jurassic-park-3d">Jurassic Park</a></strong> war bahnbrechend: Die unwiderrufliche Installation des postmodernen Blockbusters, das stolze Triumphieren digitalen Filmemachens, der letzte Pinselstrich an einem Landschaftsbild voller Amblin- und Lucasfilm-Produktionen. Den Architekten des Tentpole-Kinos aber ist dieses Erbe offenbar unangenehm. Steven Spielberg, George Lucas und James Cameron warnen abwechselnd vor Implosion und Übersättigung durch Marvelwood, obwohl ihre Vier-Quadranten-Spektakel die heutige Dominanz der Superhelden- und Sternenkriegsfilme erst möglich machten.</span></span></p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-06/Jurassic.jpg?itok=RPD39yvZ" width="940" height="530" alt="Szene aus &quot;Jurassic Park&quot;" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Universal Pictures International Germany GmbH</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">Szene aus &quot;Jurassic Park&quot;</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p><span><span><span>Andererseits wirken solche Kinoevents eher mickrig, wenn man das Relevanzgetue um kommerzielle Bestmarken ins Verhältnis zum kollektiven Phänomen der Spielberg-Saurier setzt. Avengers und Co. mögen Einspielrekorde brechen, doch selbst in Branchenkreisen taugen sie kaum als längeres Gesprächsthema. <strong>Jurassic Park</strong> war Gegenstand filmischer und pädagogischer Diskurse. Ein Film nämlich, den tatsächlich jeder sah und scheinbar auch sehen musste, der kindliches Sehnsuchtsobjekt und elterliches Schreckgespenst wurde. Er brachte TV-Sondersendungen auf den Weg sowie eine ziemlich deutsche Debatte um Altersfreigaben. Und natürlich wollten alle was vom Kuchen abhaben. RTL passte damals sein gesamtes Programm der „Dino-Mania“ an.</span></span></span></p> <p><span><span><span>Findig waren jene, die den Hype antizipierten. Produzent Roger Corman brachte mit <strong>Carnosaurus</strong> das erste Ripoff drei Wochen vor <strong>Jurassic Park</strong> in die US-Kinos, gedreht wurde der ungleich blutrünstigere Dino-Slasher für ein Achtzigstel des Spielberg-Budgets. Hemmungslos knabbert sich darin ein genmanipulierter T-Rex durchs Knallchargenensemble, als wolle der Film nur die eigentliche dramaturgische Struktur des Vorbilds offen legen. Auch <strong>Carnosaurus</strong> greift auf das Mad-Scientist-Motiv zurück, präsentiert jedoch eine von Misanthropie angetriebene Wissenschaftlerin, deren Plan die Rückeroberung des Planeten durch Saurier ist. Frauen werden zu Dino-Gebärmaschinen, Männer zu Nahrung der Jungen. In den Fortsetzungen ging es sogar noch wüster zu.</span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/M0wP4rP6R70?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>(Trailer zu <span><span><span><strong>Carnosaurus</strong></span></span></span>)</p> <p> </p> <p><span><span><span>Corman besetzte die Hauptrolle mit Diane Ladd, Mutter der im <em>Jurassic Park</em> gefangenen Laura Dern. Es war ein bewusster, auf sympathische Weise großkotziger Link, der später mutmaßlich unbewusst neu gesetzt wurde – sofern die Verpflichtung von Bryce Dallas Howard für <strong>Jurassic World</strong> tatsächlich nicht an <strong>Carnosaurus</strong> erinnern sollte, in dem ihr Onkel Clint Howard einen schönen Tod starb. Frühzeitige Querverbindungen zum großen Dino-Franchise organisierte vor allem Steven Spielberg selbst. Die erste von bislang 14 (!) Fortsetzungen zu <strong>In einem Land vor unserer Zeit</strong> erschien 1994, kurz nach Kinostart des ebenfalls von ihm produzierten Animationsfilms <strong>4 Dinos in New York</strong>. Am Trittbrettfahrergeschäft verdiente der Initiator doppelt mit.</span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/pQ2QoWQLBUY?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>(Trailer zu <span><span><span><strong>In einem Land vor unserer Zeit</strong></span></span></span>)</p> <p> </p> <p><span><span><span>Kuriose Ripoffs gab es seinerzeit viele, von Fred Olen Rays und Jim Wynorskis <strong>Die Insel der Riesen-Dinosaurier</strong> bis zum 34 Millionen Dollar teuren und trotzdem nur auf Video veröffentlichten <strong>T-Rex</strong> mit Whoopi Goldberg. Keines erreichte allerdings die deliranten Qualitäten von <strong>Tammy and the Teenage T-Rex</strong>, einem sonderbaren Gemisch aus High-School-Komödie, Splatterfilm und Romanze. Denise Richards und Paul Walker führen eine heimliche Beziehung, die eifersüchtige Ex-Freunde sowie verrückte Wissenschaftler auf den Plan ruft: Der Junge stirbt an einem Löwenangriff, die Leiche wird entführt und das Gehirn in einen elektronisch gesteuerten Tyrannosaurus verpflanzt. Es geht, kurz gesagt, um eine verunmöglichte Liebe zwischen Mensch und Dinopuppe. </span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/3XsQD7I3KYA?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>(Trailer zu <span><span><span><strong>Tammy and the Teenage T-Rex</strong></span></span></span>)</p> <p> </p> <p><span><span><span>Mittels Zeichensprache erklärt der Saurierjunge dem Mädchen in der verrücktesten Szene des Films seine Misere, was nicht zu ungläubigem Staunen, sondern rascher Erkenntnis über die Wichtigkeit innerer Werte führt. Um das jugendliche Publikum von <strong>Jurassic Park</strong> anzusprechen, wurden die meisten Brutalitäten aus <strong>Tammy and the Teenage T-Rex</strong> kurz vor Veröffentlichung entfernt (ein Blick auf die ungekürzte italienische Fassung lohnt sich), wodurch die verbliebenen, kurzerhand familienfreundlich gemachten Anzüglichkeiten noch mehr irritieren. Einmal stürmt der T-Rex eine Party und reißt sexhungrigen Teenagern die Gedärme heraus. Auf dem Höhepunkt des Dino-Hypes schien damals fast alles möglich.</span></span></span></p> <p><span><span><span>Seine Wiederbelebung erfuhr das Geschäft mit Dino-Ripoffs durch den Erfolg von <a href="/film-kritiken-trailer/jurassic-world"><strong>Jurassic World</strong></a>, dessen weltweite Kinoeinnahmen sich auf 1,7 Milliarden Dollar beliefen. Noch zu Beginn der 1990er Jahre organisierten die B-Movie-Produzenten Roger Corman, Charles Band und Menahem Golan ihre Unternehmen wie alte Hollywoodmogule. Sie kämpften um jede Kinoauswertung, obwohl der Videomarkt längst das einträglichere Business war, und investierten sowohl in Epigonentum als auch neue absonderliche Ideen. Heute dreht die auf „intendierten“ Trash spezialisierte Mockbuster-Schmiede <em>The Asylum</em> mit Budgets unter 500.000 Dollar ausschließlich für den Heimkinosektor. Sowohl billige als auch teure Saurierfilme veranschaulichen den Wandel der Produktionsökonomien in Hollywood.</span></span></span></p> <p><span><span><span>Bei <strong>Jurassic World</strong> holten die Veröffentlichungstermine der ersten Nachahmer ihr Vorbild ebenfalls ein. Wichtig ist nicht nur die äußere Uneindeutigkeit bzw. mit fremden Federn geschmückte Etikettierung des Produkts, sondern das Timing – während die Originale noch in der Postproduktion stecken, müssen deren Kopien bereits internationale Vertriebskanäle fluten. So erschien <strong>Jurassic City</strong> in Deutschland und den USA vor Spielbergs eigenem Dino-Reboot, die Produzenten konnten dafür den Fernsehriesen Canal+ als Partner gewinnen. Es geht um militärisch hochgerüstete Velociraptoren, die in einem Gefängnis auf leicht bekleidete Studentinnen und Serienmörder treffen. Klingt natürlich super, aber der Film stellt damit leider nichts an.</span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/eFxiY7Iq2RA?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>(Trailer zu <strong>Jurassic City</strong>)</p> <p> </p> <p><span><span><span><strong>Im Land der Dinosaurier</strong> wurde noch etwas früher als <strong>Jurassic City</strong> und mancherorts sogar im Kino ausgewertet. Regisseur Matt Drummond sammelte Erfahrungen als Visual-Effects-Artist verschiedener Saurier-Dokus (die seit <strong>Jurassic Park</strong> überall laufen) und setzt womöglich deshalb auf paläontologische Historizität. Die Dinos also erscheinen bunt, gefedert und vergleichsweise hübsch getrickst, die Geschichte über geologische Metamorphosen, magische Kristalle und zweckmäßige Zeitlöcher ist wiederum angemessen albern. Dem sympathischen Dilettantismus dieses Erstlings folgte dann eine Spielberg-Emulation der unangenehmen Art. In Drummonds <strong>Mein Freund, der Dino</strong> gerinnen Urzeit-Hype und Amblin-Touch zur Nostalgiehölle.</span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/nq1t8QeJ3rw?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>(Trailer zu <strong>Mein Freund, der Dino</strong>)</p> <p> </p> <p><span><span><span>Gewissermaßen ist dieser Film das <em>Stranger Things</em> der neuen Saurierfilme. Drummond feiert die Rückkehr zum ursprünglichen Referenzvorbild mit einstellungsgenauen Zitaten von <strong>E.T.</strong> bis <a href="/film-kritiken-trailer/unheimliche-begegnung-der-dritten-art"><strong>Unheimliche Begegnung der dritten Art</strong></a>, seine Dinos stampfen durch ein (australisches) Suburbia, in dem haufenweise altkluge Kinder wohnen. Solcher Pastiche mag ästhetisch weit entfernt sein von dreisten Mogelpackungen wie <strong>Jurassic Prey</strong>, einem Amateurvideo, das als Film verkauft statt auf <em>YouTube</em> gestellt wurde. Doch unansehnlich sind die Filme letztlich gleichermaßen. Mit der durchgeknallten Exploitation einstiger Saurier-Schnellschüsse haben weder streberhafte Nachstellungen noch liebloser Dilettantismus etwas zu tun.</span></span></span></p> <p><span><span><span>Ausgerechnet <em>The Asylum</em>, das Studio hinter ironisch verkleideten Filmen wie <a href="/film-kritiken-trailer/sharknado"><strong>Sharknado</strong></a>, beweist Mut zum Wahnsinn. Im Mittelpunkt des ziemlich unfassbaren <strong>Jurassic School</strong> steht abermals ein nerdiger Junge (für den Spielberg-Touch scheinbar unentbehrlich), dessen Dino-Kreation unerwünschte Aufmerksamkeit erregt. Unfassbar ist zum einen die Darstellung des kleinen Vogelbeckensauriers (kein animatronisches Modell, sondern eine bedeppert dreinschauende Handpuppe mit gelegentlich computergenerierter Vollansicht), zum anderen die Art, wie die Figuren mit der Schöpfung umgehen (die Schwester des Jungen macht Selfies und möchte dem Saurier die Nägel lackieren). In seinen besten Momenten erinnert <strong>Jurassic School</strong> somit tatsächlich an selige Corman-Zeiten.</span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/CME3wBT-m4o?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>(Trailer zu <span><span><span><strong>Jurassic World</strong></span></span></span>)</p> <p> </p> <p><span><span><span>Zwischen <strong>Jurassic Park</strong> und <strong>Jurassic World</strong> lagen über 20 Jahre, in denen die tricktechnischen Errungenschaften des 1993er-Films sowohl weiterentwickelt als auch profan gemacht wurden. Photorealistische Leinwandsaurier sind seither eine Konstante des amerikanischen Blockbuster-Kinos: Von Peter Jacksons <strong>King Kong</strong> bis Roland Emmerichs <strong>10.000 BC</strong>, vom lebendenden Dino-Skelett aus <strong>Nachts im Museum</strong> bis zu den Robotersauriern der letzten <strong>Transformers</strong>-Teile hat sich Spielberg darin eingeprägt. Filme wie <strong>Die Reise zum Mittelpunkt der Erde</strong> (2008) oder <a href="/film-kritiken-trailer/die-fast-vergessene-welt"><strong>Die fast vergessene Welt</strong></a> (2009) betonen, dass der bedrohliche erste Auftritt des T-Rex im Jurassic Park nicht wiederhol-, sondern allenfalls komödiantisch variierbar ist.</span></span></span></p> <p><span><span>Vielleicht war Steven Spielbergs Film deshalb Urknall und Schlusspunkt in einem. Vom Dino-Park erzählen und selbst zum Dino-Park werden – diesem Kunststück der Selbstvermarktung und Selbstreflexion konnte eigentlich nur die Normalisierung der Saurier auf großen wie kleinen Bildschirmen folgen. An ewig staunende Kinderaugen glaubt Spielberg jedenfalls schon lange nicht mehr. Im popkulturellen Totalitarismus von <a href="/film-kritiken-trailer/ready-player-one"><strong>Ready Player One</strong></a> inszenierte er die eigene Schöpfung als Sensation am Wegesrand: Auch in Spielbergs Augen ist der vor 65 Millionen Jahren die Welt und kurzzeitig auch das Kino beherrschende T-Rex nur noch eine Attraktion von vielen.</span></span></p></div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/steven-spielberg" hreflang="de">Steven Spielberg</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/jurassic-park" hreflang="de">Jurassic Park</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/dinosaurier" hreflang="de">Dinosaurier</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/jurassic-world" hreflang="de">Jurassic World</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/nachahmer" hreflang="de">Nachahmer</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42573&amp;2=comment&amp;3=comment" token="WqHIHYlI6mIlK-HG3GFz9woqspOGqT0bc6Pdo0rPEiQ"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/not-quite-spielberg-jurassic-park-und-seine-nachahmer" data-a2a-title="Not quite Spielberg – Jurassic Park und seine Nachahmer"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/rajko-burchardt-1" hreflang="de">Rajko Burchardt</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-06-14T10:39:35Z">14.06.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p><strong><span><span>Mit tricktechnisch perfektionierten Urzeittieren entfachte Steven Spielberg vor 25 Jahren einen Dino-Hype, der auch viele kuriose Trittbrettfahrer auf den Plan rief. Zum Start von „Jurassic World 2“ widmet sich Rajko Burchardt den alten und neuen Saurier-Ripoffs.</span></span></strong></p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Wed, 06 Jun 2018 11:39:35 +0000 Andreas Köhnemann 42573 at https://www.kino-zeit.de Umwege gehen https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/umwege-gehen <span>Umwege gehen</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>24.05.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Das Kino ist ein Ort der Reflexion, an dem Zuschauer*innen neue Gedanken entdecken und entwickeln können. Gesellschaftliche, politische, historische Wirklichkeit wird im Kino anderen Ansichten unterworfen und das Publikum hat Teil an diesem Prozess der Reflexion. Menschen fühlen und denken anders, wenn sie im Kino sind. Und auch wenn das Licht des Projektors ausgeht, das Saallicht langsam aufblendet und ich mich noch ganz benommen aus meinem Sessel hebe, durch das Foyer in die Nacht trete, bleibt ein anderes Denken in mir. So zumindest eine träumerische Wunschvorstellung.</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-05/tentes.png?itok=d2UrbkbK" width="940" height="530" alt="Begrabe mich, mein Schatz - Handyspiel" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Playdius Entertainment/Arte</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">Begrabe mich, mein Schatz - Handyspiel</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Dass die Realität oft anders aussieht, wird besonders deutlich in Filmen, die sich in den vergangenen Jahren der Flüchtlingskrise gewidmet haben. In Deutschland war dies mit großem Erfolg zum Beispiel <strong><a href="/film-kritiken-trailer/willkommen-bei-den-hartmanns">Willkommen bei den Hartmanns</a> </strong>(2016), aus Frankreich gab es Filme wie <a href="/film-kritiken-trailer/monsieur-claude-und-seine-toechter"><strong>Monsieur Claude und seine Töchter</strong></a> (2014) oder <strong><a href="/film-kritiken-trailer/ein-dorf-sieht-schwarz">Ein Dorf sieht schwarz</a> </strong>(2016), und mit einem etwas anderen Ton kam aus Norwegen <a href="/film-kritiken-trailer/welcome-to-norway"><strong>Welcome to Norway</strong></a> (2016). Die Liste, insbesondere französischer Wohlfühl-Integrations-Komödien, ließe sich lange fortsetzen. Sie alle aber, so unterschiedlich sie im Detail sein mögen, haben dasselbe Problem: Es sind keine politischen Filme.</p> <figure role="group"><img alt="Monsieur Claude und seine Töchter; Copyright: Neue Visionen" data-entity-type="file" data-entity-uuid="3e57cde0-9a68-48ad-a8df-105aefdd0884" src="/sites/default/files/inline-images/1202352_23b720d47479a59302f6225be54f9d24_1280re0.jpg" /><figcaption>Monsieur Claude und seine Töchter; Copyright: Neue Visionen</figcaption></figure><p> </p> <h4><strong>Sackgassen</strong></h4> <p>Bei allem finanziellen Erfolg im Kino und der entsprechenden Reichweite dieser Komödien, handelt es sich nicht um Filme, die einen gedanklichen Prozess anstoßen und damit neue Ansichten entwickeln. Im Gegenteil: Ihre Ansichten sind so staubig und alt, dass auch der leichte Witz, die stereotypen Situationen und Figuren und die humorvolle Auflösung der Probleme darüber nicht hinwegtäuschen können. Sie bedienen sich bei den öffentlichen Debatten um den Umgang mit geflüchteten Menschen lediglich als Material für ihre Pointen. Sie reproduzieren alte Bilder all dessen, was mit den Worten <em>Integration</em> und <em>Flüchtling</em> assoziiert wird, ohne am Erhalt des gesellschaftlichen Zustands und seinen dominanten Meinungen etwas zu ändern. Am Ende können die Zuschauer*innen beruhigt nach Hause gehen – die Welt ist schon in Ordnung, wie sie ist, solange wir darüber lachen können.</p> <figure role="group"><img alt="Willkommen bei den Hartmanns; Copyright: Warner Bros." data-entity-type="file" data-entity-uuid="adac3d9a-f56a-4dd4-b617-4bd809c777f1" src="/sites/default/files/inline-images/WBDH_14483_kl.jpg" /><figcaption>Willkommen bei den Hartmanns; Copyright: Warner Bros.</figcaption></figure><p>Dass die befreiende Kraft des Lachens über die eigene Borniertheit oder die Borniertheit der anderen – schau‘ mal, genau wie bei uns und Müllers! – durchaus politisch sein kann, soll damit gar nicht in Frage gestellt werden: Politisches Kino hingegen, das Veränderungen bewirken kann, sieht anders aus. Das Problem scheinen dabei aber nicht in erster Linie die Filme selbst zu sein: Es handelt sich durchweg um gelungene Komödien, deren offene und grundlegend auf Toleranz und Gemeinschaft gerichtete Weltsicht als solche kein Problem darstellt. Die eigentliche Hürde im Wege eines zeitgemäßen politischen Kinos ist vielmehr das Kino selbst.</p> <p> </p> <h4><strong>Umwege</strong></h4> <p>Dies wird besonders sichtbar, wenn eine andere Kunstform sich mit demselben Gegenstand beschäftigt: Ein <em>Mobile Game</em> wie das von Arte koproduzierte <em>Begrabe mich, mein Schatz</em><em> </em>durchstößt die gleichförmig-harmonische Oberfläche des dann doch, hach ja, irgendwie gelingenden Zusammenlebens und vermag mit ganz anderer Intensität zu bewegen. Grund dafür ist nicht, dass es andere narrative Situationen entwirft oder dass es sich bei dem Spiel nicht um eine Komödie handelt – auch ein Film wie Aki Kaurismäkis <a href="/film-kritiken-trailer/die-andere-seite-der-hoffnung"><strong>Die andere Seite der Hoffnung</strong></a> (2017) trägt nicht viel mehr zur Diskussion bei als eine durchschnittliche <em>Culture Clash</em>-Komödie.</p> <figure role="group"><img alt="Die andere Seite der Hoffnung; Copyright: Pandora Filmverleih" data-entity-type="file" data-entity-uuid="b22d6f60-856a-463b-aa4a-107570dbc3ff" src="/sites/default/files/inline-images/3-format43.jpg" /><figcaption>Die andere Seite der Hoffnung; Copyright: Pandora Filmverleih</figcaption></figure><p><em>Begrabe mich, mein Schatz</em> zieht seine immense emotionale Wucht aus dem klugen Ausschöpfen seiner medialen Bedingungen als mobiles Handyspiel: Im schlichten Interface einer Messenger-App haben die Spieler*innen als Majd die Möglichkeit, dessen Ehefrau Nour Nachrichten zu schreiben, während diese sich auf den gefährlichen Weg von Syrien nach Europa macht. Die möglichen Antworten auf die in Echtzeit über mehrere Tage verteilt eintreffenden Nachrichten von Nour sind zwar vorgegeben, ihre Auswahl bestimmt jedoch den Weg und das Schicksal der Figuren. Parallel dazu lässt sich eine an Karten-Apps angelehnte Übersichtskarte der Route anzeigen, die kurze Informationen zu den durchreisten Orten enthält.</p> <p>Die Benachrichtigungen über neue Mitteilungen werden ganz wie bei anderen Apps angezeigt, das Spiel übersteigt seinen eigenen Rahmen und dringt in den Alltag der Benutzer*innen ein, es erscheint auf dem Sperrbildschirm, am Bildschirmrand, an all den Orten, die sonst den gewöhnlichen, nicht-fiktionalen Kommunikationen gehören. Der Effekt ist beachtlich: Nours Reise, die Ungerechtigkeiten, die sie erleiden muss, die Gewalt, die sie erlebt, berühren gerade deswegen so sehr, weil ich ganz natürlich mit nervöser Spannung die nächste Nachricht erwarte, wie ich die Nachrichten anderer Menschen erwarte: Geht es ihr gut? Ist etwas passiert? Warum meldet sie sich nicht, verdammt?! – Und schließlich, je nach Ausgang der Geschichte, sitze ich erstarrt mit den Handy in der Hand da und muss erst einmal Luft holen.</p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/ZhPcBVty8iw?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>Nour wird von einer bloßen Figur in einem Messenger-Spiel über das Interface des Geräts zu meinem realen Gegenüber: die Angst um ihr Wohlergehen, die nervösen Griffe zum Smartphone, die Erleichterung, endlich von ihr zu hören, die Angst, wenn neue Nachrichten ausbleiben. Anders als die erwähnten Filme zeigt <em>Begrabe mich, mein Schatz</em> damit tatsächlich eine andere Perspektive, eine andere Ansicht der Welt, und nicht bloß die endlose Selbstbespiegelung einer sorglosen Mittelschicht. Das <em>Schicksal der Flüchtling</em>e, der <em>gefährliche Weg</em>, das <em>erlittene Unrecht</em> – Formulierungen, die bei allem Bemühen abstrakt bleiben. In <em>Begrabe mich, mein Schatz</em> erhalten sie ein Leben, ein konkretes Leben, an dem die Spieler*innen Anteil nehmen. Mit jedem anderen Weg, den Nour einschlägt, mit jedem anderen der möglichen Ausgänge der Erzählung wächst das Potenzial des Spiels, die Ansichten zu vervielfältigen, Umwege zu gehen und mit jedem Umweg ebenso das Denken der Spieler*innen auf neue Wege zu führen.</p> <p> </p> <h4><strong>Andere Wege</strong></h4> <p>Das Problem des Films ist also nicht, dass es keine politischen Filme gäbe – vielmehr liegt es im Umstand, dass <em>politischer Film</em>, wenn er auch zur Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen beitragen soll, nicht mehr in Bezug auf das Kino zu denken ist. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten die Störung konventioneller Muster, das Offenlegen des kinematographischen Apparats und andere formale Strategien ein politisches und aktivistisches, auch ein experimentelles Kino geprägt haben, sind die Bezugspunkte dieser Strategien in einer Welt nach der digitalen Globalisierung und der, wie Francesco Casetti es in seiner berühmten Formulierung nennt, „Explosion des Kinos“ gar nicht mehr relevant. Godard erschüttert heute niemanden mehr.</p> <p>Was das Beispiel von <em>Begrabe mich, mein Schatz</em> zeigt, ist die Notwendigkeit eines fundamentalen Umdenkens. So wie das Spiel die Grenzen seiner Fiktionalität auf den Alltag der Nutzer*innen hin ausdehnt, so muss auch der Film sein Potenzial grundlegend an anderen Orten als dem Kino aufsuchen. Damit soll nicht der viel Anklang findenden These einer zunehmenden Annäherung von Film und Spiel beigepflichtet werden – es sind vielmehr die Strategien, die <em>Begrabe mich, mein Schatz</em> wählt, um die Grenzen alltäglicher mobiler Kommunikation zu übertreten, von denen der Film lernen kann, seine eigenen Grenzen zu übersteigen. Diese Grenzen liegen nur nicht mehr im Kinosaal allein, sondern weit über elektronische und digitale Medien verteilt.</p> <figure role="group"><img alt="Havarie; Copyright: Realfiction" data-entity-type="file" data-entity-uuid="aff734a0-5779-4f4e-8eb9-5212d73f2821" src="/sites/default/files/inline-images/havarie-01.jpg" /><figcaption>Havarie; Copyright: Realfiction</figcaption></figure><p>Es muss also im Zeitalter nach dem Kino darum gehen, sich mit neuen Dispositiven auseinanderzusetzen, mit der global vernetzten Hervorbringung von Bildern, den Plattformen ihrer Verbreitung, den technischen Bedingungen ihrer Veränderung und Kombination. Damit soll nicht gesagt sein, dass diese Filme zwingend das Kino zurücklassen müssen: Philip Scheffners <a href="/film-kritiken-trailer/havarie"><strong>Havarie</strong></a> (2016) etwa zeigt dies in seiner Struktur, die um einen YouTube-Clip organisiert ist, ohne dass der Film dabei abseits des Kinos steht. Aber es sind genau diese neuen Rahmen, die es zu sprengen gilt und die auch der Kino-Film reflektieren muss, um das Denken und Fühlen seiner Zuschauer*innen in Bewegung zu versetzen, es zu stören und auf andere Wege zu führen. Wie aktuell könnte der politische Film dann sein, wie sehr könnte er mich treffen – und wie lange bliebe dann der Traum vom Kino als Ort der Reflexion lebendig.</p> </div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/philip-scheffner" hreflang="de">Philip Scheffner</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/lars-dolkemeyer" hreflang="de">Lars Dolkemeyer</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/kolumne" hreflang="de">Kolumne</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/arte" hreflang="de">arte</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/spiel" hreflang="de">Spiel</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/fluechtlinge" hreflang="de">Flüchtlinge</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/politik" hreflang="de">Politik</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42431&amp;2=comment&amp;3=comment" token="Dzxodt-eVaETHm0wSfS9232eY9hWmXIR6rZbKjsRTxs"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/umwege-gehen" data-a2a-title="Umwege gehen"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/lars-dolkemeyer-1" hreflang="de">Lars Dolkemeyer</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-06-07T13:00:00Z">07.06.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Wenn das Kino neue Gedanken entstehen lassen und Ort für politische Filme sein will, muss es sich einer neuen Gegenwart anpassen. Kann es dabei vielleicht ausgerechnet von einem Handyspiel etwas lernen?</p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Thu, 24 May 2018 10:48:42 +0000 KatrinDoerksen 42431 at https://www.kino-zeit.de Rückblick auf Cannes 2018 - Ein Festival am Scheideweg https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/rueckblick-auf-cannes-2018-ein-festival-am-scheideweg <span>Rückblick auf Cannes 2018 - Ein Festival am Scheideweg</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>23.05.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Vor wenigen Tagen ist das Filmfestival in Cannes zu Ende gegangen. Nach einer kurzen Verschnaufpause ist es deshalb Zeit für einen kleinen Rückblick, bevor der Alltag uns endgültig wieder eingeholt hat. Und vielleicht auch für eine kritische Überprüfung, warum ich mir diesen Stress jedes Jahr wieder aufs Neue antue, warum meine KollegInnen und ich zu wenig schlafen, unregelmäßig essen und uns dann noch von BBC-Journalisten fragen lassen müssen, wie es denn um den Glamourfaktor bei Filmkritikern in Cannes bestellt sei. Unsere Antwort hat ihn wohl sichtlich enttäuscht, denn wir haben ihn ein wenig ausgelacht.</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-04/the-house-that-jack-built-filmbild.jpg?itok=FgDgFp-v" width="940" height="530" alt="Bild zu The House That Jack Built von Lars Von Trier" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Zentropa Entertainments</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">The House That Jack Built von Lars Von Trier - Filmbild 1</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Dass Cannes in diesem Jahr unter einem anderen Stern stehen würde, haben wir zumindest im Vorfeld schon geahnt. Da waren einige Änderungen im Vorfeld – wobei uns das Selfie-Verbot auf dem roten Teppich noch am wenigsten gestört hat, denn dort sind wir eh selten. Oder eher nie. Ungewisser waren da die Neustrukturierungen der Pressevorführungen, die vor dem Festival bekannt gegeben wurden: Um einen Negativ-Hype um Filme vor deren offizieller Galapremiere zu verhindern, wurden die Vorabvorführungen so gelegt, dass sie zeitgleich oder versetzt zu den offiziellen Screenings stattfanden, was man durchaus als Einknicken vor der Macht der Studios und Verleiher verstehen kann. Zumal ja auch die Berlinale zahlreiche Filme (unter anderem diejenigen des Wettbewerbs) vorab zeigt und zugleich eine Embargoregelung installiert, hat, dass Kritiken und Meinungsäußerungen erst mit dem Start der ersten öffentlichen Vorführung geäußert werden können. Dies freilich, so behauptet die Festivalleitung in Cannes, sei für sie nicht zu überprüfen – merkwürdig, dass etwas in Berlin ganz gut funktioniert, während es anderswo nicht praktikabel erscheint. Und noch merkwürdiger, dass gewisse US-amerikanische Medien anscheinend doch schon Zugang zu Vorführungen hatten und munter Rezensionen veröffentlichen konnten, bei denen man sich fragte, wie es dazu gekommen sein könnte.</p> <p>Hinter vorgehaltener Hand wurde im Palais de Festival gemunkelt, dass die Neuordnung der Pressevorführungen noch einen ganz anderen Hintergrund habe: Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals, habe in den vergangenen Jahren aufgrund vielfältiger Kritik an seinem Programm einiges an Groll gegen die schreibende Zunft angesammelt und die jetzigen Maßnahmen seien demnach auch als eine Art Disziplinierungsmaßnahme zu verstehen. Ob es so clever ist, die Presse als ein Kind zu sehen, das man disziplinieren müsse, sei mal dahingestellt... </p> <p> </p> <h4><strong>Women on the March</strong></h4> <p>Gegenwind gab es für den Festivalleiter auch noch von anderer Seite – und das geschah durchaus mit Ansage: Bereits bei der Eröffnung konnte man spüren und an einigen Blicken auch sehen, dass das Gremium unter dem Vorsitz von Cate Blanchett und erstmals mit einer Besetzung, in der mehr Frauen als Männer vertreten waren, durchaus bereit und willens war, eigene Akzente zu setzen, nachdem die Festivalleitung gemeint hatte, den Forderungen nach einem höheren Frauenanteil durch die Zusammenstellung der Jury genüge zu tun. </p> <p>Auch wenn Frémaux äußerlich gefasst blieb: Der Marsch der 82 Frauen über den roten Teppich und die abgetrotzte Absichtserklärung (die übrigens auch von den Leitern der <em>Semaine de la Critique</em> und der <em>Quinzaine des Réalisatuers</em> unterzeichnet wurde), bis zum Jahr 2020 den Anteil an Regisseurinnen im Wettbewerb auf 50 % hochzuschrauben, gefiel ihm ebenso wenig wie Asia Argentos wütende Rede bei der Preisverleihung, in der sie Cannes als „Jagdgrund“ Harvey Weinsteins bezeichnete und damit zumindest zwischen den Zeilen eine Mitverantwortung des Festivals anklingen ließ. Außerdem erinnerte sie auch daran, dass es trotz der #metoo-Debatte immer noch machistisches und sexistisches Verhalten sowie sexuelle Übergriffe gibt – in Cannes, in der Filmbranche – wie beispielsweise gerade die Vorwürfe gegen Luc Besson erkennen lassen – und natürlich anderen Bereichen. Und so ließ sie es keinesfalls nur mit einem deutlichen Hinweis auf die Vergangenheit beruhen, sondern schlug den Bogen in die Gegenwart: „Aber immer noch sitzen hier Menschen, die für ihr Verhalten gegenüber Frauen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Ihr wisst, wer Ihr seid.“</p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/muvdUyqXh9s?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>Dies alles lässt keinen Zweifel daran, dass sich das Klima gewandelt hat. Das hörte man auf den Fluren, das wurde immer wieder in Gesprächen thematisiert. Und hinzu kam der Eindruck, dass es in diesem Jahr leerer war als sonst, dass einige, vielleicht sogar etliche Kollegen durch Abwesenheit glänzten, die man sonst regelmäßig sah. Vielleicht lag das auch an der Verteilung der Vorführungen über mehrere, mehr oder minder gleichzeitige Screenings. Dennoch fühlte es sich in diesem Jahr deutlich anders an. Auch wenn Cannes sich noch sträubt: Das Festival wird sich in den nächsten Jahren einem gewaltigen Kulturwandel unterziehen müssen, wenn es nicht seine Glaubwürdigkeit verlieren will. Ob Frémaux dafür der Richtige ist, wird sich erst noch zeigen. </p> <p>Ein anderer Kulturwandel wurde indes vertagt: Die Entscheidung des Festivals, Filme, die dezidiert keine Kinoauswertung anstreben, vom Wettbewerb auszuschließen (gemeint sind damit vor allem Filme des Streaming-Anbieters <em>Netflix</em>), sorgte für eine trügerische Ruhe in dieser Causa – aber auch für zumindest einen wirklich bedauernswerten Ausfall, weil <em>Netflix</em> als Reaktion auf die Entscheidung auch den frisch restaurierten <strong>The Other Side of the Wind </strong>(bekanntlich Orson Welles’ letzter Film, der allerdings niemals ganz fertiggestellt wurde) zurückzuziehen. Und so musste das enttäuschte Fachpublikum mit <a href="/film-kritiken-trailer/the-eyes-of-orson-welles-2018"><strong>The Eyes of Orson Welles</strong></a>, Mark Cousins Annäherung an die Regielegende vorliebnehmen. Immerhin versuchte der – nicht ganz gelungen, wie wir fanden – in einen Dialog mit dem verstorbenen Meister zu treten.</p> <p> </p> <h4><strong>Und die Filme?</strong></h4> <p>Der Jahrgang 2018 wird mit Sicherheit als einer der besseren in Erinnerung bleiben, wobei die Freude über wenige Ausreißer nach unten ein wenig dadurch getrübt wurde, dass Lee Chang-Dongs <a href="/film-kritiken-trailer/burning-2018"><strong>Burning</strong></a> komplett leer ausging. Und das, obwohl der von vielen Kritikern als das beste Werk des Wettbewerbs gefeiert wurde und den beinahe schon legendären 3,6-High-Score von <a href="/film-kritiken-trailer/toni-erdmann"><strong>Toni Erdmann</strong></a> im Kritikerspiegel von <em>Screendaily</em> mit einer durchschnittlichen Bewertung von 3,8 noch einmal toppen konnte. Allerdings – wir erinnern uns an den Aufruhr – war auch Maren Ades Film damals leer ausgegangen. Und immerhin konnte<strong> Burning</strong> ja doch einen Preis entgegennehmen: Der Film wurde von der internationalen Kritikervereinigung FIPRESCI als bester Film des Wettbewerbs ausgezeichnet. Das kommt zwar nicht ganz einer Palme gleich, aber immerhin …</p> <figure role="group"><img alt="Burning von Lee Chang-dong, Copyright: NHK" data-entity-type="file" data-entity-uuid="7d94c87c-3f5b-4629-bf44-65fd41023262" src="/sites/default/files/inline-images/Burning-Lee-Chang-dong-1200x520.jpg" /><figcaption>Burning von Lee Chang-dong, Copyright: NHK</figcaption></figure><p>Zuverlässiger war da schon der Skandal, den ein Festival wie Cannes anscheinend auch jedes Jahr braucht, um im Gespräch zu bleiben. Dass ausgerechnet Lars von Trier mit seinem ultrabrutalen Werk <a href="/film-kritiken-trailer/the-house-that-jack-built-2018"><strong>The House That Jack Built</strong></a> wieder für Gesprächsstoff und hitzige Diskussionen an der Croisette sorgte, war ja irgendwie fast zu erwarten gewesen – der <em>Bad Boy</em> des Jahres 2011 (Stichwort:  eine entsetzliche aus dem Ruder gelaufene Pressekonferenz zu <strong><a href="/film-kritiken-trailer/melancholia">Melancholia</a>)</strong> hat zuverlässig geliefert und war immerhin als Absicherung gegen den zu erwartenden Widerstand gegen den Film außer Konkurrenz gezeigt worden.</p> <p>Während es in den Parallelsektionen <em>Semaine de la Critique</em> und vor allem in der <em>Quinzaine des</em> Réalisateurs einige Entdeckungen zu machen gab, enttäuschte die eigentliche Nebenschiene <em>Un Certain Regard </em>2018 fast völlig: Lediglich der schwedische Beitrag <a href="/film-kritiken-trailer/border-2018"><strong>Gräns</strong> / <strong>Border</strong></a>, das belgische Drama <strong><a href="/film-kritiken-trailer/girl-2018">Girl</a>, </strong>Bi Gans <strong><a href="/film-kritiken-trailer/long-days-journey-into-night-2018">Long Day's Journey into Night</a>, </strong>Ulrich Köhlers <a href="/film-kritiken-trailer/in-my-room-2018"><strong>In My Room</strong></a> ragten hier heraus. Die aber zeigten immerhin, dass Cannes bei allen Querelen und Unruhen immer noch ein Ort sein kann, an dem es Entdeckungen gibt, die man sonst vielleicht nirgendwo anders findet.</p> <figure role="group"><img alt="Border von Ali Abbasi, Copyright: Neon" data-entity-type="file" data-entity-uuid="df25c37a-d1c5-4100-b661-c4c6d21669e7" src="/sites/default/files/inline-images/1282204_border-2.jpg" /><figcaption>Border von Ali Abbasi, Copyright: Neon</figcaption></figure><p>Zudem gab es auch vor allem von Seiten der amerikanischen Kollegen reichlich Schelte für die überwiegende Abwesenheit US-amerikanischer Filme an der Croisette, die in diesem Jahr im Wettbewerb nur mit David Robert Mitchells <a href="/film-kritiken-trailer/under-the-silver-lake-2018"><strong>Under the Silver Lake</strong></a> und Spike Lees <strong><a href="/film-kritiken-trailer/blackkklansman-2018">BlackKklansman</a> </strong>vertreten waren. Schon wird gemunkelt, dass Cannes kein gutes Pflaster mehr für US-amerikanische Filme sei und <a href="http://www.indiewire.com/2018/04/cannes-competition-2018-american-festivals-1201953670/">erste Stimmen fordern bereits ein Pendant in den Vereinigten Staaten</a>, dass dem Primus endlich Paroli bieten soll. </p> <p> </p> <h4><strong>Verliert Cannes seinen Nimbus als wichtigstes Festival der Welt?</strong></h4> <p>Ohne Zweifel ist Cannes dieses Jahr unter Druck geraten. Zu lange hat man sich ausgeruht auf dem Status des Unantastbaren, zu lange hat man Fehlentwicklungen ignoriert und oft nur unter Druck von außen reagiert. </p> <p>Obgleich es nach wie vor keine Konkurrenz gibt, die Cannes den Status als ewiger Erster ernsthaft streitig machen könnte, ist das Festival in die Defensive geraten. Die Unruhe, die schon in diesem Jahr auf dem roten Teppich und in den Gängen des Palais de Festival zu spüren war, wird Reaktionen notwendig machen, die mehr sind als nur bloße Symbolpolitik. Die Zeiten sind unruhiger geworden – und das war in diesem Jahr auch an der Croisette deutlich zu spüren.</p> <p>Einen wirklichen Wandel des Festivals gibt es im Moment noch nicht festzustellen - aber es ist schon deutlich etwas in Bewegung geraten. Und das ist auch gut so… Insofern bin ich natürlich gespannt auf das nächste Jahr – und darauf, wie es dann sein wird. Ich habe ja jetzt wieder ein Jahr Zeit, mich auf diesen Wahnsinn vorzubereiten. Und vielleicht klappt es dann 2019 auch mit dem Glamourfaktor.</p> </div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/thierry-fremaux" hreflang="de">Thierry Frémaux</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/asia-argento" hreflang="de">Asia Argento</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/lars-von-trier" hreflang="de">Lars von Trier</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/lee-chang-dong" hreflang="de">Lee Chang-dong</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/ali-abbasi-1" hreflang="de">Ali Abbasi</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/cannes-2018" hreflang="de">Cannes 2018</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/kolumne" hreflang="de">Kolumne</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42418&amp;2=comment&amp;3=comment" token="arxayLtp-AL9RSrtGBABGJCihRgw_uwysmGuuMrMISk"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/rueckblick-auf-cannes-2018-ein-festival-am-scheideweg" data-a2a-title="Rückblick auf Cannes 2018 - Ein Festival am Scheideweg"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/joachim-kurz-3" hreflang="de">Joachim Kurz</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-05-28T10:33:56Z">28.05.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Das Festival in Cannes 2018 ist vorbei – Zeit für ein Fazit und der Versuch eines Ausblicks.</p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Wed, 23 May 2018 10:33:56 +0000 KatrinDoerksen 42418 at https://www.kino-zeit.de Das lange Schweigen https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/das-lange-schweigen <span>Das lange Schweigen</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>16.05.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Hörst Du es auch? Das Schweigen in der deutschen Filmindustrie? Während in den USA Prozesse angestrengt werden, in <a href="https://www.independent.co.uk/news/long_reads/silence-action-swedish-stars-confront-sexual-harassment-in-film-a8058461.html">Schweden Schauspielerinnen laut werden</a> und ein Zeichen bei der Verleihung des schwedischen Filmpreises <a href="https://www.thelocal.se/20180124/in-pictures-swedish-stars-stage-metoo-protest-at-movie-awards">Guldbagge</a> setzen, in Frankreich protestiert und gegen den Protest protestiert wird, ist es hierzulande recht ruhig. Es gab Vorwürfe gegen Dieter Wedel, danach wurde eher so getan, als sei dies ein Einzelfall gewesen. Intern wird zwar über mehr als nur ein paar Namen geredet, aber öffentlich – ist das Schweigen laut. Und selbst bei Wedel ging es erstaunlich schnell, dass die Debatte auf die Sorgfalt der ZEIT-JournalistInnen verlagert wurde.</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-05/Eventpress_DFP_Show_1244.jpg?itok=sRrcWnLz" width="940" height="530" alt="Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">DEUTSCHER FILMPREIS 2018 | © AGENTUR EVENTPRESS</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Ende April schien sich dann etwas zu bewegen. Erst wurde bekannt, ein Mitarbeiter des WDR sei freigestellt worden, weil ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde. Dann ging der Mitarbeiter selbst an die Öffentlichkeit: Es ist Gebhard Henke. Jahrzehntelang beim WDR. In der Öffentlichkeit – falls überhaupt – meist als der <em>Tatort-</em>Koordinator bekannt, offiziell der Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie. Ein einflussreicher Posten, zumal ja in Deutschland die Filmförderung eng an das Fernsehen gekoppelt ist – und der WDR ein großer und mächtiger Sender ist. </p> <p>In der <em>Spiegel-</em>Ausgabe vom 5. Mai 2018 erschien dann ein Beitrag, in dem 6 Frauen erzählen, wie sie von Henke „betatscht und begrapscht“ wurden, „wie er angedeutet habe, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartete“. Dieser Artikel wirft kein gutes Bild auf Henke und auf die Abläufe beim WDR. Ausgerechnet – dabei steht der WDR schon seit Anfang April unter Beschuss wegen des Umgang des Senders mit Vorwürfen wegen sexueller Belästigung (z.B. <a href="https://correctiv.org/recherchen/stories/2018/04/04/er-nannte-sich-alpha-tier/"><em>Correctiv</em></a><em>, <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wdr-gewerkschafterin-wulf-mathies-prueft-vorwuerfe-15563596.html">FAZ</a>)</em>. Wiederholt wurde mehr Transparenz gefordert, die nun <a href="https://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/unternehmen/aufarbeitung-vorwuerfe-wdr-102.html">Monika Wulf-Mathies</a> bringen soll. Sie wird von einer Anwaltskanzlei unterstützt, außerdem hat der WDR eine weitere Kanzlei beauftragt. Aber die Frage, ob der <a href="http://www.taz.de/!5502045/">WDR</a> genug unternimmt, um aufzuklären – und zu schützen, bleibt weiterhin bestehen. </p> <figure role="group"><img alt="© WDR/Herby Sachs" data-entity-type="file" data-entity-uuid="b59f8286-c2e4-4d45-a7b8-d4d7272780df" src="/sites/default/files/inline-images/1_WDR_Funkhaus_Wallrafplatz_2010.jpg" /><figcaption>© WDR/Herby Sachs</figcaption></figure><p>Hinzu kommt eine zweite Seite in der öffentlichen Wahrnehmung. Zu den Frauen, die Henkel beschuldigen und namentlich bekannt sind, gehört Charlotte Roche. Er habe ihr bei der Begrüßung die Hand geschüttelt und die andere auf ihren Po gelegt, wird sie im <em>Spiegel </em>zitiert. Sie habe an diesem Abend wegen der Verfilmung ihres Buchs unter Druck gestanden und wollte keinen „Aufruhr“. Das ist für jede*n, der/die schon einmal in einer ähnlichen Situation war, eine nachzuvollziehende Reaktion. Gebhard Henkes Anwalt Peter Raue bemerkte indes am 5. Mai 2018 im Deutschlandfunk, es sei schwer vorstellbar, dass man jemanden die Hand gebe und zugleich die Hand auf den Po legen könne, und es könne gar nicht sein, dass Frau Roche Angst gehabt habe, weil der Film damals schon abgedreht gewesen sei. Ersteres ist eigentlich gar nicht so schwierig vorzustellen, bei Zweiterem finde ich, es kann nicht sein, dass die Gefühle einer anderen Person bewertet werden. Aber gut, Peter Raue ist der Anwalt von Gebhard Henke, es ist seine Aufgabe, ihn zu verteidigen. </p> <p>Dennoch ist diese Aussage auch ein Beispiel dafür, dass die Wahrnehmung von Frauen weiterhin hinterfragt wird. Im <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2018-05/charlotte-roche-metoo-sexuelle-belaestigung-wdr">Interview mit </a><em><a href="https://www.zeit.de/arbeit/2018-05/charlotte-roche-metoo-sexuelle-belaestigung-wdr">Zeit Online</a> </em>hat Charlotte Roche diese Woche dann noch einmal ausgeführt, wie es für sie war – sie wollte den Abend nicht kaputtmachen, indem sie einen Eklat auslöst. Und sie macht noch auf einen zweiten wichtigen Aspekt aufmerksam: „Ich habe mich geschämt, dass ich nichts gemacht habe. Das passt ja auch gar nicht zu mir, geschweige denn zu meinem Image. Ich bin eine selbstbewusste Frau, ich mache Kickboxen und Selbstverteidigungskurse als Hobby, ich kann mich wehren. Wer, wenn nicht ich, müsste massiv reagieren, wenn ein sexueller Übergriff stattfindet?“ Tatsächlich ist das ein Gedanke, der sich sofort stellt: Wenn eine erfolgreiche Frau wie Charlotte Roche schweigt, wie soll dann jemand, der in der Branche erst Fuß fasst – und demnach machtloser ist – den Mund aufmachen? </p> <figure role="group"><img alt="Schoßgebete, Constantin Film" data-entity-type="file" data-entity-uuid="94849ca1-fd99-4a1a-ae52-462cd3854955" src="/sites/default/files/inline-images/schogebete-2014-film.jpg" /><figcaption>Schoßgebete, Constantin Film</figcaption></figure><p>Eine weitere öffentliche Reaktion auf den Fall Henke ist ein <a href="http://www.mediabiz.de/film/news/offener-brief-pro-henke/429476">offener Brief</a>, den Frauen unterzeichnet haben, die mit Henke gearbeitet haben und nicht belästigt wurden. Zusammenfassen lässt er sich als Forderung nach Differenzierung. Was genau differenziert werden soll, wird nicht ganz klar. Zunächst kommen sie zu dem Schluss, dass die Freistellung von Gebhard Henke „den Eindruck nahe(lege), dass Differenzierung unerwünscht sei.“ Allerdings stellt sich hier die Frage, wie dieser Eindruck entstanden ist. Nicht der WDR hat den Namen öffentlich gemacht, sondern Gebhard Henke selbst. Inwiefern „das lange Verschweigen, Vertuschen und Verharmlosen von Übergriffen und Machtmissbrauch bisweilen in blinden Aktionismus und Übereifer mündet“ ist mir aber auch nicht ganz klar. Zumal „Übereifer“ eine schwierige Kategorie ist. Sie klingt schon nach Hysterie – klar, geht ja um Frauen – und es schwingt ein wenig kindisches Verhalten mit. </p> <p>Was soll also differenziert werden? In dem offenen Brief wird klargestellt, dass die Unterzeichnerinnen von „Übergriffe(n), die mit Machtmissbrauch zu tun haben“, nichts halten. Das ist beruhigend. Aber wenn ein einflussreicher Mann, so ein weiteres anonymes Beispiel im <em>Spiegel</em>-Artikel, das Hotelzimmer einer Regisseurin aufsucht, die ihren Debütfilm gerade an den WDR verkauft hat und sich von ihr Zuneigung erbittet, welche diese dann verweigert und sie daraufhin nicht mehr zu ihm durchgestellt wird oder Unterstützung bei Förderungsanträgen bekommt, dann ist das Machtmissbrauch. Es mag sein, dass – wie Kachelmann-Anwalt Ralf Höcker in der <em><a href="http://www.taz.de/!5502045/">taz</a> </em>befindet – nichts von dem, was im <em>Spiegel </em>zu lesen war, einen Straftatbestand erfüllt. Aber das Strafrecht ist nicht die einzige gültige Instanz (war es übrigens auch schon nicht beim Fall Wedel). Bei Henke und Vorwürfen gegen andere Mitarbeiter des WDR ist es zum Beispiel das Arbeitsrecht, wie auch Tom Buhrow immer wieder betont. Daher geht es nicht um eine „Skandalisierung“, sondern darum, dass Vorgänge öffentlich gemacht werden. Denn sonst bleibt den Betroffenen nur die Wahl zwischen kündigen und aushalten. Zumal es ja noch einen weiteren Aspekt gibt: Es war Gebhard Henke, der einen Vorwurf gegen Dieter Wedel untersuchte und zu dem Schluss kam, dass in den Akten nichts zu finden ist.</p> <p>Übereifer ist daher am ehesten die Kategorie, in die der offene Brief fällt. Oder anders ausgedrückt: Warum fühlen sich diese Frauen berufen, Gebhard Henke öffentlich zu unterstützen? Es kann sein, dass sie nicht von ihm belästigt wurden. Aber das heißt ja nicht, dass er es bei anderen nicht gemacht hat. Das zeigt der Fall Harvey Weinstein. Ja, Gebhard Henke mag in der Branche als Frauenförderer gelten, weil er Filme und Serien ermöglicht hat, die weibliche Hauptfiguren in den Mittelpunkt stellen. Aber ein Mann kann auch als Staatsanwalt #MeToo unterstützen und <a href="https://www.newyorker.com/news/news-desk/four-women-accuse-new-yorks-attorney-general-of-physical-abuse">seine Lebensgefährtinnen misshandeln</a>. Es kann sein, dass jemand Opfer sexueller Gewalt ist <a href="http://www.taz.de/!5505081/">und sie anderen antut</a>. Das sind die Widersprüche, die diese Debatte aushalten muss. Das sind die Differenzierungen, die vorgenommen werden müssen. </p> <p>Eigentlich könnte man diesen offenen Brief also auch als Symptom hinnehmen, einen Reflex, der manche Frauen ereilt, sobald Vorwürfe gegen einen Mann laut werden. Aber er ist noch ein wenig mehr, wenn man sich anschaut, wer den Brief unterzeichnet hat. Dazu gehört auch Iris Berben. Unter dem Brief steht schlicht Schauspielerin, aber Iris Berben ist auch Präsidentin der <a href="https://www.deutsche-filmakademie.de/deutsche-filmakademie.html">Deutschen Filmakademie</a>, deren Ziel es ist, „für die Filmschaffenden in diesem Land das zentrale Forum zu sein, auf dem ihre Fragen und Probleme offen, vertrauensvoll und auf Augenhöhe diskutiert werden können“. Und wenngleich der Brief ja nicht „ausschließt“, dass Kolleginnen „andere Sichtweisen und Erfahrungen“ haben, sagt er letztlich eines: Unsere Unterstützung habt ihr nicht. Ein vertrauensvolles Klima sieht anders aus. Dazu passt dann auch, dass die wenigen Worte, die bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises zu #MeToo gesagt wurden, in der zusammengeschnittenen Aufzeichnung fehlten. Dabei ist diese Verleihung – und da muss ich meinem Kollegen Urs Spörri widersprechen, der vor zwei Wochen in seiner Kolumne anmerkte, Anneke Kim Sarnaus Ausspruch, die „Hells Angels haben einen höheren Frauenanteil als die deutsche Filmbranche, ihr Spacken“, sei in einer Laudatio unangemessen – exakt der Ort und Anlass, um deutliche öffentliche Zeichen zu setzen. Plaudereien und Scherze überdecken letztlich nur eines: das Schweigen. Und das bröckelt nur sehr langsam.</p> </div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/iris-berben" hreflang="de">Iris Berben</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/charlotte-roche" hreflang="de">Charlotte Roche</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/wdr" hreflang="de">wdr</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/sexuelle-belaestigung" hreflang="de">Sexuelle Belästigung</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/metoo" hreflang="de">#MeToo</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/deutsche-film-und-fernsehakademie" hreflang="de">Deutsche Film- und Fernsehakademie</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/filmindustrie" hreflang="de">Filmindustrie</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42350&amp;2=comment&amp;3=comment" token="rG71NjvTv2PXJ2PKEMW6c0ZeayJHMtMl5DXu48Fj7-0"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/das-lange-schweigen" data-a2a-title="Das lange Schweigen"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/sonja-hartl-1" hreflang="de">Sonja Hartl</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-05-22T09:00:49Z">22.05.2018</time> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Wed, 16 May 2018 09:28:49 +0000 KatrinDoerksen 42350 at https://www.kino-zeit.de Der bessere Avatar https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/der-bessere-avatar <span>Der bessere Avatar</span> <span><span lang="" about="/user/69" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">jfauth</span></span> <span>08.05.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p><strong><span><span><span><span>"Drachenzähmen leicht gemacht" gilt gerne mal als leichtfüßiger Kinderfilm. Für Rochus Wolff steht er in direktem Vergleich zu einem der größten Kolosse der Filmgeschichte – und ist um Meilen besser.</span></span></span></span></strong></p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-05/orig_327928.jpg?itok=b1v_puwm" width="940" height="530" alt="Drachenzähmen " typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Paramount</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p><span><span><span><span>Was gab es damals für eine Aufregung um diesen Film. <a href="/film-kritiken-trailer/avatar"><strong>Avatar – Aufbruch nach Pandora</strong></a> ist vielleicht der Höhe- und Scheitelpunkt des technokratisch aufgemotzten Blockbusterkinos, der Monumentalfilme des frühen Digitalzeitalters. Wie Michael Bay in <a href="/film-kritiken-trailer/transformers-the-last-knight"><strong>Transformers</strong></a> hat James Cameron in <strong>Avatar</strong> neben menschlichen Filmstars vor allem ein Lichtermeer der visuellen Effekte zum Leuchten gebracht. Dafür wurde alles aufgeboten, was die Technologie des Jahres 2009 zur Verfügung stellte: <em>Motion Capture</em> auf der Höhe der Zeit und natürlich 3D-Effekte höchster Qualität. Nur die Handlung und die Figuren, da steht <strong>Avatar</strong> Bays Roboter-Epen in nichts nach, sind doch eher holzschnittartig, eindimensional und, seien wir ehrlich: uninteressant.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Drei Monate nach Camerons Monstrosität kam <a href="/film-kritiken-trailer/drachenzaehmen-leicht-gemacht"><strong>Drachenzähmen leicht gemacht</strong></a> ins Kino, ein im Verhältnis unauffälliger, geradezu bescheidener Animationsfilm, der sein Publikum vor allem bei Kindern sucht und erst einmal etwas ganz anderes zu erzählen schien. Aber als ich im Frühjahr 2010, die 3D-Brille womöglich noch schief auf die Stirn geschoben, aus einer Pariser Kinovorstellung des Films kam, konnte ich das Gefühl nicht abschütteln: Ich hatte gerade den besseren <strong>Avatar</strong> gesehen. Und dieses Gefühl besteht – ich war ja auch </span><a href="https://dejareviewer.com/2011/09/13/battle-of-the-message-movies-how-to-train-your-dragon-vs-avatar/"><span>nicht der einzige, der diesen Gedanken hatte</span></a><span> – 8 Jahre später immer noch.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>In <strong>Drachenzähmen</strong> geht es um den Wikingerjungen Hicks, der – Wickie lässt grüßen – als Sohn des Stammeshäuptlings so gar nicht nach dem Vater geraten will. Wo dieser mutig, stark und laut ist, bleibt Hicks nachdenklich, schüchtern und schwächlich. Die Wikinger seines Dorfes werden regelmäßig von Drachen terrorisiert, und auch Hicks will sich endlich beweisen. Er baut eine Art Kanone mit Fangnetz und kann damit auch tatsächlich einen Drachen vom Himmel holen; nur sieht das leider niemand, weil es Nacht ist und der Drache schwarz.</span></span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/MR6elW1Dg3U?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p><span><span><span><span>Am nächsten Tag sucht er nach dem zu Fall gebrachten Reptil und entdeckt es tatsächlich im Wald, durch seine Seile wehrlos gefangen. Aber Hicks bringt es nicht über sich, den Drachen zu töten – stattdessen lässt er ihn frei, freundet sich mit „Ohnezahn“ an und lernt schließlich sogar, auf ihm zu reiten. Das geht allerdings natürlich nur so lange gut, wie die anderen Wikinger nichts von seinem besonderen Gefährten erfahren.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Auch <strong>Avatar – Aufbruch nach Pandora</strong> erzählt ja von einem Konflikt zwischen zwei Gruppen, aber aus der Sicht der Aggressoren: Es sind die Menschen, die gewaltsam in den Lebensbereich der Na’vi, den Mond Pandora, eindringen, um dort einen seltenen Rohstoff abzubauen. Und wie es Menschenart ist, wissen sie sich nicht anders als mit Gewalt zu helfen. Der Soldat Jake Sully wird in einen „Avatar“ versetzt, einen Na’vi-Körper, der quasi durch sein Bewusstsein ferngesteuert wird – und beginnt so zu verstehen, dass die Na’vi nachgerade körperlich mit ihrer Welt in einer Einheit leben. Sully wird schließlich die Stämme der Na’vi vereinen und den erfolgreichen Kampf gegen die Menschen anführen.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><strong><span>Avatar</span></strong><span> ist natürlich alles andere als ein Kinderfilm, aber er nervt mich allein schon dadurch, dass er sich so wahnsinnig ernst nimmt. Hier ist alles Überlebenskampf und Militarismus, die Mienen sind ernst, die Aufgaben unironisch essentiell (bis in den Namen „Unobtainium“ hinein), und jede Lebensfreude ist allenfalls behauptet oder wird durch visuelle Effekte behauptet, die die Wahrnehmung des Zuschauers in ihrer Brillanz erschlagen möchten. Die aufgeblasene Naturmystik, die der Film zu seiner zentralen Botschaft macht, trieft aus der Handlung heraus und wird zugleich vom Bombast dieser zutiefst künstlichen Unterhaltungs-Monstrosität wieder erschlagen.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Wie wenig sich <strong>Avatar </strong>an seine eigene Botschaft, betrifft nicht nur die Künstlichkeit des filmischen Unterfangens. Es spiegelt sich auch in der nachgerade erotischen Aufwertung des Militärischen und in dem Umstand wider, dass die Na’vi nach ihrem Sieg keineswegs in ihren mystischen Naturzustand zurückfallen. Das größte Problem daran ist, dass die Na’vi (im Film durchgehend als nicht-weiße „Eingeborene“ markiert und im Original auch von nicht-weißen Schauspieler_innen verkörpert) nur gerettet werden können, weil einer der Unterdrücker (größtenteils weiß, größtenteils männlich) sich nicht nur in eine Na’vi-Frau verliebt, sondern ganz und gar die Seiten zu wechseln bereit ist.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Es ist die klassische Rettungsphantasie des weißen Mannes: </span><span lang="EN-US" xml:lang="EN-US">„This is the essence of the white guilt fantasy, laid bare. It's not just a wish to be absolved of the crimes whites have committed against people of color; it's not just a wish to join the side of moral justice in battle. It's a wish to lead people of color from the inside rather than from the (oppressive, white) outside.“ </span><span>(</span><a href="https://io9.gizmodo.com/5422666/when-will-white-people-stop-making-movies-like-avatar"><span>Annalee Newitz</span></a><span>)</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Der entscheidende Unterschied zu <strong>Drachenzähmen leicht gemacht</strong> liegt für mich darin, dass Sully erst erkennen kann, dass den Na’vi Unrecht geschieht, als er einer von ihnen wird und noch dazu (romantische) Liebe (ganz nach menschlichen Idealen) findet. Hicks hingegen begreift, dass es einen anderen Umgang mit den Drachen geben muss, weil er zu Empathie imstande ist. Als Astrid, das mutigste Mädchen im Dorf, ihn fragt, warum er Ohnezahn nicht getötet habe, spricht er erst von sich als feige und schwach – noch ganz in den Begriffen der Wikinger verhaftet. Und dann kann er sich doch davon lösen: „Ich wollte ihn nicht umbringen, weil er genau so viel Angst hatte wie ich. Als ich ihn angesehen habe, da sah ich mich selbst.“</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Empathie empfinden zu können, aber ohne die Notwendigkeit, erst in die Haut der anderen schlüpfen zu müssen: <strong>Drachenzähmen leicht gemacht</strong> ist in seiner emotionalen Komplexität und Größe wesentlich erwachsener als <strong>Avatar</strong>. Warum kann ein Kinderfilm diese Tiefe mitbringen, aber ein Film für Erwachsene schafft es nicht, seine eigene Botschaft zu hinterfragen?</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Zumal <strong>Drachenzähmen</strong> ja auch in anderer Hinsicht so viel leichtfüßiger ist als <strong>Avatar</strong>. Er ist witzig und selbstironisch – keine der Figuren nimmt sich hier so richtig ernst, mit einer Ausnahme: Hicks Vater Haudrauf der Stoische, der aber zugleich lernen muss (und kann!), dass er sich geirrt hat. Aber auch über ihn macht sich der Film nie lustig, denn er ist von Sorge um sein Dorf getrieben – und lässt sich am Ende von seinem Sohn eines Besseren belehren. Um wieviel schlichter, eindimensionaler und schließlich lächerlicher sind da die Antagonisten von <strong>Avatar</strong> (allen voran Sullys Vorgesetzter Quaritch).</span></span></span></span></p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/8TNlvM4cN6U?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p><span><span><span><span>Natürlich sind es auch bei <strong>Drachenzähmen</strong> am Schluss die Menschen, die gewissermaßen als Gewinner aus der Geschichte hervorgehen – die Drachen sind nun nicht mehr Ungeziefer, sondern „Haustiere“. Aber der Weg dorthin ist nicht nur komplexer als in <strong>Avatar</strong>, er schließt vor allem einen Lernprozess auf beiden Seiten ein – Menschen wie Drachen müssen feststellen, dass sie sich seit Generationen auf dem Holzweg befanden.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Für diesen Fortschritt bedarf es keiner Assimilation, keiner Auflösung in der Gruppe der anderen, sondern eines schlichten Aktes der Empathie. Diese Empathie auch für den ganz Anderen ist am Anfang des Films bei den Wikingern keineswegs gerne gesehen. Sie wird eigentlich wegtrainiert bzw. gar nicht erst als Möglichkeit ins Auge gefasst. In dieser Hinsicht ist <strong>Drachenzähmen</strong> eine Kritik eben jenes militaristischen Blicks, der nur trennscharfe zwei Seiten kennt: Wir und die Anderen – eines Blicks, den <strong>Avatar</strong> nie ablegen kann.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Natürlich hat auch <strong>Drachenzähmen</strong> seinen Endgegner und seine Kampfszenen am Schluss. Das ist visuell vor allem in 3D wirklich überwältigend, und deshalb kann <strong>Drachenzähmen</strong> dem Cameron’schen Ungetüm auch in Sachen Schauwerte durchaus das Wasser reichen: In atemberaubenden Flugszenen durch fantastische Felsenlandschaften, die von Freude getragen sind und frei von militärischem Gerät.</span></span></span></span></p> <p><span><span><span><span>Der Überdrache, gegen den Ohnezahn und Hicks am Schluss kämpfen, unterdrückte die Drachen – und gefährdete so indirekt auch die Menschen. Gemeinsam diesen klaren Feind zu bekämpfen – und dann friedlich gemeinsam zu leben: Darin kulminiert <strong>Drachenzähmen leicht gemacht</strong>, darin liegt seine Botschaft. Eine bessere Welt ist möglich. Das muss doch auch außerhalb des Kinderfilms vorstellbar sein.</span></span></span></span></p></div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/james-cameron" hreflang="de">James Cameron</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/dean-deblois-2" hreflang="de">Dean DeBlois</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/chris-sanders-1" hreflang="de">Chris Sanders</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/cressida-cowell-0" hreflang="de">Cressida Cowell</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/kinderfilme" hreflang="de">Kinderfilme</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/drachen" hreflang="de">Drachen</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42297&amp;2=comment&amp;3=comment" token="_N0SK-LSLlWczpX1UNgR7vBLrdT5ardvJIp4lergacc"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/der-bessere-avatar" data-a2a-title="Der bessere Avatar"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/rochus-wolff-0" hreflang="de">Rochus Wolff</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-05-11T08:54:41Z">11.05.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p><span><span><span><strong><span>"Drachenzähmen leicht gemacht"</span></strong><span> gilt gerne mal als leichtfüßiger Kinderfilm. Für Rochus Wolff steht er in direktem Vergleich zu einem der größten Kolosse der Filmgeschichte – und ist um Meilen besser.</span></span></span></span></p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Tue, 08 May 2018 08:54:41 +0000 jfauth 42297 at https://www.kino-zeit.de Verführte Verführer und komplizierte Komplizen https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/verfuehrte-verfuehrer-und-komplizierte-komplizen <span>Verführte Verführer und komplizierte Komplizen</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>02.05.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>2017/18 ist ein starker Jahrgang für deutsche Filme. Das zeigte nicht nur die Verleihung der Deutschen Filmpreise, sondern auch der Blick auf die großen Festivals von München und Saarbrücken bis zur Berlinale. Auffällig ist dabei ein thematischer Zusammenhang: Viele handeln von (verführten) Verführern und (komplizierten) Komplizen. Was sagt dies aus über die deutsche Filmindustrie in Zeiten von #metoo?</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-05/Y_3_Tage_in_Quiberon_201818984_4_c_2018PROKINOFilmverleihGmbH-Kopie.jpg?itok=FOpZe2P3" width="940" height="530" alt="3 Tage in Quibéron von Emily Atef" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Prokino Filmverleih</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">3 Tage in Quibéron von Emily Atef</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Schon der große Abräumer der Lolas ist bestes Beispiel dafür: <a href="/film-kritiken-trailer/3-tage-in-quiberon"><strong>3 Tage in Quibéron</strong></a>, ausgezeichnet mit 7 Deutschen Filmpreisen, zeigt uns Romy Schneider am Abgrund ihres Lebens, in einer als Hotel getarnten Entzugsklinik in der Bretagne. Ein <em>Stern</em>-Reporter samt Fotograf versuchen sie in vielerlei Hinsicht zu verführen – zum Alkohol, zu dunklen Enthüllungen, zu Amüsement und Amour. An ihrer Seite steht Jugendfreundin Hilde als ihre Komplizin, die sie kaum zu schützen vermag, denn auch der Fotograf Lebeck ist ein Komplize. Dieser schläft gar mit ihr in einem Bett, als entsexualisierter Mann und Unterstützer der schwachen starken Frau ist er jedoch nur ihr Instrument. Charly Hübners Robert Lebeck steht als verführter Verführer und komplizierter Komplize quasi sinnbildlich für die heutige deutsche Filmbranche, die nicht so recht mit den neuen starken Frauen und dem veränderten Männerbild umzugehen weiß. </p> <figure role="group"><img alt="Robert Gwisdek und Marie Bäumer in &quot;3 Tage in Quibéron&quot;, Copyright: Prokino" data-entity-type="file" data-entity-uuid="d723fc17-c2fa-41d1-b76d-73c5e0db97a5" src="/sites/default/files/inline-images/img_2.jpg" /><figcaption>Robert Gwisdek und Marie Bäumer in "3 Tage in Quibéron", Copyright: Prokino</figcaption></figure><p>Umso bemerkenswerter, dass der von Robert Gwisdek gespielte knallharte Zyniker Michael Jürgs, der Romy so lange aussaugt, bis er selbst schlussendlich doch ein schlechtes Gewissen bekommt, den Preis für die beste männliche Nebenrolle anstelle von Charly Hübner vom Kreißsaal und der bevorstehenden Geburt seiner Tochter aus in Empfang nehmen durfte. Unbestrittener Höhepunkt der Gala war jedoch die Auszeichnung für Marie Bäumer in der Rolle ihres Lebens, deren Dankesrede zu Tränen rührte: „Romy hat sich so gesehnt, eine solche Auszeichnung aus ihrem Land zu bekommen“ – lange nach ihrem viel zu frühen Tod, im Jahr des 80. Geburtstags wurde Romy Schneider nun endlich diese Ehre indirekt zuteil. Auch wenn 7 Lolas angesichts der starken Breite der nominierten Filme (<a href="/film-kritiken-trailer/der-hauptmann"><strong>Der Hauptmann</strong></a>, <a href="/film-kritiken-trailer/in-den-gaengen"><strong>In den Gängen</strong></a> und <a href="/film-kritiken-trailer/das-schweigende-klassenzimmer"><strong>Das Schweigende Klassenzimmer</strong></a> gingen fast leer aus) vielleicht ein wenig zu viel des Guten gewesen sein mögen.</p> <p> </p> <h4><strong>„Ein ganz Scharfer“ mischt die Lola auf</strong></h4> <p>Es war eine gelungene Gala, die Verleihung der Deutschen Filmpreise. Dies lag nicht zuletzt an dem glänzend aufgelegten Moderator Edin Hasanovic, der überraschend gekonnt am schmalen Grat des Noch-Erlaubten entlangbalancierte und zugleich unterhaltsam wie provokant aktuelle Debatten nicht aussparte. Schon der Einspieler zur Eröffnung gab die Richtung vor: Manfred Krug betitelt Edin als „ein ganz Scharfer“, Harald Juhnke flirtet ihn als Verführer im Bett face-to-face an und hat seinen/ihren Namen vergessen, Monica Bleibtreu fordert Edin zum schönen Knicks auf, Götz George und Heiner Lauterbach schicken ihn direkt vom Casting von der Bühne. Brillant dann der Dialog mit Vicco von Bülow, auf seinen Einwurf hin, frischen Wind in die Veranstaltung bringen zu wollen:</p> <p> </p> <p><em>Loriot: „Sie haben aus einem kleinen miesen Saftladen einen großen... das was wir heute sind. Und nicht Sie haben darüber...“ </em></p> <p><em>Edin Hasanovic: „Ja, ich weiß. Sie aber auch nicht. Das macht ne Frau. Seit Jahren schon.“ </em></p> <p><em>Loriot: „Das ist mir neu.“</em></p> <p> </p> <p>Iris Berbens anschließender Auftritt wird auf der großen Videowall in roten Lettern als „Chef“ tituliert, schließlich ist sie ja Präsidentin der Deutschen Filmakademie. Moderator Hasanovic hingegen wird als „Co-Chefin“ auf selbiger Fläche angekündigt. It’s all about gender. Dabei geht der nach Eigenaussage permanent als Problem-Jugendlicher oder Problem-Erwachsene besetzte Schauspieler durchaus als männlicher kraftstrotzender Archetypus durch. Sein Satz „Ich bin nicht nur ein unfassbar talentierter Schauspieler, sondern auch eine hochgradig attraktive Frau“ versandet ohne Applaus. Ebenso leider Hasanovics Appell: „Wir, die Branche, die Filmakademie, wir alle haben jahrzehntelang Machtmissbrauch geduldet. Aber um es mit den Worten unseren amerikanischen Kollegen zu sagen: Time’s up. Beruhigen Sie sich, wir haben leider nicht soviel Zeit über die wichtigen Dinge zu sprechen. Heute Abend geht es um den deutschen Film.“ Es bleibt kompliziert.</p> <p> </p> <h4><strong>Gute Komplizen, schlechte Komplizen</strong></h4> <p>Iris Berben hat sich bei Preisverleihungen einen eigenen Terminus geschaffen für die Menschen, denen sie ihren Dank ausspricht: „Das sind meine Komplizen.“ Diejenigen wissen dann schon, wer gemeint ist. Und das ist das höchste Lob, als Komplize von Iris Berben bezeichnet zu werden. Die Wortwahl jedoch ist interessant: Komplizen, das bezeichnet laut Duden „Mittäter“, ist im Deutschen zumeist negativ und kriminell konnotiert. Komplizen beim Filmemachen, na klar: Da dreht man ja auch ein Ding. Auch wenn es nicht ganz so krumm ist. Die sprachliche Verbindung zwischen der Komplizenschaft beim Kriminalistischen wie im Kino scheint jedenfalls zu passen. „Komplizen Film“ ist zugleich der Name einer der führenden deutschen Produktionsfirmen, die nach Maren Ades <a href="/film-kritiken-trailer/toni-erdmann"><strong>Toni Erdmann</strong></a> nun auch Valeska Grisebachs mit der Lola für den Besten Film in Bronze ausgezeichneten <a href="/film-kritiken-trailer/western"><strong>Western</strong></a> entstehen ließen. <strong>Western</strong> zeigt das Aufeinanderprallen von Berliner Bauarbeitern (allesamt Laien, auf echten Baustellen gecastet) mit der bulgarischen Dorfbevölkerung, wo sie einen Staudamm errichten sollen. Dabei lässt Valeska Grisebach Männerfiguren zum Leben erwecken, die es seit Götz Georges Schimanski in dieser Drastik, Rohheit und Verschmutztheit nicht mehr so konsequent im deutschen Kino gegeben hat.</p> <figure role="group"><img alt="Meinhard Neumann in &quot;Western&quot;, Copyright: Komplizen Film" data-entity-type="file" data-entity-uuid="e1f4768a-8273-4b33-918f-15148033f18b" src="/sites/default/files/inline-images/59c4f4c25a2c0_c.jpg" /><figcaption>Meinhard Neumann in "Western", Copyright: Komplizen Film</figcaption></figure><p>Umso bemerkenswerter, dass dieses Ur-Männerbild ebenso seinen Platz im Preisregen der Filmakademie gefunden hat wie Fatih Akins <a href="/film-kritiken-trailer/aus-dem-nichts-2017"><strong>Aus dem Nichts</strong></a>. Neben dem Golden Globe erhielt das Werk den Deutschen Filmpreis in Silber – und noch dazu die Lola für das Beste Drehbuch an Fatih Akin und Ehrenpreisträger Hark Bohm, der nur erwiderte: „Das ist zu viel.“ Und Fatih Akin, der fast schon entschuldigend gegenüber seiner Star-Schauspielerin Diane Kruger ausrief: „Jeder Preis, den dieser Film gewinnt, ist dein Preis.“ Denn in der Tat lebt <strong>Aus dem Nichts</strong> von dem Furor und der Tiefe der Figur, die Diane Kruger als Opfer eines rechtsradikalen Anschlags durchlebt. Ihr Mann und ihr Sohn sind tot, danach muss sie sich und ihren Gatten auf Grund des Migrationshintergrunds und eventueller Drogenvergangenheiten eher verteidigen als dass die Täter bestraft werden. Die Analogie zum NSU liegt nahe. Ihre Rachegedanken gehen bis hin zur Selbstjustiz, da die Obrigkeit nicht durchgreift. Sie ist die vielleicht stärkste Frau unter den filmpreisgekrönten Figuren, und sie wird alleine gelassen. Steht das auch symptomatisch für die Filmbranche?</p> <figure role="group"><img alt="Diane Kruger in &quot;Aus dem Nichts&quot;, Copyright: Warner Bros. Germany" data-entity-type="file" data-entity-uuid="b6c54335-cbcc-4b8e-8c34-2169d892387c" src="/sites/default/files/inline-images/ausdemnichts_1.jpg" /><figcaption>Diane Kruger in "Aus dem Nichts", Copyright: Warner Bros. Germany</figcaption></figure><p> </p> <h4><strong>Die Hell’s Angels der deutschen Filmbranche</strong></h4> <p>„Ungleichberechtigung, dafür steht diese Branche exemplarisch“, sagte die ehemalige Bundesfamilienministerin Katarina Barley im Februar in ihrem Grußwort zur Pro-Quote-Veranstaltung auf der Berlinale über sexualisierte Belästigung und Gewalt in der Film- und Fernsehbranche. Und so erschreckend diese Aussage an sich ist – es ging nicht einmal mehr ein Raunen durch das vollbesetzte Tipi vor dem Kanzleramt. Anneke Kim Sarnau rief als Laudatorin beim Deutschen Filmpreis aus: „Die Hell’s Angels haben einen höheren Frauenanteil als die deutsche Filmbranche, ihr Spacken.“ So berechtigt dieser Vorwurf angesichts eines Schauspielerinnenanteils der Altersstufe Ü50 von 1:6 gegenüber den männlichen Kollegen erscheint, so unangebracht war dieser Satz in der Situation der Laudatio.</p> <p>Denn da waren gerade die Nominierten für die Beste Tongestaltung eingeblendet worden – allesamt Männer. Männer jedoch, für die der Moment ihres vielleicht größten Erfolges (des Deutschen Filmpreises in ihrem Gewerk) mit Scham und Schuldgefühlen aufgeladen wurde. Und das sollte bei aller berechtigten Kritik am System und der Ungleichberechtigung in der Branche nicht vergessen werden: Wir brauchen alle, filmbegeisterte Männer wie Frauen, für ein gutes und funktionierendes Filmsystem in Deutschland. Da wäre gegenseitiger Respekt der richtige Weg, um gemeinsam Seite an Seite zu kämpfen. Und sich auch an der richtigen Stelle miteinander zu freuen, anstatt sich zu beschimpfen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch an alle Preisträgerinnen und Preisträger! Herzlichen Glückwunsch, deutscher Film!</p> </div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/iris-berben" hreflang="de">Iris Berben</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/fatih-akin" hreflang="de">Fatih Akin</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/valeska-grisebach" hreflang="de">Valeska Grisebach</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/emily-atef" hreflang="de">Emily Atef</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/marie-baeumer-0" hreflang="de">Marie Bäumer</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/deutscher-filmpreis-2018" hreflang="de">Deutscher Filmpreis 2018</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/aus-dem-nichts" hreflang="de">Aus dem Nichts</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/3-tage-in-quiberon" hreflang="de">3 tage in quiberon</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/western" hreflang="de">Western</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42238&amp;2=comment&amp;3=comment" token="TMf1Iwm1HmTjRENmuIrhRlH8_H0WM71QYRS5-pdp6sw"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/verfuehrte-verfuehrer-und-komplizierte-komplizen" data-a2a-title="Verführte Verführer und komplizierte Komplizen"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/urs-spoerri-0" hreflang="de">Urs Spörri</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-05-06T08:05:12Z">06.05.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>2017/18 ist ein starker Jahrgang für deutsche Filme. Auffällig ist jedoch die Figurenzeichnung: Verführer werden selbst verführt und vermeintliche Komplizen werden immer komplizierter. Was sagt dies aus über die deutsche Filmindustrie in Zeiten von #metoo?</p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Wed, 02 May 2018 08:05:11 +0000 KatrinDoerksen 42238 at https://www.kino-zeit.de Jung, Jüdisch, Unsichtbar https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/jung-juedisch-unsichtbar <span>Jung, Jüdisch, Unsichtbar</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>20.04.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Am 12. April 2018 stand der deutsche Antisemitismus wieder im Rampenlicht. Diesmal sogar vom Privatsender <em>Vox</em> in der Primetime live übertragen. Die Rapper Kollegah und Farid Bang wurden nämlich an diesem Donnerstagabend für ihr Album <em>Jung, Brutal, Gutaussehend 3</em> mit einem Echo ausgezeichnet. Und das obwohl bereits ihre Nominierung auf öffentlichen Protest stieß.</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-04/zucker.jpg?itok=WRMd85wa" width="940" height="530" alt="Alles auf Zucker - Bild" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">X Verleih</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">Alles auf Zucker - Bild</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Textstellen der Rapper wurden als antisemitisch kritisiert. In Farid Bangs und Kollegahs aktuellem Album finden sich nämlich Zeilen wie diese: „Mache wieder mal ‘nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow“. Auf der Bonus-EP des Albums heißt es im Song <i>0815</i> zudem: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Dass in Kollegahs <i>Apokalypse-</i>Video<b> </b>der Diener des Teufels einen Davidstern trägt, fiel vielen erst an dieser Stelle auf. Vehement werden nun deswegen der Echo, die deutsche Musikindustrie, ja die ganze Kulturlandschaft für dieses kollektive Versagen verurteilt. </p> <p> </p> <h4><b>Antisemitismus gehört zu Deutschland </b></h4> <p>Doch das Problem liegt viel tiefer als im längst bekannten Antisemitismushang der deutschen Raplandschaft. Auch das Nachsehen des Echo-Ethikrats bezüglich der Nominierung passt in ein altbekanntes Muster. Denn das Problem des Antisemitismus ist ein gesamtdeutsches. Zwar werden Juden gern als Platzhalter und Katalysatoren in der deutschen Gesellschaft benutzt, um sich in letzter Zeit von der Präsenz des Islams in Deutschland zu distanzieren. So auch zuletzt als Alexander Dobrindt und Horst Seehofer von einer „christlich jüdischen Tradition“ Deutschlands sprachen – aus historischer Perspektive ein zynischer Akt der Instrumentalisierung. Gerne wird die Quelle des Antisemitismus in Deutschland als ein Problem des Islams verkauft. Doch auch die Echo-Preisverleihung besteht nicht nur aus dem Auftritt eines Farid Bangs und eines Kollegahs. In erster Linie spiegelt sie eine Medienlandschaft wider, in der antisemitische, frauenfeindliche und homophobe Aussagen toleriert werden. </p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/nguQ-YH-lJQ?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p> </p> <p>Denn wenn in einer Studie des <a href="https://www.protokoll-inland.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2017/expertenbericht-antisemitismus-in-deutschland.pdf?__blob=publicationFile"><i>Expertenkreises Antisemitismus</i></a> festgestellt wird, dass deutsche Bürger Aussagen wie „Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen“ mit 10 Prozent bejahen und mit 18 Prozent teils zustimmen, dann sind das sicher keine Ansichten, die nach Deutschland importiert wurden. Diese Ressentiments waren schon immer hier und werden vorerst bleiben. Der Antisemitismus in Deutschland fängt auf deutschen Schulhöfen an, wo jüdische Kinder schikaniert und angegriffen werden, und endet mit der Abwesenheit jüdischen Lebens im öffentlichen Raum und vor allem auf deutschen Leinwänden und Fernsehbildschirmen. Kollegahs bei Jugendlichen beliebte Musik leistet da einen ordentlichen Beitrag. Leider gibt es kaum populäre Gegenstimmen.  </p> <p> </p> <h4><b>Aus den Köpfen in den Fernseher</b></h4> <p>Wo bleibt das jüdische Leben auf deutschen Bildschirmen? Und wäre es nicht langsam Zeit, mehr davon zu sehen? Im Berliner <i>Tatort </i>hat man 2015 einen Anfang gewagt. Die Kommissarin Nina Rubin lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Berlin. Dass ihre Familie jüdisch ist, taucht nur am Rande auf. Bloß in einer Folge steht die Bar Mitzwa des jüngeren Sohnes im Mittelpunkt: Sie bringt die Kommissarin und ihren Mann einander wieder näher, nachdem er im großen Streit mit dem älteren Sohn aus der Wohnung gezogen ist. Denn das eigentliche Dilemma von Nina Rubin ist nicht ihr Judentum, sondern ihre Faszination mit dem Berliner Nachtleben, die ihrem Mann über die Jahre zu viel wird. Eine Bar Mitzwa als Familienfest, das die Eltern wieder zusammenbringt. Quasi wie eine Konfirmation oder ein <i>Supersweet Sixteen</i>. So könnte es öfter laufen. Tut es jedoch leider immer noch zu selten. </p> <figure role="group"><img alt="Meret Becker als Nina Rubin im Berliner Tatort" data-entity-type="file" data-entity-uuid="eb95140f-e753-46db-b2c3-689d3e1c80a8" src="/sites/default/files/inline-images/media.media_.5ab2a17a-f4b6-4a66-a684-e6f651dd5299.original1024.jpg" /><figcaption>Meret Becker als Nina Rubin im Berliner Tatort, Foto: rbb</figcaption></figure><p>In Lea Wohl von Hasselbergs Buch <i>Und nach dem Holocaust? Jüdische Spielfilmfiguren im (west-)deutschen Film und Fernsehen nach 1945</i> kann man nachlesen, dass es auch heute noch bestimmte jüdische Charaktertypen gibt, die gerne in deutschen Filmen auftauchen. So zum Beispiel der jüdische Liebhaber. Ein Exot, der jedoch nicht die große Liebe des Hauptcharakters sein wird. „Fiktive jüdische Figuren stehen immer auch vor dem Dilemma, dass sie etwas sichtbar machen müssen, was eigentlich nicht visuell erkennbar ist“, schreibt von Hasselberg. Statt für sich selbst stehende Charaktere zu sein, spiegeln sie „gesellschaftliche Verhältnisse in Deutschland und charakterisierten nichtjüdische Figuren durch ihre Beziehung zu diesen.“ Das klingt ernüchternd. </p> <p>Doch auch, dass es durchaus Fortschritt gibt, lernt man in von Hasselbergs Buch. Seit der Wiedervereinigung und der Migration vieler osteuropäischer Juden nach Deutschland öffneten sich auch die Grenzen der jüdischen Darstellungen. Durch diese detaillierte Darstellung der jüdischen Tradition entstand jedoch eine Art Missverständnis. Zwar kamen damit jüdische Figuren endlich auf die Leinwand, doch mit der Betonung jüdischer Traditionen wurden gleichzeitig auch die Unterschiede zur deutschen Restgesellschaft betont. </p> <p> </p> <h4><b>Nicht alles Zucker</b></h4> <p>Sicherlich ein gutes Beispiel ist Deutschlands Publikumsliebling <b><a href="/filme/alles-auf-zucker">Alles auf Zucker</a> </b>–<b> </b>quasi pure jüdische Exotik für den deutschen Zuschauer.<b> </b>Der ehemalige Sportkommentator Jackie Zucker hat längst mit dem Judentum abgeschlossen. Er ist ein Berliner durch und durch. Doch als ihm wegen seiner Schulden die Zwangshaft angedroht wird, stirbt plötzlich seine Mutter, die angeblich ein großes Erbe hinterlassen hat. Die einzige Bedingung, dass es eingelöst wird: Jackie muss zusammen mit der Familie seines tief gläubigen Bruders nach jüdischer Tradition sieben Trauertage, eine <i>Schiwa</i>, gemeinsam verbringen. Zuckers nichtjüdische Frau macht sich deswegen auf, um die wichtigsten Attribute eines jüdischen Haushalts einzukaufen. Dabei erlebt man ihre Frustration. Im koscheren Laden ist, natürlich, alles viel zu teuer und die jüdischen Regeln sind so unflexibel, dass sie keinen Spaß machen. Ein besonderes Exemplar ist Jackies Bruder, eine Karikatur des gläubigen Juden par excellence. Man muss sich fragen, was der Film, von jüdischen Zuschauern sicherlich mit einem Augenzwinkern verstanden, beim Rest der Zuschauerschaft ausgelöst hat.  </p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/Mnhh39uN1R0?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p> </p> <p><b>Alles auf Zucker</b> ist ein Film voller jüdischer Selbstreflexionen. Das ist auch gut so. Aber wenn das die einzige Art der Darstellung jüdischen Lebens in Deutschland ist, dann muss man sich fragen, was die deutsche Mehrheitsgesellschaft davon mitnimmt: Zwei jüdische Brüder, die eine jüdische Tradition einhalten, um am Ende an das Geld ihrer Mutter zu kommen. Sicher ist die Idee nicht neu und könnte auch in einem anderen Milieu spielen. Doch bleibt am Ende ein komischer Nachgeschmack, bedenkt man, dass es sich hierbei um eine der wenigen Repräsentationen des Judentums in Deutschland handelt. </p> <p> </p> <h4><b>Mehr Gefühl, mehr Druck</b></h4> <p>Natürlich ist es schwierig, eine so kleine Gruppe der Bevölkerung abzubilden. Und man könnte auch den Anspruch darauf hinterfragen. Doch es scheint bitter nötig, die Normalität des jüdischen Lebens auf der Leinwand und im Fernsehen zu reproduzieren. Dies hätte zweierlei Wirkung: Auf der einen Seite wäre es ein Zuwinken, vor allem auch der heranwachsenden Generation jüdischer Kinder, ein <i>Ich sehe dich, und ich kenne auch deine Geschichten. </i>Auf der anderen Seite würde es aber auch zur einer breitflächigen Aufklärung derjenigen Bevölkerungsteile kommen, die mit der jüdischen Kultur sonst nicht in Berührung kommen. Wenn das Judentum denn nun zu Deutschland gehört, wie mehrfach von der Politik behauptet, dann sollte man es auch dementsprechend visuell abbilden. Immerhin haben zumindest die Öffentlich-Rechtlichen einen Bildungsauftrag zu erfüllen. </p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/tM9JyA6PlZ8?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p> </p> <p>Ein guter erster Ansatz wäre zum Beispiel die neue multimediale Serie <b>DRUCK</b> gewesen, eine Produktion vom ZDF-Jugendableger <i>Funk</i>. Hier wird anhand einer Berliner Oberstufe der Querschnitt einer modernen deutschen Großstadtgesellschaft recht gut abgebildet. Dort vereinen sich die Charaktere des deutschen Bildungsbürgertums mit dem Mittelstand und mit Jugendlichen mit diversen „Migrationshintergründen“. Sie alle haben ihre eigenen Probleme und Alltagskämpfe, doch viele überschneiden sich. Und das ist das Wichtige an der Serie. Denn die Probleme eines 17-Jährigen kurz vor dem Abitur sind einerseits universell, andererseits unterscheiden sie sich jedoch je nach Herkunft in vielen Nuancen. Vielleicht fehlt da eben doch ein jüdischer Jugendlicher, der mal auf dem Schulhof fertig gemacht oder dessen Bekannter mal auf offener Straße angegriffen wurde, weil er eine Kippa trug. Dessen Großeltern von einer traumatisierten Überlebendengeneration großgezogen wurden, die das Trauma möglicherweise an die eigenen Eltern weitergegeben haben. Der oder die vielleicht gar nicht mehr erzählen mag, dass die eigene Familie jüdisch ist, weil man sich dann immer wieder aufs Neue blöden Fragen zu Israels Siedlungspolitik stellen oder erklären muss, warum die „Juden sich immer vom Rest der Gesellschaft abspalten“. Das wäre auf jeden Fall ein guter Ansatz für einen Charakter oder gar zwei oder drei. Vielleicht nicht mehr bei <b>DRUCK</b>, aber vielleicht ja bald irgendwo anders.</p> </div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/dani-levy" hreflang="de">Dani Levy</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/hannelore-elsner-0" hreflang="de">Hannelore Elsner</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/henry-huebchen-0" hreflang="de">Henry Hübchen</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/meret-becker-0" hreflang="de">Meret Becker</a></div> <div class="field--item"><a href="/personen/kollegah" hreflang="de">Kollegah</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/judentum" hreflang="de">Judentum</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/antisemitismus" hreflang="de">Antisemitismus</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/echo-2018" hreflang="de">Echo 2018</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/tatort" hreflang="de">Tatort</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/kolumne" hreflang="de">Kolumne</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42108&amp;2=comment&amp;3=comment" token="pwhwu-uGeq-Af--GES4ZuKe2rkV6gX7bRZcUKnlbH28"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/jung-juedisch-unsichtbar" data-a2a-title="Jung, Jüdisch, Unsichtbar"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/olga-galicka-0" hreflang="de">Olga Galicka</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-04-30T06:00:00Z">30.04.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Ist die Präsenz antisemitischer Aussagen Kollegahs und Farid Bangs beim Echo symptomatisch für die deutsche Medienlandschaft? Und wo finden sich eigentlich Darstellungen jüdischen Lebens in Deutschland? Eine Kolumne.</p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Fri, 20 Apr 2018 11:31:18 +0000 KatrinDoerksen 42108 at https://www.kino-zeit.de Werdet erwachsen! https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/werdet-erwachsen <span>Werdet erwachsen!</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>18.04.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Heutzutage können uns Serienheld_innen mal eben ein ganzes Wochenende rauben, indem sie uns zum <em>Binge Watching</em> einer kompletten Staffel (oder mehr) verführen; einst vermochten sie indes unseren Alltag zu strukturieren, indem sie etwa jeden Samstagnachmittag über unsere Bildschirme flimmerten. So erging es mir mit der US-Hitserie <strong><em>Beverly Hills, 90210</em></strong>, die als Inbegriff der Jugendserie galt und gilt: Zwischen 1990 und 2000 entstanden in zehn Staffeln insgesamt 292 Episoden, in welchen eine Clique von (zunächst) vier jungen Frauen und vier jungen Männern in der Highschool, auf dem College und in den ersten Berufsjahren gezeigt wird.</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-04/teenies.jpg?itok=yrg-6nkz" width="940" height="530" alt="Die Hauptfiguren aus &quot;Beverly Hills, 90210&quot;, &quot;Riverdale&quot; und &quot;Dawson&#039;s Creek&quot;" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Fox Network/Netflix/Columbia TriStar</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">Die Hauptfiguren aus &quot;Beverly Hills, 90210&quot;, &quot;Riverdale&quot; und &quot;Dawson&#039;s Creek&quot;</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Die kleinen und großen Dramen um die Zwillinge Brandon und Brenda, die mit ihren Eltern in die titelgebende kalifornische Stadt ziehen, waren vor allem Anfang der 1990er Jahre äußerst beliebt – und auch ich entdeckte sie für mich, als ich circa neun Jahre alt war. Am ehesten identifizieren konnte ich mich damals mit der tendenziell anstrengenden, meist überdramatisch reagierenden Brenda und der super-freundlichen Donna – was irgendwie ein sehr seltsamer Widerspruch in sich ist. Schon damals ist mir ansatzweise aufgefallen, dass das Hauptpersonal der Serie überaus weiß sowie heteronormativ und das Identifikationsangebot (auch) deshalb ausgesprochen eingeschränkt ist; in vollem Umfang habe ich dies allerdings erst im Rückblick und aus einer gewissen zeitlichen Distanz bemerkt.</p> <figure role="group"><img alt="Die Highschool-Kids aus Beverly Hills, 90210; Copyright: Fox Network" data-entity-type="file" data-entity-uuid="cdd2a9df-393c-4f30-b21a-518424af53e1" src="/sites/default/files/inline-images/90210A.jpg" /><figcaption>Die Highschool-Kids aus <strong><em>Beverly Hills, 90210</em></strong>; Copyright: <em>Fox Network</em></figcaption></figure><p> </p> <p>„Als ein Aspekt der riesigen Popkulturindustrie beeinflussen Filme, wie wir über uns und die Welt um uns herum denken“, schreiben Harry M. Benshoff und Sean Griffin in ihrer filmwissenschaftlichen Publikation <em>Queer Images</em>. Nicht weniger – beziehungsweise seit einiger Zeit vielleicht sogar noch mehr – trifft dies wohl auf Serien zu, deren Figuren wir oft jahrelang begleiten können.</p> <p>Da Serien die Welt also nicht nur wiedergeben, sondern diese durch ihren hohen Einfluss (und ihren Suchtfaktor) gewissermaßen auch in unseren Köpfen <em>herstellen</em>, ist natürlich die Frage interessant, welche Welt das denn eigentlich ist, die darin entworfen wird. Bedeutsam ist dies nicht zuletzt bei erfolgreichen Serien wie <strong><em>Beverly Hills, 90210</em></strong>, die vor allem junge Menschen als Zielgruppe haben – also Zuschauer_innen in einem Alter, in welchem die Identitätssuche eine besonders große Rolle spielt.</p> <p>Zunehmend wird in den (sozialen) Medien das Thema Diversität beziehungsweise der Mangel an Diversität in älteren und aktuellen Jugendserien diskutiert. Einige Bereiche, die dieser Begriff umfasst, etwa Behinderung oder Religionszugehörigkeit, werden sowohl in den Serien als auch in den Debatten darüber bisher leider kaum berührt; andere werden in den Serien zwar durchaus behandelt, nicht selten jedoch auf eine allzu oberflächliche oder gar problematische Art und Weise. Insbesondere zwei Aspekte – Ethnie und sexuelle Orientierung – geraten dabei immer wieder in den Fokus.</p> <p>In welcher Form widmen sich die Macher_innen von Teenager-Serienhits also diesen beiden Themen? Und wie hat sich der Umgang mit diesen im Laufe der Zeit verändert – von Serien, die von einem adoleszenten Publikum noch im klassischen Fernsehprogramm verfolgt wurden (wie <strong><em>Beverly Hills, 90210</em></strong> einst von mir), über Serien, die ebenfalls noch im TV liefen, aber relativ zeitnah auch auf DVD zur Verfügung standen und inzwischen zur Gänze in den Katalogen der Streaming-Dienste angeboten werden, bis hin zu Serien, die (hierzulande) exklusiv <em>on demand</em> gesichtet und gebinget werden können?</p> <p> </p> <h4><strong>Schlichte Einsichten in komplizierte Sachverhalte</strong></h4> <p>Die ersten zwei Staffeln von <strong><em>Beverly Hills, 90210</em></strong> funktionieren überwiegend nach dem <em>Message-of-the-Week</em>-Prinzip: In jeder Folge werden ein bis zwei Sujets angesprochen, die in der Regel zu einem versöhnlichen Ende führen. Zu diesen zählt auch das Thema <em>Race</em>. In einer Folge von Staffel 1 gerät Brandon etwa mit seinem Schwarzen Mitschüler James aneinander, weil beide ins Basketball-Team der Schule aufgenommen werden wollen. Als Brandon James verdächtigt, die <em>West Beverly High</em> nur wegen seiner sportlichen Leistungen besuchen zu dürfen (da James außerhalb des Bezirks wohnt), wirft dieser ihm Rassismus vor. Letztlich kommt Brandon zu einer simplen Wir-sind-doch-alle-gleich-Erkenntnis: „We’re just two guys from the same school battling for the same spot on the same team.“</p> <p>Auch ein Flirt mit der hispanischen Karla dient in einer Episode in erster Linie dazu, dass Brandon einen kurzen Einblick in die Lebenssituation der hispanischen Bevölkerung von Los Angeles erhält. In den weiteren Serienjahren bleiben <em>People of Color</em> zumeist ebenso nur Neben- und Randfiguren; erst Mitte der achten Staffel wird mit Janet eine nicht-weiße Person eingeführt, die später zum Hauptcast zählt.</p> <p> </p> <h4><strong>Funktionsrolle in einer heteronormativen Narration</strong></h4> <p>Eine queere Figur findet sich indes unter der zentralen Clique gar nicht. In einer Folge von Staffel 2 erklärt eine neu etablierte Figur – der schüchterne Sportler Kyle – der Protagonistin Kelly, dass er sich nicht sicher sei, ob er sich zu Frauen hingezogen fühle. Auch spätere queere Figuren bleiben Gegenstand einer überschaubaren Abhandlung und entsprechen oft Stereotypen, wie etwa <a href="http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.3149/jms.0702.201?journalCode=mena&amp;">der AIDS-kranke Jimmy in Staffel 7</a>, den Kelly in einem Hospiz kennenlernt. Diesen Parts kommt stets die Funktion zu, die Hauptfiguren auf irgendeine Weise herauszufordern und zu deren Charakterentwicklung beizutragen; in Staffel 9 bewirkt der schwule und suizidale Ben zum Beispiel, dass zwei Cliquenmitglieder als Rettung in Erscheinung treten dürfen. Dass sich die Mutter eines Protagonisten in Staffel 9 als bisexuell erweist, wird hingegen eher als <em>comic relief </em>genutzt.</p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/COVgLJf8szE?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p> </p> <p>Das ist alles nicht nur dramaturgisch ziemlich schwach, es ist vor allem extrem ärgerlich: <em>People of Color</em> und queere Menschen werden nicht miteinbezogen, um deren mediale Sichtbarkeit zu erhöhen und vielfältigere Identifikationsangebote zu schaffen, sondern einzig um das weiße, heteronormative Zentrum zu stärken.</p> <p>In puncto <em>Race</em> ist auch eine Serie nicht wesentlich fortschrittlicher, die damals – teilweise durchaus zu Recht, wie ich finde – als Gegenentwurf zum mondän-realitätsfernen Kosmos von <strong><em>Beverly Hills, 90210</em></strong> bezeichnet wurde: <strong><em>Dawson’s Creek </em></strong>lief zwischen 1998 und 2003 in sechs Staffeln mit insgesamt 128 Folgen. Die Welt von Dawson, Joey, Jen und Pacey in der fiktiven Kleinstadt Capeside in Massachusetts ist ebenfalls sehr weiß.</p> <figure role="group"><img alt="Der Dawson’s-Creek-Hauptcast; Copyright: Columbia TriStar​​​​​​​" data-entity-type="file" data-entity-uuid="ba2b3f95-8c61-4f92-a9ea-ee7709c6b0a7" src="/sites/default/files/inline-images/DawsonA.jpg" /><figcaption>Der <strong><em>Dawson’s-Creek</em></strong>-Hauptcast; Copyright: <em>Columbia TriStar</em></figcaption></figure><p> </p> <p>Dass Joeys ältere Schwester Bessie mit dem Schwarzen Bodie zusammen ist und dies zu den Gründen zählt, weshalb die Potter-Familie in der Gemeinde einen Außenseiterstatus hat, wird (zu Beginn der Serie) zwar immer wieder erwähnt; zu einer ausgestalteten Persönlichkeit wird Bodie allerdings kaum, wie Stephanie Georgopulos in einem <a href="https://thoughtcatalog.com/stephanie-georgopulos/2013/01/top-5-most-racist-moments-on-dawsons-creek/">kritischen Artikel</a> feststellt. Dem Schwarzen Schuldirektor Howard Green kommt wiederum in Staffel 3 vor allem die Rolle zu, dass die Kids lernen, Protest zu üben und Ungerechtigkeit sowie Diskriminierung zu erkennen (statt sie selbst zu erfahren), als er nach der Suspendierung eines rassistischen Schülers auf Druck der Eltern aus seiner Stellung entlassen wird.</p> <p> </p> <h4><strong>Ein US-Fernsehmeilenstein</strong></h4> <p>Entschieden progressiver ist <strong><em>Dawson’s Creek</em></strong> derweil in der Integration einer queeren Figur: Jack stößt in Staffel 2 hinzu – zunächst als Konkurrent des Titelhelden um die Gunst von Joey, ehe er im Laufe der Staffel sein unfreiwilliges Coming-out erlebt und sich mit Mobbing in der Schule sowie mit der Homophobie seines Vaters auseinandersetzen muss. Bis zum Abschluss der Serie führt er diverse Beziehungen – der Kuss zwischen Jack und dem Studenten Ethan im Finale der dritten Staffel gilt als <a href="https://www.huffingtonpost.com/2015/04/09/dawsons-creek-true-love_n_6971230.html">erster leidenschaftlicher Kuss zwischen zwei Männern in einer Drama-Serie auf einem frei empfangbaren US-TV-Network</a>. Noch immer wird die Bedeutung der Figur <a href="https://www.rollingstone.com/culture/pictures/the-15-most-groundbreaking-gay-roles-on-television-20110125/jack-mcphee-on-dawson-s-creek-6aa5832">für die Fernseh-Historie</a> sowie <a href="https://www.bustle.com/articles/65849-kerr-smith-on-jack-mcphee-from-dawsons-creek-what-it-was-like-playing-an-lgbt">für das Erwachsenwerden einer Generation</a> Ende der 1990er und zu Beginn der 2000er Jahre hervorgehoben. Was mir bereits damals als jüngerer Zuschauer auffiel und ich auch heute noch feststelle, ist die angenehm klischeefreie Darstellung; Jack ist ein komplexer Charakter, kein zweckmäßig eingesetztes Handlungsinstrument.</p> <p>Eine queere weibliche Hauptfigur findet sich im Segment der Teenager-Mainstream-Serie indessen erst in <a href="/film-kritiken-trailer/pretty-little-liars-staffel-4"><strong><em>Pretty Little Liars</em></strong></a>. Der Mix aus <em>Coming-of-Age</em> und Mystery wurde zwischen 2010 und 2017 in sieben Staffeln ausgestrahlt; alle 160 Folgen gibt es inzwischen auf <em>Netflix</em>. Zu den vier jugendlichen Heldinnen der Serie, die in einem erdachten Ort in Pennsylvania angesiedelt ist, zählt Emily, die sich in der ersten Staffel gegenüber ihren Eltern und ihrer Freundinnen-Gruppe outet.</p> <figure role="group"><img alt="Die vier Protagonistinnen aus Pretty Little Liars; Copyright: ABC Family​​​​​​​" data-entity-type="file" data-entity-uuid="4c4c6e78-6f43-493e-bb0a-79dfa01adc3e" src="/sites/default/files/inline-images/PrettlyLittleLiarsA.jpg" /><figcaption>Die vier Protagonistinnen aus <strong><em>Pretty Little Liars</em></strong>; Copyright: <em>ABC Family</em></figcaption></figure><p> </p> <p>Wie Jack aus <strong><em>Dawson’s Creek</em></strong> existiert auch Emily nicht nur im Verhältnis zu den heterosexuellen Figuren, um deren Entwicklung voranzutreiben; ihr Innenleben und ihre (Liebes-)Beziehungen werden gleichberechtigt behandelt – und wie Jack ist auch Emily im Finale der Serie ein glückliches Ende vergönnt. Dass das Zeigen von lesbischen Beziehungen in einem Jugendformat selbst in den 2010er Jahren im US-Kabelfernsehen noch kontrovers sein kann, schildert der Schauspieler Ian Harding, der in <strong><em>Pretty Little Liars</em></strong> den Lehrer Ezra verkörpert, welcher mit der Schülerin Aria eine Affäre hat: Als er erfahren habe, dass eine Firma ihre Werbeschaltungen für die Sendung zurückgezogen habe, da sie die Darstellung einer Beziehung nicht befürworte, sei er davon ausgegangen, es gehe dabei um die illegale Lehrer-Schülerin-Beziehung zwischen Ezra und Aria – bis ihm erklärt wurde, dass es <em>Emilys</em> Beziehung sei, in der besagte Firma ein Problem sehe.</p> <blockquote> <p>„Man könnte meine Figur gesetzlich als Vergewaltiger bezeichnen, doch diese Leute finden: ‚Ich weiß, aber Liebe kennt eben keine Grenzen – solange ein Penis und eine Vagina involviert sind.‘“ (Harding im Interview mit <a href="https://www.cosmopolitan.com/entertainment/a9213772/pretty-little-liars-cast-interview/?src=socialflowTW"><em>Cosmopolitan</em></a>)</p> </blockquote> <p> </p> <h4><strong>Wir verdienen Besseres!</strong></h4> <p>Trotz der positiven Zeichnung von Emily wird die Serie für ihre Präsentation von <em>LGBTQ</em>-Figuren allerdings auch scharf kritisiert – insbesondere deshalb, weil das queere, weibliche Nebenpersonal äußerst klischiert daherkommt: In <strong><em>Pretty Little Liars</em></strong> seien mehr queere und Trans*-Frauen getötet worden als in jeder anderen TV-Serie, heißt es in einem <a href="https://www.autostraddle.com/pretty-little-liars-has-now-killed-more-queer-and-trans-women-than-any-other-tv-show-347270/">Essay</a> von Heather Hogan. So starben drei als psychopathisch geschilderte Antagonistinnen, darunter die Trans*-Frau CeCe. Der plötzliche Tod dieser Figuren sowie deren Dämonisierung entsprechen zwei <a href="https://lgbtfansdeservebetter.com/tropes/">Tropen</a> der Film- und Fernsehgeschichte (<a href="https://lgbtfansdeservebetter.com/bury-your-gays/"><em>Bury Your Gays</em></a> und <a href="https://lgbtfansdeservebetter.com/tropes/evil/"><em>Evil</em></a>), auf die etwa die Online-Bewegung <a href="https://lgbtfansdeservebetter.com/about/"><em>LGBT Fans Deserve Better</em></a><strong> </strong>hinweist.</p> <p>Was die ethnische Vielfalt betrifft, bildet Emily im weißen Hauptcast ebenfalls die Ausnahme: Indessen die Figur in der zugrunde liegenden, gleichnamigen Buchreihe auch eindeutig als weiß gekennzeichnet ist, hat sie in der Serie philippinische Wurzeln. In der Besetzung der Nebenparts ist <strong><em>Pretty Little Liars</em> </strong>(immerhin) diverser ausgerichtet als Serien wie <strong><em>Beverly Hills, 90210</em></strong><em> </em>oder <strong><em>Dawson’s Creek</em></strong>.</p> <p>Dies lässt sich auch über <strong><em>Riverdale</em></strong> sagen – eine weitere Mischung aus Adoleszenz- und Mystery-Geschichte, die 2016 auf dem US-Fernseh-Network <em>The CW</em> begann und in Deutschland exklusiv auf <em>Netflix</em> gestreamt werden kann. Die Abenteuer von Archie und seiner Clique basieren lose auf der in den frühen 1940er Jahren<em> </em>entstandenen <em>Archie</em>-Comicserie – und sind entsprechend poppig gestaltet. Während die vier zentralen, jungen Figuren weiß und heterosexuell sind, gehören einige <em>People of Color</em> sowie queere Personen zum Stammpersonal, darunter der schwule Schüler Kevin sowie die Schwarze Schülerin Josie, deren Mutter als Bürgermeisterin der fiktiven, titelgebenden Stadt arbeitet, und Toni, die ebenfalls <em>of Color</em> ist und sich als bisexuell identifiziert.</p> <figure role="group"><img alt="Die Hauptfiguren aus Riverdale; Copyright: Netflix​​​​​​​" data-entity-type="file" data-entity-uuid="c0584a6c-c707-4cf2-bdc2-ab1ac9ada62e" src="/sites/default/files/inline-images/RiverdaleA.jpg" /><figcaption>Die Hauptfiguren aus <strong><em>Riverdale</em></strong>; Copyright: <em>Netflix</em></figcaption></figure><p> </p> <p>Wiewohl Kevin und Josie ihre eigenen Geschichten haben, werden sie doch allzu häufig auf Funktionen beschränkt: die des schwulen besten Freundes beziehungsweise die der talentierten Musikerin, die mit ihren ebenfalls Schwarzen Freundinnen Valerie und Melody als Rock-Band auftritt. Diese Marginalisierung wurde <a href="https://medium.com/@AlexGabriel/riverdales-queer-problem-add14ffcefea">wiederholt</a> <a href="http://www.vh1.com/news/305436/archie-riverdale-sexuality/">moniert</a>; überdies wurde der Serie <a href="https://www.bustle.com/p/riverdale-queer-baiting-how-one-tweet-exposed-the-fan-conversation-we-need-to-pay-attention-to-52319"><em>Queer-Baiting</em></a> vorgeworfen, da in einem Trailer mit einem Kuss zwischen den Protagonistinnen Betty und Veronica geworben wurde, welcher innerhalb der Narration allerdings klar als Teil einer gewollt provokativen Cheerleading-Performance und nicht als romantische Geste ausgewiesen wird.</p> <p>Komplexer ist die Figur Cheryl, die zunächst als Intrigantin der Serie agiert, ehe sie Toni in Staffel 2 erzählt, sich zu Frauen hingezogen zu fühlen. Cheryl wird von ihrer strengen Mutter zur „Umerziehung“ zu einer ominösen Nonnen-Truppe geschickt. Auch dieser Strang wird in <strong><em>Riverdale</em></strong> in comichafter Überzeichnung in Szene gesetzt, als sei Cheryl in der Hochglanzversion eines 1950er-Jahre-Exploitationfilms gelandet. Dies ist ziemlich schade – da die krude Umsetzung vermutlich davon ablenkt, dass <a href="http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2016-03/beziehungen-homo-kolumne-ex-gay">Konversionstherapien religiöser Gruppen (nicht nur) in den USA noch immer Realität sind</a>, so sehr sie auch wie gruselige Relikte aus vergangener Zeit anmuten.</p> <p>Es hat sich somit zwar schon einiges in (US-)Teenagerserien getan, aber ganz eindeutig ist es noch nicht genug. Ebenso wie ihre Figuren müssen auch die Serien, die von ihnen erzählen, bitte endlich erwachsen werden, um rundum ernst zu nehmende Bilder und Geschichten zu liefern, in denen tatsächlich alle adäquat repräsentiert werden.</p> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/teenager" hreflang="de">Teenager</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/serien" hreflang="de">Serien</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/kolumne" hreflang="de">Kolumne</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/diversitaet" hreflang="de">Diversität</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/repraesentation" hreflang="de">Repräsentation</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/queer" hreflang="de">Queer</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/lgbtq" hreflang="de">LGBTQ</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/rassismus" hreflang="de">Rassismus</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/fernsehen" hreflang="de">Fernsehen</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=42070&amp;2=comment&amp;3=comment" token="EVVMf_cqWp0-dQgopRCb5HCneBifWKOCFdZaNeKF4E8"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/werdet-erwachsen" data-a2a-title="Werdet erwachsen!"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/andreas-koehnemann-2" hreflang="de">Andreas Köhnemann</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-04-18T08:34:42Z">18.04.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Wie divers sind eigentlich die großen Jugendserien-Hits, mit denen wir aufwachsen? Welchen (Mikro-)Kosmos entwerfen sie hinsichtlich Ethnie und Sexualität? Und gab es in den letzten drei Dekaden überhaupt Fortschritte?</p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Wed, 18 Apr 2018 08:34:42 +0000 KatrinDoerksen 42070 at https://www.kino-zeit.de Filme, die wir zu kennen glauben https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/filme-die-wir-zu-kennen-glauben <span>Filme, die wir zu kennen glauben</span> <span><span lang="" about="/user/70" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">KatrinDoerksen</span></span> <span>10.04.2018</span> <div class="field field--name-field-kurztext field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Elisa ist 9 Jahre alt und hat bis vor kurzem noch nie einen "<strong>Star Wars"</strong>-Film gesehen. Ihre Eltern wollen ihr einfach nicht erlauben, die Filme der Weltraumsaga zu erleben, weil sie erst ab 12 Jahren freigegeben sind. Das stinkt Elisa mächtig, vor allem weil in ihrer Klasse natürlich alle anderen Kinder die 9 Filme längst sehen durften. Trotzdem kennt sie alle bisherigen Filme in- und auswendig.</p></div> <div class="field field--name-field-bilder field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item"><article class="media media-bildmedien view-mode-grosse-klickstrecke-940x530-"> <div class="field field--name-field-bild field--type-image field--label-hidden field--item"> <img src="/sites/default/files/styles/grosse_klickstrecke_940x530_/public/2018-04/voKwdJO21VPlUpPxNXQ7ya1CLwI.jpg?itok=OYVDaGbF" width="940" height="530" alt="Angriff der Klonkrieger - Bild" typeof="foaf:Image" class="img-responsive" /> </div> <div class="field field--name-field-copyright field--type-string field--label-hidden field--item">Walt Disney Studios</div> <div class="field field--name-field-bildunterschrift field--type-string field--label-hidden field--item">Angriff der Klonkrieger - Bild</div> </article> </div> </div> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field--item"><p>Seit ihr vor ein paar Jahren ein befreundete Erwachsener einen Stapel „Force Attax“-Sammelkarten geschenkt hat, im Grunde eine Art Jedi-Quartett, ist Elisa Feuer und Flamme für <strong>Star Wars</strong>. Sie kennt jeden noch so kleinen Charakter mit Namen. Sie weiß genau, wer wann gegen wen kämpft und wie das Duell ausgeht. Überhaupt – das mag dem kämpferischen Charakter der Karten geschuldet sein – geht es in ihrer Sicht bei <strong>Star Wars</strong> hauptsächlich um Duelle. Politische Konflikte und Liebesgeschichten sind zweitrangig. Ihre Lieblingsszene aus der ganzen Filmreihe ist der Kampf zwischen Obi-Wan Kenobi und Count Dooku in <strong>Angriff der Klonkrieger</strong>, „wo dann später Yoda dazukommt“. </p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/rlRJLcy8NsA?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>Wie gesagt, Elisa hat <strong>Angriff der Klonkrieger</strong> nicht gesehen. Aber neben ihren Sammelkarten besitzt sie inzwischen auch mehrere Bücher zum Thema. Seit Weihnachten hat sie die Hörspiele auf CD. Und natürlich hört sie auch die farbenfrohen Beschreibungen ihrer Klassenkameraden immer wieder. Zu <strong>Star Wars</strong> existieren so viele Paratexte, dass Elisa keinen der Filme gesehen haben muss, um genau zu wissen, was im großen Fantasy-Franchise so alles passiert. Es reicht, dass sie alles drumherum kennt.</p> <p>Wie gut dieses Erlebnis gerade in einem so detailliert ausgearbeiteten Universum wie dem von <strong>Star Wars </strong>funktioniert, beweist auch das Buch <em>Star Wars: From a Certain Point of View</em>, das 2017 zum 40. Geburtstag des ersten Films erschien. Es zeichnet in 40 Kurzgeschichten die Handlung von <strong>Eine neue Hoffnung</strong> aus der Perspektive von Figuren nach, die im Film nur im Hintergrund zu sehen sind. Wer das Buch liest, erlebt <strong>Star Wars</strong> noch einmal, ohne den eigentlichen Film zu sehen. Lesende ertasten den Film sozusagen an seinen Rändern, als wären sie Ben Hur, dessen Film ja auch im Untertitel <strong>A Tale of the Christ</strong> heißt, obwohl er Christus’ Lebens- und Passionsgeschichte immer nur streift. In der Summe setzt sich das Bild aber trotzdem irgendwie zusammen. Ein faszinierendes Leseerlebnis.</p> <p>Somit ist es heute gar keine Seltenheit mehr, einen Film vermeintlich zu kennen, ohne ihn gesehen zu haben. Nicht umsonst hat sich unter manchen Filmfans eine Schule herausgebildet, in der versucht wird, sämtliches Marketingmaterial zu einem neu erscheinenden Film zu meiden, um sich nicht vorab in seinem Genuss stören zu lassen. Wer wird es ihnen verdenken können, so wie Trailer heute häufig aussehen? </p> <figure role="group"><img alt="Gary Oldman in &quot;Die dunkelste Stunde&quot;" data-entity-type="file" data-entity-uuid="137d29b1-78ae-4008-ae67-307aaeebb877" src="/sites/default/files/inline-images/xDarkest-Hour-Gallery-04.jpg.pagespeed.ic_.ZUWHW6cOnf.jpg" /><figcaption>Gary Oldman in "Die dunkelste Stunde"</figcaption></figure><p>Mit ein bisschen historischem Grundwissen, ein bisschen Seherfahrung und einem Trailer braucht man sich etwa einen Film wie <a href="/film-kritiken-trailer/die-dunkelste-stunde"><strong>Die dunkelste Stunde</strong></a> schon gar nicht mehr anzuschauen. Man kann sich ohnehin sehr genau vorstellen, wie der Film aussehen und sich anfühlen wird – wahrscheinlich wie <a href="/film-kritiken-trailer/the-kings-speech"><strong>The King’s Speech</strong></a>, nur eben mit Churchill statt mit Georg VI. Und je unsicherer sich Vermarkter bei der Qualität des Films sind, umso deutlicher zeichnen sie seine Umrisse vor: Im Jahr 2012 konnte ein Nutzer aus allen Trailern, Clips und TV-Spots, die Sony vorab zu <a href="/film-kritiken-trailer/the-amazing-spider-man"><strong>The Amazing Spider-Man</strong></a> veröffentlichte, eine 25-Minuten-Fassung des Films <a href="http://screencrush.com/watch-amazing-spider-man-online/">zusammenschneiden</a>, bevor der Film in den Kinos war.</p> <p>Noch häufiger verfolgt einen dieses Gefühl, den Film schon zu kennen, bei Klassikern. Diese sind einem im Laufe eines kulturellen Lebens schon so oft in Form von Parodien, Anspielungen und Nacherzählungen begegnet, dass man längst glaubt, sich die Arbeit auch sparen zu können. Muss ich noch Gene Wilders legendären Auftritt in <a href="/film-kritiken-trailer/charlie-und-die-schokoladenfabrik"><strong>Charlie und die Schokoladenfabrik</strong></a> sehen, wenn ich doch die <strong><em>Futurama</em></strong>-Folge „Fry and the Slurm Factory“ kenne? Ist <strong>Mein Essen mit André</strong> noch eine Sichtung wert, wo ich doch Handlung und zentrale Wendungen bereits über „My Dinner with Abed” aus <strong><em>Community</em> </strong>aufgenommen habe? Lohnt es sich noch, Al Pacinos <strong>Scarface </strong>2 Stunden und 50 Minuten meiner kostbaren Zeit zu widmen, wenn ich doch schon zu Studienzeiten dutzende “Say hello to my little friend”-Poster in den Zimmern meiner Kommilitonen gesehen habe?</p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/zXV623fizEk?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>Die Antwort, genau wie der Name der Billig-Eigenmarke von Rewe, lautet natürlich „Ja!”. Aber nicht nur aus dem offensichtlichen Grund, dass selbstverständlich kein indirektes Wissen über einen Film das direkte Erleben, mit Bildern, Musik, Inszenierung und realer Zeitdauer, ersetzen kann. Sondern auch, weil die Wahrnehmung eines Films über Bande oft Aspekte ausspart, die vielleicht weder dem Marketing im Vorfeld noch dem Gros jener, die den Film in seiner Rezeptionsgeschichte weiterverarbeiten, besonders wichtig erscheinen. Für den Einzelnen oder die Einzelne können sie aber einen großen Unterschied machen. Ben Hur hatte das Glück, Jesus Christus in den entscheidenden Momenten zu begegnen. Aber genauso hätte er wie im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_blinden_M%25C3%25A4nner_und_der_Elefant">hinduistischen Gleichnis</a> als blinder Mann einen Elefanten ertasten und sich ein völlig falsches Tier vorstellen können.</p> <p>Mir persönlich ging es beim Aufholen von Filmen, die ich längst zu kennen glaubte, immer wieder so. Alle Tanzszenen-Ausschnitte und der gesamte Bee-Gees-Soundtrack von <a href="/film-kritiken-trailer/saturday-night-fever"><strong>Saturday Night Fever</strong></a> konnten mich nicht auf die dreckigen Handkamera-Szenen des Sozialdramas vorbereiten, das sich zwischen John Travoltas Disco-Einlagen entfaltet und aus einem hübschen einen großartigen Film macht. Aus meiner Erstsichtung von <a href="/film-kritiken-trailer/apocalypse-now-redux"><strong>Apocalypse Now</strong></a> blieben mir weniger die zigfach referenzierten Walküren-Hubschrauber im Kopf, sondern vor allem die Dialoge und die sich endlos ziehende Reise ins Ungewisse. Und <a href="/film-kritiken-trailer/der-grosse-diktator"><strong>Der große Diktator</strong></a> überraschte mich damit, dass sein Höhepunkt nicht in der berühmten Szene besteht, in der Charlie Chaplin mit einer Erdkugel tanzt, sondern in einem langen, gesprochenen Appell an die Menschlichkeit. </p> <div class="video-embed-field-responsive-video form-group"><iframe width="854" height="480" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen" src="https://www.youtube.com/embed/rQohQnaT-8k?autoplay=0&amp;start=0&amp;rel=0"></iframe> </div> <p>Kurz gesagt: Filme sind oft ganz anders, als was wir glauben, über sie zu wissen. Sie indirekt zu erleben, über ein Netz aus Verweisen und Berührungspunkten, hat, wie im Fall von <em>A Certain Point of View</em>, zwar seine epistemologischen Reize. Die wahre Abgefahrenheit aber steckt darin, die vorgestellte Gestalt eines Films dem Realitätscheck zu unterziehen. Das gilt sogar für so exponierte, längst durch Millionen Prismen gebrochene Filme wie <strong>Star Wars</strong>. Man möchte glauben, dass selbst die Leute sie kennen, die sie nicht gesehen haben. Aber sie kennen sie eben nicht ganz. </p> <p>So ging es auch Elisa, als ihr Vater vor kurzem endlich einen Fußbreit nachgab und ihr erlaubte, <strong>Eine neue Hoffnung</strong> zu schauen. Es wäre zwar alles ungefähr so gewesen, wie sie es sich gedacht hatte, erzählt sie. Aber Luke hatte sie sich anders vorgestellt. „Wie genau?”, frage ich, wohl wissend, dass über die wahre Natur von Luke Skywalker unter Star Wars-Fans seit <strong>Die letzten Jedi</strong> ein <a href="https://medium.com/@josvchoi/the-last-jedi-on-the-character-assassination-of-luke-skywalker-38fe0190d01a">Deutungskrieg tobt</a>. Zum Glück sind Elisas Probleme mit dem über Jahre aufgestauten Bild in ihrem Kopf aber nicht ganz so gravierend. „Er hatte komische Schuhe”, sagt sie, „und seine Frisur war auch merkwürdig.”</p> </div> <div class="field field--name-field-filmtags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Personen</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/al-pacino" hreflang="de">Al Pacino</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/john-travolta" hreflang="de">John Travolta</a></div> </div> </div> <div class="field field--name-field-tags field--type-entity-reference field--label-above"> <div class="field--label">Tags</div> <div class="field--items"> <div class="field--item"><a href="/tag/kolumne" hreflang="de">Kolumne</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/star-wars" hreflang="de">Star Wars</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/rezeption" hreflang="de">Rezeption</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/zuschauer" hreflang="de">Zuschauer</a></div> <div class="field--item"><a href="/tag/fankultur" hreflang="de">Fankultur</a></div> </div> </div> <section> <h4 class="label" >Kommentare</h4> <drupal-render-placeholder callback="comment.lazy_builders:renderForm" arguments="0=node&amp;1=41969&amp;2=comment&amp;3=comment" token="ltsP71ERTD-SLuE12PJqPPoN7smQ7e69WzpmqF19ekU"></drupal-render-placeholder> </section> <span class="a2a_kit a2a_kit_size_24 addtoany_list" data-a2a-url="https://www.kino-zeit.de/news-features/kolumnen/filme-die-wir-zu-kennen-glauben" data-a2a-title="Filme, die wir zu kennen glauben"><div class="a2a_kit a2a_kit_size_24 a2a_default_style"> <a class="a2a_button_facebook"></a> <a class="a2a_button_twitter"></a> <a class="a2a_button_whatsapp"></a> <a class="a2a_button_facebook_messenger"></a> <a class="a2a_dd" href="https://www.addtoany.com/share"></a> </div></span> <div class="field field--name-field-aktuelles-kategorie field--type-entity-reference field--label-hidden field--items"> <div class="field--item">Kolumnen</div> </div> <span class="kritiker"><a href="/personen/alex-matzkeit-0" hreflang="de">Alex Matzkeit</a></span>vom modul heute<time datetime="2018-04-11T06:00:00Z">11.04.2018</time> <div class="field field--name-field-logline field--type-text-long field--label-hidden field--item"><p>Es gibt Filme, die glaubt man zu kennen, obwohl man sie nicht gesehen hat. Kein Wunder, bei der Menge Drumherum-Produkte, mit der moderne Blockbuster ausgestattet werden. Oft genug jedoch trügt der Schein.</p></div> <div class="field field--name-field-label field--type-entity-reference field--label-hidden field--item">Kolumnen</div> Tue, 10 Apr 2018 08:15:52 +0000 KatrinDoerksen 41969 at https://www.kino-zeit.de